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Bill und Tom Kaulitz – 20 Jahre Sonnenschein nach dem Monsun

Bill Kaulitz und Tom Kaulitz – zwei Namen, die wie selbstverständlich in der deutschen Musik- und Medienlandschaft verankert sind. Seit Tokio Hotel 2005 die große Bühne eroberte, sind sie von Teenie-Idolen zu vielseitigen und etablierten Entertainern geworden, die doch immer wieder überraschen: mit neuer Musik, eigenen Formaten und einer Bereitschaft, sich neu zu erfinden, ohne die Wurzeln zu verraten. Wurzeln, die bis in die Gegenwart Anker für ihren Erfolg sind. Und das ist in einer Welt mit kurzer künstlerischer Halbwertszeit durchaus eine Kunst. Ihre Fans – oft jene der ersten Stunde – konnten den Zwillingen praktisch beim Aufwachsen zusehen. Aus den Bubis sind Männer geworden, die trotz aller Wandlungen authentisch geblieben sind. Bill ist nach wie vor der Schillernde und Tom ist der scheinbar Bodenständigere, der es in der zweiten Reihe ganz komfortabel findet.

Die Schattenseiten des Erfolgs

Geboren am 1. September 1989 in Leipzig, wuchsen die Zwillinge in Loitsche bei Magdeburg auf, wo sie schon im Kindesalter damit begannen, eigene Songs zu schreiben. Von Anfang an war der Stiefvater, ein Musiker, eine wichtige Stütze: Er förderte ihr Talent, organisierte erste Auftritte in der Region und ließ das Bandprojekt »Devilish« langsam Gestalt annehmen. 2001 stießen Georg Listing und Gustav Schäfer dazu, Tokio Hotel war geboren. Der Durchbruch kam 2005 mit »Durch den Monsun« – eine Single, die aus dem Stand weltweite Aufmerksamkeit erlangte, die Band in über 68 Ländern bekannt machte und ihnen internationale Awards einbrachte. Das Debütalbum »Schrei« katapultierte die Band an die Spitze, verkaufte sich millionenfach und machte die Zwillinge über Nacht zu Ikonen einer neuen Pop-Ära. Ihr markantes, androgynes Auftreten prägte eine ganze Generation von Fans und Medien gleichermaßen. Über Deutschlands Grenzen hinaus. Mit den Alben »Zimmer 483« und »Humanoid« festigten sie ihren Status, während die Band sowohl deutsche als auch englische Versionen ihrer Songs veröffentlichte und internationale Tourneen durch Europa, Asien und Amerika unternahm.

Doch der Mediensturm hatte auch seine Schattenseiten: Stalking-Fälle und ein Einbruch von Fans in ihr Zuhause führten 2010 zu einer Pause, einem Umzug nach Los Angeles und einer bewussten Auszeit, um Abstand zu gewinnen und sich neu zu sortieren. In den USA zogen sie sich zurück, um dem medialen Druck zu entkommen – ein Schritt, der sich als natürlicher Wendepunkt erwies und künstlerische wie persönliche Entwicklung befeuerte. Gleichzeitig war es für die Zwillinge eine Möglichkeit, abseits der Medien ein ganz normales Leben zu führen. In einem früheren Gespräch mit Verleger Julien Backhaus für das ERFOLG Magazin hatte Bill Kaulitz betont, dass sie in den Jahren nach ihrem großen Durchbruch kein Privatleben außerhalb der Band hatten. Zusätzlich begleitete sie das Gefühl nirgends dazuzugehören und Unsicherheit prägte ihren Alltag. Der Wunsch nach Normalität wuchs. Der Umzug in die USA geschah schließlich spontan und mehr oder weniger über Nacht. Für die Zwillinge ein notwendiger Schritt, um ihre Privatsphäre zurückzugewinnen und ein neues Kapitel – sowohl in ihrer Karriere als auch in ihrem Privatleben – zu starten.

Comeback mit neuem Sound

2014 kehrte Tokio Hotel mit »Kings of Suburbia« zurück, einem Album, das den Sound in Richtung Elektro- und Synthie-Pop verschob. »Kings of Suburbia« ist das erste Album welches die Band selbst produziert hat. Es folgten »Dream Machine« und weitere Kollaborationen, unter anderem mit »Vize«. Die Bereitschaft, sich neu zu erfinden, ohne die treue Fangemeinde zu verlieren, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Karriere.

Durch die eigenständige Produktion erlangte die Band schließlich auch im Musikbusiness ihre Freiheit zurück und hatte so die Möglichkeit, ihren eigenen Sound zu entwickeln und eine neue musikalische Richtung einzuschlagen. Mit diesem Schritt wollten sie sich unabhängig machen und ihre Vision ohne äußere Einflüsse umsetzen. Unserer Redaktion gegenüber erwähnten die Zwillinge, dass sie bereits früh um ihre Mitbestimmung im Musikgeschäft gekämpft hätten. Bei den Firmen galten sie als Band, laut eigenen Angaben, als eher unbeliebt und kompliziert.

