Viele Führungskräfte wünschen sich, gemocht zu werden. Sie möchten zugänglich, unterstützend und fair wahrgenommen werden. Das ist menschlich, das ist nachvollziehbar. Doch dort, wo Beliebtheit zum Ziel wird, verliert Führung ihre Kraft. Wer führen will, muss auch unangenehm sein können. Nicht aus Prinzip, sondern als Ausdruck von Haltung. Führung, die gefallen will, riskiert ihre Wirksamkeit. Genau das geschieht häufiger als man denkt.
Zwischen Harmoniebedürfnis und Verantwortungsflucht
Das Bedürfnis, gemocht zu werden, ist tief in uns verankert. Gerade empathische Führungspersönlichkeiten erleben oft einen inneren Konflikt. Einerseits wollen sie Klarheit schaffen, andererseits möchten sie Beziehungen nicht belasten. Also werden Botschaften weich verpackt, unangenehme Themen vertagt, Entscheidungen moderiert statt vertreten. Mit jedem vermiedenen Konflikt, mit jeder verwässerten Aussage sinkt die Führungskraft ein Stück tiefer in die Unverbindlichkeit. Was bleibt, ist Nähe ohne Richtung, Verständnis ohne Führung. Am Ende entsteht ein Klima, in dem sich alle wohlfühlen, aber niemand entwickelt.
Beliebtheit ist keine Führungsqualität
Gemocht zu werden ist angenehm, aber es ist kein Maßstab für Führung. Führung verlangt nicht Zustimmung, sondern Vertrauen. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen spüren, dass jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es unpopulär ist. Führung ist keine Abstimmung. Es geht nicht darum, Mehrheiten zu gewinnen, sondern darum, Entscheidungen zu treffen, Räume zu halten, Reibung zuzulassen. Beliebtheit ist trügerisch. Sie hängt oft von Zustimmung, Nähe und Kompromiss ab. Echte Führung braucht Unabhängigkeit und den Mut, auch dort zu stehen, wo es einsam wird.
Klarheit ist zumutbar
Viele Führungskräfte scheuen klare Worte, weil sie befürchten, Beziehungen zu gefährden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Unklare Führung beschädigt Beziehungen leise, aber nachhaltig. Menschen spüren, wenn etwas nicht stimmt. Wenn Führung ausweicht, statt zu stehen, wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben, wenn Entscheidungen mit zu viel Rücksicht verwässert werden. Klarheit ist keine Härte, sie ist eine Form von Respekt. Sie nimmt das Gegenüber ernst, ermöglicht Orientierung und macht Verlässlichkeit erlebbar.
Der emotionale Preis der Unverbindlichkeit
Wer dauerhaft versucht, es allen recht zu machen, zahlt einen hohen Preis, emotional wie systemisch. Führung wird anstrengend, weil sie ständig zwischen Nähe und Anspruch pendelt. Das Team wird orientierungslos, weil es nicht weiß, was zählt. Konflikte bleiben unbearbeitet, Spannungen wachsen im Verborgenen. Langfristig führt das zu einer Kultur der Vermeidung. Widerspruch wird gescheut, Verantwortung delegiert, Entwicklung gehemmt. Am Ende bleibt eine Fassade von Harmonie ohne echte Verbindung.
Verbindlich führen heißt nicht autoritär sein
Es geht nicht darum, hart zu werden, sondern klar. Nicht um Kontrolle, sondern um Präsenz. Nicht um Autorität durch Status, sondern durch Haltung. Verbindlichkeit zeigt sich dort, wo Führung sagt, was ist. Wo sie entscheidet, auch wenn nicht alle zustimmen. Wo sie zuhört, aber nicht jedem Wunsch folgt. Wo sie Beziehung ernst nimmt und deshalb auch Spannung zulässt. Verbindlichkeit ist die Brücke zwischen Klarheit und Vertrauen. Sie beginnt mit dem Mut, nicht immer beliebt zu sein.
Was es braucht, um sich nicht zu verlieren
Führungskräfte, die gefallen wollen, verlieren sich schnell in Rollen. Mal verständnisvoller Kollege, mal Moderatorin, mal Coach, mal Vermittler. Doch wer führt, braucht ein klares Selbstbild. Das bedeutet, zu wissen, wofür man steht, sich bewusst zu entscheiden, wann Nähe passt und wann Führung gefragt ist, die Angst vor Ablehnung zu erkennen und sich nicht von ihr steuern zu lassen, den Kontakt zu halten, auch wenn man Nein sagt. Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb. Sie ist eine Aufgabe. Sie verlangt Mut zur Klarheit, nicht nur im System, sondern auch sich selbst gegenüber.
Fazit – Führen heißt nicht gefallen
Führung, die gefallen will, verliert an Tiefe. Sie wird vorsichtig, angepasst, beliebig. Doch Menschen suchen keine perfekten Vorgesetzten. Sie suchen echte Orientierung. Sie suchen Führungspersönlichkeiten, die stehen können, auch dann, wenn es Gegenwind gibt. Beliebtheit ist angenehm, aber sie darf nicht zur Währung von Führung werden. Am Ende zählt nicht, wie viele Menschen Sie mögen, sondern wie viele Ihnen wirklich folgen, weil sie spüren, dass Sie es ernst meinen.

Bilder: Christian Fuchs, IMAGO / imagebroker










