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Die meisten Unternehmen haben die Gen Z nicht verstanden und jetzt kommt schon Alpha

Ein Expertenbeitrag von Andreas Wollermann

Während viele Führungskräfte noch darüber diskutieren, ob die Gen Z zu sensibel, zu fordernd oder zu wenig belastbar ist, wächst längst die nächste Generation heran und die Wahrheit ist unbequem: Wer die Gen Z bis heute nicht verstanden hat, wird mit der Gen Alpha erst recht Probleme bekommen.

Das klingt hart. Ist aber so, denn die Debatte über die Gen Z wurde in den letzten Jahren mit beeindruckender Ausdauer geführt und mit erschreckend wenig Tiefgang. Da wurde über Arbeitsmoral gesprochen, über Loyalität, über Werte, über mangelnde Frustrationstoleranz. Fast jeder hatte eine Meinung, aber nur wenige waren bereit, die eigentliche Frage zu stellen: Was sagt uns diese Generation eigentlich über die Welt, in der sie groß geworden ist?

Genau da beginnt der Unterschied zwischen Bewertung und Verstehen.

Die Gen Z war nie einfach nur eine junge Generation mit anderen Ansprüchen. Sie war ein Warnsignal, ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich unsere Gesellschaft, unsere Kommunikation und unser Verständnis von Arbeit bereits massiv verändert haben. Wer das bis heute als Jugendproblem abtut, offenbart vor allem eines: mangelnde Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Die Gen Z ist nicht zufällig so, wie sie ist, sie ist das Ergebnis einer Zeit, die geprägt ist von Unsicherheit, Krisen, digitalem Dauerfeuer, permanenter Vergleichbarkeit und einer Öffentlichkeit, in der Aufmerksamkeit zur härtesten Währung geworden ist. Wer in so einer Welt aufwächst, entwickelt andere Erwartungen. An Führung, an Arbeitgeber, an Zukunft, an Sinn und an Beziehungen. Das ist kein Charakterfehler, das ist Sozialisierung!

Genau an diesem Punkt hätten Unternehmen längst umdenken müssen. Die Gen Z hätte ein Weckruf sein können. Eine Aufforderung, Führung neu zu definieren. Kommunikation ehrlicher zu machen und Arbeitgeberattraktivität nicht mehr nur auf Benefits und bunte Karriereseiten zu reduzieren. Sie hätte ein Anlass sein können, sich ernsthaft zu fragen, warum junge Menschen auf Hochglanzversprechen zunehmend allergisch reagieren.

Stattdessen haben viele Organisationen vor allem eins getan: sich beschwert.

Zu empfindlich. Zu anspruchsvoll. Zu wenig belastbar. Zu wenig loyal.

Solche Sätze hört man bis heute in Vorstandsetagen, Teams und Unternehmerkreisen und natürlich kann man das alles sagen. Man kann sich die Welt auch schön einfach machen, nur hilft es eben nicht. Realität verändert sich nicht dadurch, dass man sie abwertet.

Die eigentliche Frage lautet doch: Was kommt nach der Gen Z?

Damit sind wir bei der Gen Alpha. Bei der Generation, die noch immer von vielen behandelt wird, als hätte man dafür noch ewig Zeit. Genau das ist ein Fehler, ein großer sogar, denn die Gen Alpha wächst unter Bedingungen auf, die den Wandel noch einmal deutlich verschärfen. Diese Kinder und Jugendlichen kennen keine Welt ohne permanente digitale Reize. Keine Welt ohne algorithmische Vorauswahl, keine Welt ohne sofortige Verfügbarkeit von Unterhaltung, Information und Vergleich. Sie wachsen in einer Realität auf, in der Kommunikation immer kürzer, visueller, schneller und emotional aufgeladener wird und sie wachsen in einer Kultur auf, in der Vorbilder längst nicht mehr nur im direkten Umfeld entstehen, sondern auf Plattformen, in Clips, in Trends und digitalen Räumen.

Wer glaubt, das sei nur ein Medienphänomen, hat den Ernst der Lage überhaupt nicht verstanden!

Es geht nicht nur darum, was junge Menschen konsumieren, es geht darum, wie sie Wahrnehmung entwickeln. Wie sie Vertrauen aufbauen, wie sie Bindung erleben, wie sie mit Reizen umgehen, wie sie Entscheidungen treffen und wie sie lernen, was Aufmerksamkeit wert ist und was nicht.

