Vom weltweiten Ruhm mit der Kelly Family über eine Phase völliger Stille bis hin zu einer erfolgreichen Solokarriere – Michael Patrick Kellys Leben gleicht einem Kaleidoskop aus Höhen und Tiefen, Lärm und Leere, aus Bühnenlicht und Rückzug. In seinem neuen Album »Traces« reflektiert er über die Spuren, die Erfolg, Zweifel und persönliche Entscheidungen hinterlassen. Im Gespräch spricht er darüber, warum Rückzug manchmal der mutigste Schritt nach vorn ist, welche Erkenntnisse ihn auf seinem Weg geprägt haben und wie es ihm gelang, zwischen den Extremen einen Ton zu finden, der wirklich aus ihm selbst erklingt.
Herr Kelly, Ihr aktuelles Album trägt den Namen »Traces«. Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Titel auszuwählen, und welche Bedeutung steckt dahinter?
Am Tag, als mein Vater starb, trug er ein T-Shirt mit diesem Spruch drauf: »Viele Menschen treten in dein Leben ein, aber nur wenige hinterlassen Spuren.« Ich habe mich daraufhin immer wieder gefragt: Welche Spuren haben Menschen in meinem Leben hinterlassen? Und welche Spuren möchte ich hinterlassen? Ich bin in meiner eigenen Biografie auf die Suche gegangen, und habe aus prägenden Erfahrungen Songs geschrieben. Songwriting ist ja eine Art Seelentauchen. Ich bin aber auch wie ein Investigativjournalist unterwegs und treffe mich mit Menschen, um an die Quelle ihrer Lebensspuren zu kommen. In dem Punkt fühle ich mich wie ein kleiner Jünger von Bob Dylan oder Bruce Springsteen, die sich mit Vietnamveteranen getroffen haben, oder mit Feuerwehrleuten und Familienangehörigen, die von dem Einsturz des World Trade Centers betroffen waren. Und daraus entstanden Songs wie »Born in the USA« oder »The Rising». Bei mir ist zum Beispiel der Song »K.H.A.« (Keep Hope Alive) aus so einer Begegnung entstanden. Ich hatte ein langes Gespräch mit Kevin Briggs, der während seiner Dienstzeit als Streifenpolizist auf der Golden Gate Bridge in den USA mehr als 200 Menschen davon abgehalten hat, sich das Leben zu nehmen. Mich interessieren wahre Geschichten von Menschen, die in Krisensituationen heldenhafte Entscheidungen getroffen haben.
Welche persönlichen Spuren hat Ihre Karriere bei Ihnen hinterlassen und wie fließen diese Erfahrungen in Ihre Musik ein?
Die Musik entwickelt sich mit dem Musiker, und ich befinde mich als Kreativer ja stetig in »development«. Bestimmte Erfahrungen generieren dabei neue Ideen. Der Song »Symphony of Peace« zum Beispiel, verbindet die Musikgenres Pop, Klassik und Rock. Diese Idee hat ihren Ursprung im Jahr 1996. Damals sang ich mit meinen Geschwistern gemeinsam mit Luciano Pavarotti bei »Pavarotti & Friends«. Solche Crossovers verschiedener Genres waren zu der Zeit neu und frisch. Ich durfte an dem Abend unter anderem mit Eric Clapton, Sheryl Crow und Elton John die Bühne teilen. Es war ein Charity Event für Kinder in Not und für die Opfer von Krieg. Das war eine Spur, die beeinflusst hat, wie ich »Symphony of Peace« musikalisch zusammengebracht habe – mit Orchester, Gospelchor, der Weltklasse-Performance des Tenors Jonas Kaufmann, und einem Gitarrensolo im Stil von Pink Floyd. Bei dem Song »K.H.A« (Keep Hope Alive) ist der Chorus eigentlich ein bretonisches Traditional, das ich in den 80ern von einem Künstler aus der Bretagne namens Alan Stivell zum ersten Mal gehört hatte. Ich habe dazu eine neue Strophe und neue Lyrics geschrieben. In »Calcutta Angel« hört man auch meine Folk-Music-Roots. Alles hat irgendwo seine Wurzel.
Sie haben bereits als Kind maßgeblich zum Erfolg der Kelly Family beigetragen und haben dadurch sehr früh Verantwortung übernehmen müssen. Wie hat der frühe Erfolg Ihre Sicht auf die Musik und Ihr Leben verändert?
