Emre Sengül: »Wir vergessen manchmal, dass hinter jedem Profil ein echter Mensch sitzt«

Emre Sengül: »Wir vergessen manchmal, dass hinter jedem Profil ein echter Mensch sitzt«

Emre Sengül spricht vielen Arbeitnehmern mit seinen Videos aus der Seele: Egal ob es um den schlecht gelaunten Chef oder den unangenehmen Arbeitskollegen geht – auf seinem Instagram-Account finden seine rund 149.000 Follower immer einen Grund zum Schmunzeln (@vecchiio). Uns hat Emre im Interview verraten, was er aus seinen ersten Influencer-Kooperationen lernen musste und warum er sehr gerne Videos liked, bevor er überhaupt weiß, worum es geht.

Viele junge Leute haben heutzutage den Traumjob »Influencer«. Was war deine Motivation, diesen Berufsweg einzuschlagen?

Viele würden an dieser Stelle wahrscheinlich sagen: »Das war gar nicht geplant, da bin ich einfach so reingerutscht.« Ganz ehrlich? Bei mir war das nicht so. Allerdings hätte ich niemals mit einem so krassen und vor allem schnellen Ausmaß an Erfolg gerechnet. Influencer ist übrigens nicht mein Hauptberuf. Ich arbeite Vollzeit als Online Marketing Manager. Content Creation ist mein kleines Side-Business, das sich mit der Zeit etwas größer und schneller entwickelt hat als ursprünglich gedacht.

Ab einem bestimmten Punkt in meinem Leben habe ich diesen Weg ganz bewusst eingeschlagen, weil ich für mich irgendwann glasklar erkannt habe: Kreativität ist meine größte Stärke. In der Schulzeit wusste ich allerdings noch nicht, dass man damit tatsächlich erfolgreich sein kann. Kreativ zu sein war eher ein »Nice-to-have« – aber nichts, das man ernsthaft als Karriereoption auf dem Schirm hatte. Mit dem Wachstum der Social-Media-Branche wurde mir jedoch immer bewusster, welches Potenzial darin steckt. Plötzlich war Kreativität nicht mehr nur ein Hobby, sondern eine echte Chance. Und genau in diesem Moment habe ich verstanden, dass sich hier eine Möglichkeit eröffnet, meine größte Stärke sinnvoll einzusetzen – und vielleicht sogar etwas Eigenes daraus aufzubauen.

Zwei Dinge motivierten mich dabei: Zum einen fasziniert mich die Möglichkeit, dass man heute mit kostenlosen Social-Media-Plattformen und einer guten Idee theoretisch Millionen Menschen erreichen kann. Diese Chance gab es früher einfach nicht und ich sehe darin eine riesige Spielwiese für kreative Köpfe.

Zum anderen war ich vom bestehenden Content ehrlich gesagt oft nicht komplett überzeugt. Ich habe viele Influencer mit enormen Reichweiten gesehen und dachte mir: »Okay … Mit derartigem Content so viele Follower? Das kann ich doch auch, eventuell sogar besser.« Durch mein Marketing-Studium wusste ich außerdem von Anfang an, wie stark Social Media verzerrt sein kann – vom perfekten Scheinleben bis hin zu geschönten Zahlen und Bot-Followern.

Irgendwann kam dann der Gedanke: Warum nicht selbst ausprobieren? Warum nicht ein bisschen mehr Realität zeigen, sprich echten, nahbaren Büroalltag, kombiniert mit einer Prise Comedy? Wenn ich es schaffe, Menschen damit zu unterhalten, zum Lachen zu bringen und gleichzeitig mehr Authentizität in die Plattform zu bringen, dann ist das für mich ein echter Mehrwert. Also habe ich beschlossen, es auf meine Art zu machen: authentisch, kreativ und mit dem Anspruch, Social Media vielleicht ein kleines Stück besser zu hinterlassen, als ich es vorgefunden habe.

Was hättest du zu Beginn deiner Karriere als Influencerin gerne gewusst? Für welche Tipps wärst du sehr dankbar gewesen?

Ich erinnere mich sehr gerne an meine ersten Kooperationen zurück – vor allem, weil sie heute im Nachhinein absolutes Comedy-Material sind.

Damals hatte ich im Schnitt teilweise 600.000 bis eine Million Views pro Video, als die ersten Firmen bei mir anklopften und nach meinen Preisen für ein Werbevideo fragten. Das Problem: ChatGPT gab es noch nicht – und ich kannte absolut niemanden aus der Branche. Also habe ich mir gedacht: »Hm … 300 Euro fürs Video drehen? Davon kann ich mir ein, zwei neue Basketballschuhe holen. Klingt doch top!«

Wenn man diese Story heute einem erfahrenen Influencer- oder Talent-Manager erzählt, würde dieser vermutlich einen Rückwärtssalto aus dem Fenster machen. Im Grunde haben einige Unternehmen damals 600.000 bis eine Million Menschen durch meine Reichweite für 300 Euro bekommen. Dort dürfte der ein oder andere dank unserer Kooperation befördert worden sein – gern geschehen!

