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Warum Stabilität das neue Wachstum ist

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie fragil selbst hochentwickelte Wirtschaftssysteme sein können. Pandemie, Energiekrise und geopolitische Spannungen haben ein Thema in den Fokus gerückt, das lange als selbstverständlich galt: Versorgungssicherheit. Was früher vor allem eine operative Herausforderung war, entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Faktor für Investoren. Doch welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Kapitalmarkt? Und warum gewinnen reale Werte wie Energie, Wohnen und Ernährung gerade jetzt an Bedeutung? Im Gespräch erklärt Camelia Simion, Geschäftsführerin der Green Solutions Wealth Creation GmbH, warum Stabilität zum neuen Wachstumstreiber werden könnte.

Frau Simion, wir leben in einer Zeit multipler Krisen – wird Versorgungssicherheit gerade zum wichtigsten Kriterium für Investoren?

Ich glaube, viele Investoren haben in den letzten Jahren zum ersten Mal wirklich gespürt, was es bedeutet, wenn Versorgung nicht mehr selbstverständlich ist. Die Energiekrise in Europa war dafür ein gutes Beispiel. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Preise, sondern um die Frage: Ist Energie überhaupt verfügbar – und zu welchen Bedingungen?

In solchen Momenten verschiebt sich der Blick automatisch. Versorgungssicherheit ist dann kein abstraktes Konzept mehr, sondern ein sehr konkreter wirtschaftlicher Faktor. Für uns ist genau das der entscheidende Punkt: Wir investieren bewusst in Bereiche, die unabhängig von kurzfristigen Marktbewegungen funktionieren, weil sie reale Grundbedürfnisse abdecken.

Das verändert auch die Perspektive auf Risiko. Es geht nicht mehr nur darum, ob ein Investment Rendite bringt, sondern ob es in einem instabilen Umfeld überhaupt tragfähig bleibt.

Hat der Kapitalmarkt das Thema Versorgungssicherheit Ihrer Meinung nach zu lange unterschätzt?

Ja, und das hat strukturelle Gründe. In den letzten zwei Jahrzehnten war die Welt stark auf Effizienz optimiert. Lieferketten wurden globalisiert, Produktion ausgelagert, Energie möglichst günstig eingekauft. Das hat kurzfristig funktioniert – aber es hat Abhängigkeiten geschaffen.

Man sieht das sehr deutlich an den Lieferketten während der Pandemie. Plötzlich fehlten einfache Komponenten, ganze Industriezweige standen still. Ähnlich war es bei Energie, als sich geopolitische Spannungen verschärft haben. Der Kapitalmarkt hat diese Risiken lange nur theoretisch betrachtet.

Heute sehen wir, dass genau diese »theoretischen Risiken« reale wirtschaftliche Auswirkungen haben. Für uns war deshalb immer klar, dass Substanz und Unabhängigkeit wichtiger sind als maximale Effizienz. Diese Sichtweise wird jetzt zunehmend vom Markt bestätigt.

Wo sehen Sie aktuell die größten Brüche im globalen System – und welche Chancen ergeben sich daraus für Anleger?

Die größten Brüche entstehen dort, wo Systeme zu stark voneinander abhängig geworden sind. Energie ist ein klassisches Beispiel. Viele Länder versuchen aktuell, ihre Versorgung neu zu strukturieren und unabhängiger zu werden. Das führt zu massiven Investitionen in Infrastruktur, erneuerbare Energien und dezentrale Lösungen. Ein zweiter Bereich ist Wohnen. In vielen Städten sehen wir einen strukturellen Mangel an Wohnraum, der sich nicht kurzfristig lösen lässt. Gleichzeitig steigen Baukosten und regulatorische Anforderungen. Das schafft ein Spannungsfeld, das langfristig stabile Nachfrage erzeugt.

Für Anleger bedeutet das: Die interessantesten Chancen liegen nicht in kurzfristigen Trends, sondern in strukturellen Problemen, die gelöst werden müssen. Genau dort setzen wir an – wir investieren in Märkte, die nicht von Aufmerksamkeit leben, sondern von Notwendigkeit.

Viele Investoren jagen kurzfristigen Trends hinterher. Warum setzen Sie bewusst auf reale Werte wie Energie, Wohnen und Ernährung?

Ich glaube, das hängt stark mit der Wahrnehmung von Wachstum zusammen. Viele Investoren suchen nach dem nächsten großen Thema, das schnell skaliert. Das kann funktionieren – ist aber oft auch sehr volatil. Reale Werte funktionieren anders. Sie wachsen nicht sprunghaft, sondern konstant. Nehmen Sie Wohnraum: Der Bedarf entsteht nicht durch einen Trend, sondern durch Bevölkerungsentwicklung, Urbanisierung und gesellschaftliche Veränderungen. Ähnlich ist es bei Energie oder Ernährung.

Ein Beispiel: Selbst in wirtschaftlich schwierigen Phasen wird nicht weniger gewohnt oder weniger gegessen. Diese Stabilität ist aus unserer Sicht der entscheidende Faktor. Wir setzen deshalb bewusst auf diese Märkte, weil sie auch dann funktionieren, wenn andere Segmente unter Druck geraten.

Ist Versorgungssicherheit für Sie eher ein Schutzmechanismus – oder ein unterschätzter Renditetreiber?

 Versorgungssicherheit beginnt als Schutzmechanismus, entwickelt sich aber zunehmend zu einem wirtschaftlichen Wert an sich. Wenn etwas knapp oder unsicher wird, steigt automatisch seine Bedeutung – und damit auch sein ökonomischer Wert. Man sieht das aktuell sehr gut im Energiesektor. Projekte, die stabile Energieversorgung gewährleisten, haben plötzlich eine ganz andere strategische Bedeutung als noch vor einigen Jahren. Ähnliches gilt für Infrastruktur oder auch für medizinische Versorgung. Das ist kein kurzfristiger Effekt, sondern eine strukturelle Entwicklung. Märkte, die Versorgung sicherstellen, werden langfristig wichtiger – und damit auch wirtschaftlich attraktiver.

Wenn Sie es zuspitzen müssten: Was bedeutet die neue Realität für Anleger, die heute noch klassisch investieren?

Die größte Veränderung ist aus meiner Sicht, dass Stabilität neu bewertet wird. Früher konnte man sich stärker auf Marktmechanismen verlassen. Heute spielen externe Faktoren eine viel größere Rolle – Politik, Geopolitik, Regulierung, gesellschaftliche Entwicklungen. Das bedeutet für Anleger: Es reicht nicht mehr, nur auf Renditekennzahlen zu schauen. Man muss verstehen, wie robust ein Investment wirklich ist. Was passiert, wenn sich Rahmenbedingungen verändern? Welche Abhängigkeiten bestehen? Die neue Realität trennt aus meiner Sicht sehr klar zwischen Investments, die auf kurzfristigen Annahmen basieren, und solchen, die auf realen, dauerhaften Bedürfnissen aufbauen. Und langfristig wird sich genau diese Unterscheidung auszahlen.

Unsere Gesprächspartnerin:

Camelia Simion ist Geschäftsführerin der Green Solutions Wealth Creation GmbH.

 

 

 

Beitragsbilder: IMAGO / Zoonar, privat