Ich bin tatsächlich auf der Bühne groß geworden. Bei meiner ersten TV-Show hielt mich meine Mutter auf dem Arm, da war ich zehn Tage alt. Mein Leben war voller Extreme. Wir wohnten in einem Doppeldecker-Bus und bereisten die Welt, dann auf einem Boot, spielten auf der Straße, später in Stadien, und wohnten im Schloss – 24/7 bewacht von Bodyguards. Das hatte alles Vor- und Nachteile. Ich glaube, es war ein Glück, diese intensive Geschichte im Kontext einer Großfamilie zu erleben. Es gibt Kinderstars, die alleine berühmt werden, vielleicht auch in die Öffentlichkeit geschoben werden. Da gibt es schon die Gefahr, dass das Exponiertsein und der frühe Erfolg einen Schaden in der Persönlichkeit anrichten. Ich habe über die Jahre auf jeden Fall gelernt, Grenzen zu setzen. Ich sage mehr Medienanfragen ab als zu. Für mich muss es immer einen Musikbezug haben oder sinnvoll sein. Ich bin nicht daran interessiert, zur »Celebrity« zu gehören oder eine »Public Personality« zu sein. Ich habe ganz klare Kriterien für meine Entscheidungen. Beruflichen Sinn finde ich in meinem Schaffen als Musiker, und auch als Botschafter der Vereinten Nationen für Frieden und Gerechtigkeit (SDG16) ist es mir ein Anliegen, zu schauen, was ich zu einer friedlicheren, besseren Welt beitragen kann.
Sie haben sich trotz, oder vielleicht gerade wegen des frühen Erfolgs, bewusst eine Auszeit genommen. Dabei fiel Ihre Wahl auf ein Kloster. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen und welche Erkenntnisse oder Inspirationen haben Sie dort gefunden?
Ich hatte mit Anfang zwanzig eine heftige Lebenskrise. Ich hatte alles, wovon viele träumen, »fame and fortune», war wohlhabend, populär, erfolgreich. Aber ich hatte keinen Lebensmut mehr. Es kam die große Erkenntnis, dass all das nicht glücklich macht.
Gerettet haben mich zwei Dinge: eine Psychotherapie, die eineinhalb Jahre gedauert hat. Das zweite war der Glaube, das wachsende Interesse an Spiritualität und der Gang ins Kloster. Heute spricht man viel mehr über Mental Health als früher. In den 90ern wurde das gerade im Showbusiness nicht gerne gesehen, dass man über Therapien spricht und quasi innere Schwächen offenlegt. In meiner aktuellen Single »Run Free« geht es um das Durchbrechen dieser Mauern, um Loslassen und Freiwerden von Ängsten, mentalem Druck und Sorgen. Es ist bezeichnend, wie stark das Feedback auf diesen Song ist. Mir haben Menschen aus Gaza geschrieben, wie »Run Free« ihnen hilft, die schwere Zeit durchzustehen. Studenten aus den USA, die bei einer tödlichen Schießerei zusehen mussten, haben Kraft aus dem Lied gezogen. Das zeigt, dass das Thema den Leuten wichtig ist. Mir hat der totale Rückzug aus der Öffentlichkeit sehr geholfen, und ich habe manche Dinge aus diesem monastischen Leben in mein heutiges überführt. Bevor ich in den Tag starte, nehme ich mir morgens eine Stunde in Stille für Atemübungen, Entspannungstechniken nach einem amerikanischen Neurowissenschaftler, ich bete und denke an ein paar Dinge, für die ich dankbar bin. Dankbarkeit ist ein großer Gamechanger.
Kurz vor Ihrer Auszeit haben Sie Ihr Solo-Debütalbum veröffentlicht, nachdem Sie zuvor immer mit Ihrer Familie musiziert haben. Wie war es für Sie, diesen eigenen künstlerischen Weg zu finden?
Das war ein erster wichtiger Schritt für mich als Mensch und als Musiker, meinen eigenen Weg zu gehen. Bis dahin habe ich immer im »Wir« gedacht, in einer kollektiven Identität. Das ist ja auch die Natur einer Band. Umso mehr die einer Family Band. Auch die langen Haare damals waren wie so ein Kodex. Ich war einer der ersten, der sich die Haare abgeschnitten hat. Auch wenn es nur etwas Äußerliches war, hatte das eine Symbolkraft, mit der ich zeigen wollte: Ich bin jetzt ein eigener Künstler. Vorher konnte von jedem nur ein Song auf ein Album kommen, es gab nicht genug Platz, um die ganze Kreativität, die in mir war, auszuleben. Auf meiner ersten Soloplatte konnten dann auch die rockigen Nummern von mir zum Vorschein kommen, die auf den Family-Alben nicht erwünscht waren. Anfangs fühlte sich der Schritt zum Solo Artist schon ein bisschen wie Fremdgehen an, aber ich war gut darin beraten, diesen Weg zu gehen. Alles andere wäre für mich nicht gut gegangen, und entsprechend hätte ich auch nicht mehr das geben können, was für eine gut funktionierende Band nötig war.
Ihr neuer Song »Calcutta Angel« handelt von der Zeit, in der Sie in einem Hospiz gearbeitet haben. Welche Spuren haben Sie selbst in dieser Zeit hinterlassen?
Es ist sicher leichter, die Spuren zu erkennen, die die Begegnungen in Kalkutta in mir hinterlassen haben. Oft sind es diejenigen, die Hilfe brauchen, die dem Helfenden beinahe mehr geben. Der Song »Calcutta Angel« holt uns genau in der Zeit ab, in der ich in Saus und Braus lebte, aber todunglücklich war. Ich war auf der Suche nach mehr, als man bei Amazon kaufen kann, nach Sinn, nach dem Wahren und Echten. 2003 bin ich dann nach Kalkutta geflogen, um mehrere Wochen als freiwilliger Helfer bei den Missionaries of Charity, dem Orden von Mutter Teresa, den Armen und Kranken zu helfen. Ich landete im Sterbehaus, in das man Menschen, die auf der Straße lagen, hinbrachte, um ihnen einen würdigen Tod zu ermöglichen, oder sie manchmal sogar wieder auf die Beine zu bringen. Da waren über 150 junge Freiwillige aus der ganzen Welt. Gar nicht so wenige davon waren wohlhabende Kids, wie ich. Mich um Leprakranke zu kümmern, um Sterbenskranke, sie zu begleiten, zu waschen, zu ernähren, das hat mein Herz verwandelt. Ich glaube, die Selbstzentriertheit ist ein Problem unserer Zeit. Gier spielt dabei eine destruktive Rolle; Gier nach Macht, Gier nach Geld, Gier nach Anerkennung. Dafür gehen manche auch über Leichen. In meinem Fall wurde der negative Zirkel durchbrochen, indem ich mich selbst mal zur Seite gelegt, und mich in den Dienst von anderen gestellt habe. Ich glaube, mehr Zuwendung könnte einiges bewegen und auch der Einsamkeit, die so weit verbreitet ist, entgegenwirken.
Wie definieren Sie persönlich Erfolg, und hat sich diese Definition im Laufe Ihrer Karriere und Ihres Lebens verändert?
Erfolg im Sinne von Bestätigung ist erstmal etwas Schönes, es hat aber auch etwas Trügerisches. Das kann so sein: Heute Daumen hoch, morgen Daumen runter. Wenn man auf Bob Dylan schaut: Der wurde jahrelang von den Medien kritisiert, und dann gab man ihm irgendwann den Nobelpreis. Man muss sehr aufpassen, sich nicht von der Anerkennung der Menschen abhängig zu machen. Ich war mit 18 Jahren Leiter einer Band, die Rekorde von Michael Jackson und The Beatles gebrochen hatte. Ich kenne den Druck, wenn man einen Mega-Hit geschaffen hat oder ein Kult-Album und dann dringend der nächste Hit und das nächste Kult-Album her muss. Heute habe ich ein anderes Bild von Erfolg. Für mich bedeutet es Erfolg, wenn Menschen zu mir kommen und mir erzählen, dass ein bestimmter Song von mir ihnen Hoffnung und Mut gegeben oder ihnen durch eine schwierige Zeit geholfen hat. Vor kurzem kam auf der Straße eine Frau zu mir und sagte: »Wenn es Deine Musik nicht gegeben hätte, gäbe es mich heute nicht mehr.« Solche Feedbacks zeigen Dir, dass sich alles lohnt. Mir bedeutet das mehr, als irgendeine Auszeichnung.
Erfolg gibt Dir auch nicht automatisch recht, das sieht man in der Politik. Man kann auch im Showbusiness mit Fake und Schein erfolgreich sein. Es gibt Songs, die nicht qualitativ produziert sind, aber trotzdem erfolgreich, vielleicht durch Gimmicks, KI, bestimmte Trends; auf YouTube und Spotify kann ohnehin jeder alles veröffentlichen. Einen schnellen Hype zu kreieren, ist für mich keine Kunst. Ich glaube, das Menschliche wird man in der Musik nie ersetzen können. Ich finde, man kann es hören, wenn die Seele fehlt. Für mein Album »Traces« habe ich jedenfalls keine KI-Tools benutzt. Meine Musik ist handgemacht, mit echten Musikern und echten Instrumenten.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen?
Man sollte sich gewissermaßen frei machen von der Meinung und dem Erwartungsdruck der Leute. Ich habe in meinem Leben Entscheidungen getroffen, die nicht immer nur populär waren. Mitten im großen Erfolg einfach auszusteigen und sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, hat nicht jeder verstanden. Aber für mich war es wichtig und sogar rettend. Es ist heute alles so schnelllebig, dass man jungen Künstlern, die eine Erfolgswelle haben, das Gefühl gibt, sie reiten zu müssen, alles mitnehmen zu müssen. Ich sehe das etwas anders. Pausen sind wichtig. Auch, um nicht aus dem Blick zu verlieren, wohinter man als Künstler zu hundert Prozent steht. Auf jeden Fall sollte man mehr in sich hinein, als nach außen hören. Sonst verpasst man seine Originalität. Es gibt von Rainer Maria Rilke das Buch »Briefe an einen jungen Dichter«. Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der einen beruflichen Weg im Bereich der Kunst gehen möchte. Dort geht es darum, herauszufinden, ob dieser Plan wirklich eine Berufung ist. Und noch ein Tipp: nicht zu schnell Dinge raushauen. Es gibt eine Bambusart in Asien, die wächst erstmal zwei Jahre unter der Erde, und wenn sie aus dem Boden heraussticht, wächst sie einen Meter pro Monat. Es ist sicher etwas dran an der »10.000-hours rule«, die empfiehlt, ein Handwerk erstmal gründlich zu üben, bevor man sich dem Urteil der Leute übergibt.
Beitragsbild: IMAGO / Future Image (M. Kremer)
Bei dem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag.