Verantwortung sei schon immer etwas gewesen, was die Magdeburger gerne übernommen hätten. Bereits mit 15 zogen sie in ihre eigene Wohnung und gründeten Firmen um die Band »Tokio Hotel« herum. Eine Bürde, die sie vor ein paar Jahren noch in Frage stellten, wie Tom Kaulitz damals im Gespräch verriet. Er stellte den Drang nach Verantwortung in Frage und wünschte sich, sie hätten sich mehr Zeit gelassen und sich nicht zu viel auf einmal vorgenommen. Bill Kaulitz hielt dagegen. Für ihn stand fest: Dem Erfolg will man auch gerecht werden.

Ein Satz, der sich scheinbar über die Jahre gefestigt hat, denn auch jenseits der Musik zeigen Bill und Tom Kaulitz bis heute eine bemerkenswerte Vielseitigkeit. 2013 wirkten sie als Juroren bei »Deutschland sucht den Superstar« mit, 2023 übernahmen sie als Coaches bei »The Voice of Germany« eine neue Rolle – gemeinsam führten sie ihre Kandidatin Malou Lovis Kreyelkamp zur Siegertrophäe der 13. Staffel. Ihre Neugier führte zu weiteren Formaten: Der Spotify-Podcast »Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood« startete 2023 und entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg mit über 100 Folgen und mehreren Staffeln. Ein Live-Event in der Elbphilharmonie 2023 vor über 2.000 Zuschauern markierte einen weiteren Höhepunkt.

Die Zwillinge als Entertainer

2024 startete »Kaulitz & Kaulitz« als Reality-Serie auf Netflix und gewährte dem Publikum intime Einblicke in ihr Leben in Los Angeles, 2025 folgte eine Fortsetzung. Dazu kamen Moderationen wie »That’s My Jam« für RTL+, für die sie 2023 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden. Auszeichnungen wie der Deutsche Fernsehpreis 2023 und die 1LIVE Krone 2023 in der Kategorie »Beste Unterhaltung« belegen, dass Bill und Tom Kaulitz vieles richtig machen. Dazu gehört eben auch, dass sie sich selbst treu bleiben.

Ihre Einstellung zum Geld habe sich über die Jahre jedoch nicht verändert, erzählten die Zwillinge im Gespräch. Geld sei immer etwas Schönes für die beiden gewesen. Schon als Kinder haben die Brüder ihr Taschengeld selbst verwaltet und als Budget angesehen. Immer mit der Devise: Geld müsse Spaß machen. Das Meiste ihrer Einnahmen fließe jedoch in die Band beziehungsweise in ihre Karriere – teure Videos, teure Produktionen und Auftritte, also in das Projekt »Tokio Hotel«.

Die Fans hätten sich damals gewünscht, Tokio Hotel wäre ihrem Stil treu geblieben, so Tom Kaulitz. Es sei sogar finanziell interessanter gewesen. Doch für die Brüder sei das nicht authentisch. Denn eine strikte Trennung zwischen Karriere und Privatleben gebe es bei ihnen nicht. Und deshalb werde nicht nach Geld entschieden. Eine Einstellung, die nicht bei jedem auf positiven Zuspruch gestoßen ist. Von regelrechtem Karriere-Selbstmord sei die Rede gewesen. Alles Prophezeiungen, die bislang nicht zutrafen. Dafür hat Bill Kaulitz sich bewusst dazu entschieden seine Biografie so zu benennen: »Career Suicide«. Ein provokanter Titel, mit dem nicht nur die Herausforderungen und Missverständnisse reflektiert werden, sondern auch der Weg der eigenen Selbstfindung und die bewusste Entscheidung, sich künstlerisch neu zu definieren.

20 Jahre nach ihrem Erfolg mit »Durch den Monsun« halten sie kein Schild mit dem Songtitel zur Erinnerung hoch. Sie kleben nicht an ihrem ersten Hit, sondern gehen weiter, entwickeln sich, bleiben vertraut, überraschen, sind niemals austauschbar und lassen ihre Fans teilhaben, ohne sich anzubiedern. Sie gieren nicht nach Klicks; sie nehmen sie gern an. Ihre Musik folgt keinen Algorithmen, sie geht ihren Weg gemeinsam mit den Musikern. In einer schnelllebigen Zeit lassen sie sich nicht hetzen, schauen nicht nach Trends oder aufgestülpten Images. Sie sind einfach Bill und Tom. Dass sie mit ihrer Musik Millionen gemacht haben, ist ein netter Nebeneffekt.

Beitragsbild: IMAGO / Future Image (T. Bartilla)

Bei dem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag.