Nadine Wagenaar wurde gekündigt – dafür schämt sie sich aber nicht. Viel mehr sieht sie es als Chance, das zu machen, was ihr wirklich Spaß macht, und nebenbei auch noch mit Vorurteilen aufzuräumen. Mittlerweile feiern sie rund 100.000 Instagram- und 55.000 TikTok-Follower für ihren lässigen Umgang mit der Arbeitslosigkeit (@heynadus). Uns hat Nadine im Interview verraten, was sie vor ihrer Kündigung gemacht hat und warum sie Hate-Kommentare gerne auch als Content-Quelle sieht.
Viele junge Leute haben heutzutage den Traumjob »Influencer«. Was war deine Motivation, diesen Berufsweg einzuschlagen?
Ich hatte vor ein paar Jahren meinen ersten Berührungspunkt mit Social Media, da kam eine Halbschwester auf mich zu. Sie hatte mit ihrem Freund zusammen ein Start-up gegründet – ein Vitalstoffkomplex bei Periodenbeschwerden – und sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, sie beim Marketing zu unterstützen. Wir hatten überhaupt kein Budget als Start-up, aber mit Social Media kannst du ja sehr kostengünstig sehr viel Reichweite generieren und dir dadurch einen hohen Bekanntheitsgrad erarbeiten.
Es hat mich allerdings sehr viel Überwindung gekostet, mein erstes Video hochzuladen – das war sehr aufregend für mich. Ich glaube, ich habe das erste halbe Jahr auch nur Lip-Sync gemacht. Ich habe es geliebt, mir zu überlegen, wie man einen Trending Sound auf unsere Nische, also Periode, Zyklusgesundheit und Frauengesundheit, anwenden kann. Und dann, als ich mich getraut habe, mich selbst vor die Kamera zu stellen und etwas zu erzählen, hat es auch Spaß gemacht, weil man seine eigene Entwicklungsreise sehen konnte. Das ist dann echt cool zu sehen, wie man immer mutiger vor der Kamera wird und wie die Videos immer besser werden.
Am Ende habe ich dann aber den Minijob kündigen müssen. Ich hatte gleichzeitig noch einen Vollzeitjob und hatte Angst, dass meine Leistung dort nachlässt, deswegen habe ich den Minijob gekündigt und mich schweren Herzens aus dem TikTok-Account ausgelockt. Dann kam anderthalb Jahre später die Kündigung von dem Vollzeitjob. Das macht natürlich sehr viel mit dir. Es ist ein Schock. Du bist traurig. Du bist wütend. Du fühlst dich unfair behandelt. Bei mir war aber auch der Gedanke: »Das musste passieren. Du musstest jetzt einfach mal ins kalte Wasser geschmissen werden, damit du dich traust, das zu machen, was dir wirklich Spaß macht.« Dadurch, dass mir das ganze Social-Media-Thema so positiv im Sinn geblieben ist, habe ich mir gedacht: »Jetzt hast du auch mal Zeit und du machst jetzt Social Media. Du probierst dich da jetzt einfach mal aus und versuchst, dir nebenbei etwas aufzubauen!«
Anfangs wollte ich etwas zu Themen erzählen, die mich persönlich sehr interessieren: Sport, Ernährung, Zyklus. Sporadisch habe ich dann auch angefangen, etwas über meine Arbeitslosigkeit zu erzählen. Das kam relativ spontan: Ich habe ein Video bei TikTok hochgeladen zum Thema »Ich heiße Nadine, ich wurde gestern gekündigt und das einzig Richtige, was man machen kann, ist laufen gehen«. Ich habe damals für den Berlin-Marathon trainiert und nach ein paar Tagen ist mir die Idee gekommen, dass sich daraus vielleicht ein Format machen lässt: Du zählst einfach die Kündigungstage hoch und machst all das, was man von einer Arbeitslosen nicht erwartet. Man erwartet, dass sie traurig ist, dass sie den ganzen Tag nur Bewerbungen schreibt, dass sie sich schämt, dass sie nicht darüber redet und dass sie so aussieht, wie im RTL2-Nachmittagsprogramm. Irgendwann habe ich nur noch den Arbeitslosen-Content zu machen, weil der sehr viel besser ankam als Sport und Ernährung. Ich habe dann auch immer mehr positive Nachrichten bekommen, etwa »Danke für den Content« oder »Ey cool, ich wünschte dein Content hätte es eher gegeben«.
Inzwischen motiviert mich nicht nur die Kreativität und die Freiheit, die man als Influencer hat, sondern auch, dass ich einen kleinen Unterschied mache, um das ganze Thema zu enttabuisieren und aus der Scham-Ecke zu holen. Um zu zeigen: Man muss sich nicht dafür schämen, arbeitslos zu sein. Es kann auch eine Chance sein für etwas Neues. Es gehört genauso zum Leben dazu wie eine Beförderung. Es muss nicht das Ende der Welt sein. Es kann am Ende jeden treffen. Das hat nichts mit asozial sein zu tun, so wie wir es aus dem RTL2-Programm kennen. Es ist auch wichtig zu zeigen, was für Möglichkeiten man aus der Arbeitslosigkeit heraus hat. Man kann sich zum Beispiel selbstständig machen oder sich umschulen oder weiterbilden lassen.
