Neue Technologien verändern die Arbeitswelt in rasantem Tempo – und die disruptive Kraft der KI macht auch vor der Software-Branche nicht Halt. Echten Nutzen zu schaffen, wird damit wichtiger denn je! So sieht es jedenfalls der Tech-Experte und Software-Entwickler Ben Willer. Warum sich die Prioritäten in der Branche allmählich verschieben und welche Fähigkeiten in Zukunft gefragt sein werden, hat er uns im Interview verraten.
Herr Willer, die Zahl der Software-Entwickler steigt stetig an. Welche Fähigkeiten und welches Mindset haben Ihnen auf Ihrem bisherigen Lebensweg geholfen, sich von der Masse abzuheben?
Mir war schon immer wichtig, nicht einfach nur Code zu schreiben, sondern echte Probleme zu lösen und am Ende etwas zu schaffen, das Menschen wirklich weiterbringt.
Für mich ist Software dann gut, wenn der Kunde ihren Nutzen sofort spürt. Wenn jemand Monat für Monat ganz bewusst sein Abo verlängert, dann zeigt das, dass das Produkt einen echten Mehrwert liefert. Das gelingt meist nur dann, wenn Nutzer entweder wirklich an das Produkt gebunden sind oder jeden Monat erneut merken, dass es ihnen konkret etwas bringt.Ich entwickle nicht nur Software, sondern begleite meine Kunden auch strategisch – zum Beispiel beim Einsatz der Software, bei der Preisgestaltung oder im Vertrieb. Genau das hilft ihnen am Ende dabei, Interessenten leichter in zahlende Kunden zu verwandeln.
Gab es einen Moment in Ihrer Karriere, der Sie bis heute prägt?
Ja, definitiv. Ein besonders prägender Moment war für mich die Erkenntnis, dass man als Software-Entwickler in fast jedem Markt echten wirtschaftlichen Mehrwert schaffen kann und dass Unternehmen bereit sind, genau dafür gutes Geld zu bezahlen.
Gerade am Anfang meiner Laufbahn, als KI noch längst nicht den Stellenwert hatte wie heute, war das ein riesiger Vorteil. Ich war oft der Einzige, der Automatisierungen bauen und Dashboards entwickeln konnte, mit denen Daten, Prozesse und Statistiken nicht nur sichtbar, sondern auch wirklich interaktiv wurden.
Als mir klar wurde, welchen konkreten Wert diese Fähigkeiten für Unternehmen haben, habe ich meine damalige Tätigkeit als selbstständiger Webdesigner beendet und mich komplett auf die Softwareentwicklung konzentriert.
Rückblickend war das eine der wichtigsten Entscheidungen meiner Karriere. So konnte ich aus einer Leidenschaft, die ich schon mit 13 entwickelt habe, Schritt für Schritt ein eigenes Software-Unternehmen aufbauen.
Was können Sie als Entwickler leisten, was die KI (noch) nicht kann?
Die Entwickler und Unternehmer, die auch in Zukunft erfolgreich Aufträge gewinnen werden, beschränken sich nicht nur auf die reine Entwicklung. Sie beraten zusätzlich beim Einsatz der Software, bei der Preisstruktur und im Vertrieb.
Und eines ist auch klar: Wer KI heute aus Prinzip ablehnt, wird langfristig kaum mithalten können. Gleichzeitig sollte man nie den Fehler machen, das komplette Denken an die KI abzugeben. Sie ist ein Werkzeug, kein Ersatz für das logische Denken eines Entwicklers.
Richtig eingesetzt, kann KI aber enorm viel beschleunigen. Software lässt sich heute in wenigen Wochen, manchmal sogar in wenigen Tagen, von der Idee bis zur einsatzbereiten Lösung bringen. Für mich als Software-Unternehmer bedeutet das vor allem: mehr Effizienz, mehr Aufträge, mehr Umsatz und eine deutlich schnellere Umsetzung von Features und Updates für meine Kunden.
Am Ende werden also vor allem die Entwickler erfolgreich bleiben, die Erfahrung mitbringen, KI sinnvoll einsetzen und ihr Angebot nicht nur auf das Programmieren beschränken. Genau diese Kombination wird in Zukunft den Unterschied machen.