Das alles hat Folgen! Für Schule, für Familie, für Gesellschaft und vor allem aber für Unternehmen.

Unternehmen reden gern über Zukunft, aber oft ohne zu begreifen, dass Zukunft nicht in PowerPoint entsteht, sondern in Lebensrealitäten. Die Gen Alpha wird irgendwann nicht nur auf dem Arbeitsmarkt auftauchen, sie wird als Kundschaft, als Mitarbeitende, als Meinungsbildner und als kulturelle Kraft sichtbar werden und sie wird Erwartungen mitbringen, auf die viele Organisationen heute nicht vorbereitet sind.

Das ist der eigentliche Kern der Debatte!

Die Gen Alpha ist nicht einfach die nächste Generation nach der Gen Z. Sie ist die Zuspitzung eines Wandels, den wir längst beobachten können, aber viel zu oft nur oberflächlich besprechen. Die Gen Z hat bereits gezeigt, dass alte Führungslogiken an Kraft verlieren. Die Gen Alpha wird noch deutlicher machen, dass reine Statusautorität, starre Kommunikation und austauschbare Markenbotschaften nicht mehr reichen werden.

Unternehmen, die das unterschätzen, werden nicht an jungen Generationen scheitern, sie werden an ihrer eigenen Trägheit scheitern, denn junge Menschen testen nicht unsere Geduld. Sie testen unsere Glaubwürdigkeit.

Sie merken sehr schnell, ob etwas ehrlich gemeint ist.
Sie merken sehr schnell, ob Haltung vorhanden ist.
Sie merken sehr schnell, ob Kommunikation Substanz hat oder nur geschniegelt klingt.

Sie merken vor allem, ob Erwachsene, Führungskräfte und Unternehmen bereit sind, sich mit der Realität auseinanderzusetzen oder ob sie weiter in alten Gewissheiten leben.

Das macht die Sache so unangenehm. Die Gen Z und die Gen Alpha sind kein Problem, das man irgendwie lösen muss. Sie sind ein Spiegel und in diesem Spiegel sehen Unternehmen, Führungskräfte und Institutionen vor allem sich selbst.

Sie sehen, ob ihre Führung noch trägt.
Sie sehen, ob ihre Kommunikation noch ankommt.
Sie sehen, ob ihre Kultur mehr ist als ein Slogan.
Sie sehen, ob sie wirklich anschlussfähig sind oder nur so tun.

Viele Verantwortliche sagen heute, junge Menschen wollten keine Führung mehr. Das Gegenteil ist der Fall. Sie wollen nur keine leere Führung mehr, sie wollen weniger Fassade, weniger Machtspiel, weniger Floskeln. Dafür mehr Ehrlichkeit, mehr Klarheit, mehr Haltung und mehr Orientierung.

Genau das ist die eigentliche Aufgabe.

Nicht jede neue Entwicklung zu feiern und nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sondern zu begreifen, dass wir es mit einem tiefen kulturellen Wandel zu tun haben, der nicht verschwindet, nur weil er unbequem ist. Wer Zukunft gestalten will, muss aufhören, junge Generationen nur zu beurteilen und anfangen, sie als Ausdruck einer veränderten Wirklichkeit zu lesen.

Vielleicht war die Gen Z für viele Unternehmen ein erster Hinweis. Dann ist die Gen Alpha die nächste, deutlich schärfere Erinnerung daran, dass die Zeit der Ausreden vorbei ist.

Die Zukunft wird nicht von denen geprägt, die am lautesten über junge Menschen klagen. Sondern von denen, die bereit sind, genauer hinzusehen, klare Schlüsse zu ziehen und den Mut haben, Führung, Kommunikation und Relevanz neu zu denken.

Denn nach der Gen Z kommt eben nicht einfach nur Alpha. Nach der Gen Z kommt die nächste Realität.

Andreas WollermannDer Autor:
Andreas Wollermann ist ERFOLG Magazin Top Experte für die Generation Z. Unter der Wortmarke GENfluenZer® führt er Gespräche in sozialen Einrichtungen, Schulen und Universitäten mit jungen Menschen der Generation Z, um mit den Ergebnissen und den Erfahrungen der eignen beruflichen Laufbahn Unternehmen zu beraten.

 

Beitragsbilder: Deniz Özkoca, Depositphotos / pressmaster