Was hättest du zu Beginn deiner Karriere als Influencerin gerne gewusst? Für welche Tipps wärst du sehr dankbar gewesen?
Du musst einfach erstmal machen. Ist ein richtig blöder Tipp, ich weiß, aber am Ende kann man nur so besser werden. Du musst ja erstmal rausfinden, was du gut vor der Kamera kannst. Bin ich jemand, der schwierige Themen innerhalb von einer Minute runterbrechen und die sehr unterhaltsam erzählen kann? Oder bin ich jemand, der so wie Helge Mark sehr gut schauspielern kann, sehr kreativ ist und sich verschiedene Sketche überlegen kann?
Ganz wichtig ist auch das Feedback aus der Community. Was kommt gut an? Was kommt nicht so gut an? Nur durchs Machen kann man das herausfinden. Durch das Feedback, das man erhält, kann man den Content immer weiter entwickeln, sodass er am Ende auch richtig gut wird.
Welche Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sollte ein Influencer vorweisen können, um erfolgreich zu werden?
Ich glaube, du brauchst eine »Scheiß-Egal-Haltung«. Sei es, weil du Hate-Kommentare bekommen wirst, oder sei es, weil ganz sicher Leute von früher über dich reden werden. Am Ende ist es so: Die Leute, die reden wollen, werden immer reden, egal was du machst. Man braucht einfach ein dickes Fell und den Mut, das alles durchzuziehen.
Man darf sich auch nicht mit anderen vergleichen oder sich runterziehen lassen. Das passiert leider sehr schnell – gerade auf Social Media, wo man andere Accounts anguckt und sich denkt: »Der macht viel hochwertigeren Content, warum kann ich das nicht so?« Da muss man ein bisschen selbstbewusster werden und sich davon nicht unterkriegen lassen.
Inwiefern beeinflussen Influencer die Lifestyle-Branche?
Influencer geben immer mehr den Ton vor in der Lifestyle-Branche. Ich habe auch das Gefühl, dass durch die ganzen verschiedenen Gesichter, die wir auf Social Media sehen, der Lifestyle auch viel individueller geworden. Dass da jeder seine eigene Persönlichkeit nach außen trägt. Klar, bei manchen Themen gibt es immer noch eine Einheitsbrühe, was gerade Trend ist und was man unbedingt haben muss, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass es so ein bisschen wieder Richtung Individualität und Ausdruck der Persönlichkeit geht.
Influencer sind für viele Menschen gleichzeitig Vorbilder. Lässt du dich auch selbst durch andere Influencer beeinflussen oder hast du deine persönlichen Idole woanders gefunden?
Nein, ich habe keine Influencer-Idole. Ich habe Leute, denen ich sehr gerne folge – da finde ich cool, was die machen. Ich gucke die Videos gerne, ich finde die sympathisch, aber seit ich selbst Content mache, hat sich mein Nutzerverhalten ein bisschen geändert: Ich gucke die Videos nicht mehr nur, um unterhalten zu werden, sondern auch, um zu sehen, wie andere Influencer etwas machen. Warum finde ich jetzt gerade das Video cool? Warum gucke ich das gerne? Das gibt mir vielleicht Ideen und inspiriert mich für künftige Videos. Aber richtige »Idole« habe ich nicht – einfach nur Leute, deren Content ich sehr gerne gucke.
Wie gehst du mit Kritik um?
Als Influencer musst du dir ein dickes Fell wachsen lassen. Es wird immer Leute geben, die ärgern wollen. Wenn sie es nicht auf deinem Account machen, dann machen sie es woanders. Am Ende des Tages sagt irgendein hässlicher Kommentar mehr über den Hater aus als über dich. Aber ich komme damit relativ gut klar.
Zum einen hatte ich auf Minijob-Basis ja schonmal Social-Media-Erfahrung gesammelt. Ich war es also schon gewohnt, dass auch hässliche Kommentare kommen können – »Du redest über die Periode, ekelhaft!«, »Man muss nicht alles im Internet erzählen« und so weiter. Bei meinem jetzigen Instagram-Account ist es dann eher »Du bist zu faul« oder »Wie kann man in dem Alter arbeitslos sein«. Aber ich kann darüber wirklich lachen. In der Nische, in der ich unterwegs bin, lassen mich solche Kommentare wirklich kalt. Mein Content ist ja irgendwie auch darauf aufgelegt, dass er triggert und provokant ist. Wenn ich Hate-Kommentare von Leuten bekomme, die diesen Content anscheinend nur sehr oberflächlich geguckt haben –ohne zu erkennen, dass es Satire ist und ich mit Klischees spiele –, dann kann ich die Kommentare nicht so wirklich ernst nehmen. Dann denke ich mir auch oft: »Schade, dass du den Content nur oberflächlich guckst. Dann verwerte ich deine Hate-Kommentare einfach in anderen Videos.« Also ist es eigentlich auch eine Content-Quelle. Wo sitzt aktuell der Schmerz? Was sind Themen, die man nochmal ganz gut aufgreifen kann? Hate-Kommentare sehe ich also gar nicht so kritisch. Am Ende macht man überhaupt nicht richtig Social Media, wenn man keine Hate-Kommentare bekommt. Die gehören halt leider dazu.
Bild: privat