Warum ist funktionierender Code allein noch kein erfolgreiches Software-Produkt?
Funktionierender Code ist am Ende nur die Grundlage. Ein erfolgreiches Software-Produkt entsteht erst dann, wenn die Lösung ein echtes Problem löst, sauber umgesetzt ist, im Alltag zuverlässig genutzt wird und für den Kunden messbaren Mehrwert schafft.
Gerade durch KI ist es heute leichter denn je, schnell etwas zu bauen, das technisch funktioniert. KI ist stark für Umsetzung und Geschwindigkeit. Aber wer nicht weiß, was gebaut werden sollte, baut mit KI nur schneller am Markt vorbei. Dazu kommt: Viele rein KI-generierte Lösungen ähneln sich mittlerweile stark. Man erkennt oft, wenn ein Produkt nur schnell generiert wurde, aber keine eigene Produktlogik, keine echte Innovation und keine durchdachte Nutzerführung dahintersteht.
Genau daran scheitern viele Projekte. Sie sehen auf den ersten Blick gut aus, sind aber technisch nicht sauber genug, schwer wartbar oder lösen kein klares wirtschaftliches Problem. Für mich zählt deshalb nicht nur, ob etwas gebaut werden kann, sondern ob die Software langfristig stabil läuft, sich vom Markt abhebt und dem Kunden wirklich hilft, Zeit spart, Prozesse verbessert oder Umsatz bringt. Erst dann wird aus Code ein echtes Produkt.
Wie hat sich die Branche seit Ihren Anfängen verändert und welche Skills braucht es heute, um hier langfristig erfolgreich zu sein?
Die ehrlichste Antwort darauf ist: KI hat die Branche massiv verändert.
Der Markt wird heute immer stärker von sogenannten »Vibecodern« geprägt, also von Menschen, die sich fast vollständig auf KI verlassen. Als ich angefangen habe, war das noch völlig anders. Damals waren Entwickler, gerade im Marketingumfeld, extrem gefragt und konnten entsprechend hohe Preise verlangen. Heute sieht die Realität anders aus. Einfache Software kann inzwischen in vielen Fällen auch mit KI erstellt werden. Dafür braucht es theoretisch nicht einmal mehr zwingend klassische Entwickler. Das ist eine Entwicklung, die auch ich als jemand, der noch aus der Zeit vor diesem KI-Boom kommt, erst einmal akzeptieren musste.
Gleichzeitig eröffnet genau diese Entwicklung aber auch neue Chancen. Gerade Einsteiger haben heute Möglichkeiten, sich mit einer klaren Positionierung und fairen Preisen ein eigenes Software-Business aufzubauen. In mancher Hinsicht ist das heute sogar leichter als früher, weil Entwicklung schneller geworden ist, Prozesse effizienter laufen und mehrere Projekte parallel realisiert werden können, ohne dass automatisch alles im Chaos endet (vorausgesetzt, man arbeitet strukturiert).Trotzdem sollte man sich da nichts vormachen. Nicht jeder baut mit Tools wie Claude oder anderen KI-Systemen automatisch ein erfolgreiches Software-Unternehmen auf. Dazu gehört deutlich mehr, als sich ein Dashboard generieren zu lassen. Man muss verkaufen können, Kunden gewinnen, Sicherheitsfragen mitdenken und ein Angebot schaffen, das echten Nutzen stiftet. Und genau da liegt auch die Zukunft für erfahrene Entwickler. Wer langfristig erfolgreich sein will, darf sich nicht nur über die technische Umsetzung definieren. Beratung, Strategie, Marketing und unternehmerisches Denken werden immer wichtiger. Genauso wichtig ist es, die eigene Erfahrung klar nach außen zu tragen. Wer noch aus der Zeit vor der KI kommt, kann genau daraus eine starke und glaubwürdige Positionierung entwickeln.

Ben Willer ist Gründer und Inhaber von Willer-Software.
Der Software-Experte hat sich auf die Entwicklung von SaaS-Lösungen spezialisiert.
Beitragsbilder: Ben Willer
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