Ein Gastbeitrag von Marlon Possard
Scheitern gilt oft als Gegenteil von Erfolg. Doch aus philosophischer Perspektive ist es häufig seine Voraussetzung. Warum Rückschläge für kluge Entscheidungen, Innovation und langfristigen Erfolg unverzichtbar sind.
Im Jahr 1985 brachte ein großes Getränkeunternehmen ein Produkt auf den Markt, das sorgfältig getestet und strategisch vorbereitet war. Es handelte sich dabei um die Änderung einer bestehenden Rezeptur. Trotzdem scheiterte es spektakulär: Kunden protestierten, Medien spotteten und das Unternehmen musste die Entscheidung nach wenigen Monaten rückgängig machen. Was als Marketingdesaster begann, wurde später zum Lehrstück – nicht über Fehlervermeidung, sondern über den produktiven Umgang mit Irrtümern.
Solche Geschichten zeigen eine unbequeme Wahrheit: Erfolg wird im Nachhinein gerne als klare Linie erzählt. In Wirklichkeit ist er fast immer von Fehlentscheidungen, Rückschlägen und Kurskorrekturen geprägt. Die Philosophie beschäftigt sich mit dieser Erfahrung seit über zwei Jahrtausenden – und ihre Einsichten sind erstaunlich aktuell.
Wenn Scheitern so häufig ein wesentlicher Teil erfolgreicher Biografien ist, stellt sich eine grundlegende Frage: Ist es vielleicht nicht das Gegenteil von Erfolg, sondern eine seiner wichtigsten Voraussetzungen?
Warum Scheitern unvermeidlich ist
Menschen handeln grundsätzlich unter Unsicherheit. Entscheidungen werden getroffen, obwohl die Zukunft offen bleibt und Informationen unvollständig sind. Gerade Unternehmer des 21. Jahrhunderts bewegen sich permanent in diesem Spannungsfeld.
Der römische Philosoph Seneca, ein Stoiker, sah darin keinen Makel, sondern eine Bedingung menschlichen Handelns. Wer etwas wagt, setzt sich notwendigerweise dem Risiko des Scheiterns aus. Der Versuch, Fehler vollständig zu vermeiden, führt deshalb nicht zu mehr Erfolg, sondern meist zu Stillstand. Innovation, Wachstum und Fortschritt entstehen also dort, wo Menschen bereit sind, Entscheidungen zu treffen, deren Ausgang sie nicht vollständig kontrollieren können. Eine spannende und lehrreiche Einsicht!
Die stoische Unterscheidung
Eine zentrale Einsicht der antiken Stoa besteht in der Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was außerhalb unserer Kontrolle liegt. Der antike Philosoph Epiktet, ein wichtiger Vertreter der späten Stoa, formulierte diese Idee auf besonders klare Art und Weise. Warum können wir von den antiken Philosophen auch heute noch viel lernen? Weil wir eben nicht über alle Dinge Kontrolle haben können.
In unserer Kontrolle liegen Vorbereitung, Urteilskraft, Mut und Disziplin. Außerhalb unserer Kontrolle liegen Marktreaktionen, politische Entwicklungen oder die Entscheidungen anderer Menschen. Wer diese Unterscheidung ernst nimmt, verändert auch den Blick auf Erfolg und Scheitern. Erfolg wird dann nicht ausschließlich am Ergebnis gemessen, sondern an der Qualität der Entscheidung. Ein kluger Entschluss kann scheitern und eine schlechte Entscheidung kann kurzfristig erfolgreich erscheinen. Langfristig aber zahlt sich die Qualität des Denkens jedenfalls aus.
Warum Niederlagen Erkenntnis schaffen
Rückschläge haben eine paradoxe Stärke, da sie zunächst Annahmen sichtbar machen. Wenn eine Strategie scheitert, zeigt sich plötzlich, welche Überzeugungen falsch waren, welche Risiken unterschätzt wurden und wo sogenannte »blinde Flecken« lagen.
In der Wissenschaft ist dieses Prinzip selbstverständlich. Hypothesen werden getestet und häufig widerlegt. Gerade dadurch entsteht Erkenntnis. Fortschritt entsteht nicht trotz des Scheiterns, sondern durch das Scheitern. Ähnlich wie in der Wissenschaft verhält es sich auch im Unternehmertum, weil auch für Unternehmen letztlich dieselbe Logik gilt. Denn: Wer Niederlagen analysiert, gewinnt Informationen, die in erfolgreichen Phasen oft verborgen bleiben.
Die unterschätzte Tugend des Erfolgs
Der gegenständliche Beitrag soll in aller Kompaktheit aufzeigen, dass langfristiger Erfolg deshalb weniger auf Fehlerfreiheit als auf einer bestimmten Haltung basiert. Von Priorität ist dabei Resilienz. Warum Resilienz? Weil sich zeigt, dass sich erfolgreiche Menschen von anderen häufig dadurch unterscheiden, dass sie nie scheitern. Entscheidend ist diesbezüglich aber ihre Fähigkeit, Rückschläge produktiv für sich nutzbar zu machen.
Mit Blick auf die Philosophie kann festgehalten werden, dass sie uns an etwas erinnern möchte. Sie erinnert uns vorwiegend daran, dass Scheitern kein Gegenpol zum Erfolg ist, sondern Teil desselben Prozesses. Wer etwas gestalten will – etwa ein Unternehmen, eine Idee oder eine Innovation – wird zwangsläufig auch Irrtümer erleben. That’s life!
Am Ende geht es also nicht darum, ob wir scheitern werden. Von Bedeutung ist vielmehr, ob wir bereit sind, aus dem Scheitern klüger hervorzugehen. Denn vielleicht liegt gerade darin die wichtigste unternehmerische Kompetenz in Zeiten rasanter Veränderungen: Die Fähigkeit, Niederlagen nicht als Ende zu betrachten, sondern als Anfang einer besseren Entscheidung.
Der Autor:Ass.-Prof.Dr. Marlon Possard ist Rechtswissenschaftler und Philosoph. Er lehrt und forscht am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik und am Research Center Administrative Sciences (RCAS) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW) sowie am Institut für digitale Transformation und künstliche Intelligenz (Fakultät für Rechtswissenschaften) an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU).
Beitragsbilder: Marlon Possard, Pixabay