Aber hey: Never a failure, always a lesson. Gerade am Anfang unterschätzt man schnell seinen eigenen Wert. Deshalb mein Rat an alle, die neu ins Influencer-Game starten: Informiert euch. Sprecht mit erfahrenen Leuten. Holt euch ehrliches Feedback – am besten von Menschen, denen ihr wirklich vertraut.

Welche Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sollte ein Influencer vorweisen können, um erfolgreich zu werden?

Consistency is key. Social Media ist ein absolutes Langzeit-Game. Genau das unterschätzen viele. Manche denken, sobald sie einen viralen Hit landen, geht’s jetzt richtig los. Was sie dabei nicht verstehen: Diesen viralen Hit muss man im Zweifel noch mehrere hundertmal wiederholen, bis der Stein wirklich ins Rollen kommt. Und genau an dieser Stelle scheitern viele – nicht am Talent, sondern an fehlender Standhaftigkeit.

Ein weiteres Thema ist der Dopaminrausch. Nach den ersten viralen Erfolgen ist man fast süchtig nach Likes, Kommentaren und diesem »Wow«-Gefühl. Aber: Es KANN nicht jedes Video besser performen als das davor. Irgendwann kommt ein Post, der schwächer läuft und plötzlich ist die Laune im Keller, weil man sich noch an das Hochgefühl des viralen Erfolgs erinnert. Das kann mental ganz schön am Alltag nagen.

Auch zu viel Fleiß kann gefährlich werden. Creator-Burnout ist ein echtes Thema. Man muss sich langsam herantasten und sein eigenes, gesundes Tempo finden, damit der Spaß an der Sache nicht verloren geht. Denn ohne Freude wird aus Leidenschaft ganz schnell Druck.

Und dann braucht man natürlich eine dicke Haut. Egal, was du auf dieser Welt machst: Es wird immer Menschen geben, die kritisieren oder haten. Dafür musst du nicht mal etwas falsch machen. Im Internet gibt es leider genug Neider. Am Ende darfst du nicht vergessen: Wenn dich jemand grundlos angreift, sagt das meistens mehr über ihn aus als über dich. Ich zum Beispiel würde niemals auf die Idee kommen, jemanden im Internet zu haten für das, was er macht. Dafür bin ich einfach viel zu entspannt. Ich bin eher die Kategorie: Ich sehe einen Namen, bei dem ich direkt positive Vibes habe, und drücke schon aus Prinzip auf »Like«, bevor ich überhaupt weiß, worum’s im Video geht. Ein einfacher Doppeltipp tut mir nicht weh – kann aber auf der anderen Seite des Bildschirms vielleicht genau in dem Moment für ein kleines Lächeln sorgen. Und wenn ich mit einer halben Sekunde Aufwand jemandem gute Laune schenken kann, warum sollte ich’s nicht machen? Ich glaube, wir vergessen manchmal, dass hinter jedem Profil ein echter Mensch sitzt – mit echten Gefühlen. Ein bisschen mehr Support und ein bisschen weniger Salz in den Kommentaren würden uns allen ganz guttun.

Inwiefern beeinflussen Influencer die Unterhaltungsbranche?

Influencer haben die Unterhaltungsbranche definitiv verändert, vor allem, weil sie Nähe schaffen. Menschen vertrauen heute nicht mehr automatisch einer Hochglanz-TV-Werbung mit perfekt ausgeleuchtetem Studio und einstudiertem Werbespruch. Sie vertrauen Menschen. Persönlichkeiten. Stimmen, die sie täglich in ihrem Feed sehen und mit denen sie sich identifizieren können. Influencer bauen über Monate oder sogar Jahre eine echte Beziehung zu ihrer Community auf. Dadurch entsteht ein ganz anderes Vertrauensverhältnis als bei klassischer Werbung. Wenn ein Creator ein Produkt empfiehlt, fühlt sich das weniger nach »Werbeblock« an, sondern eher nach einer ehrlichen Empfehlung – natürlich immer vorausgesetzt, sie ist authentisch. Warum willst du, dass sich King Kong und Godzilla episch um dein neues Getränk in einer TV-Werbung prügeln? Pack es doch lieber in eines meiner Büro-Comedy-Videos. Das fühlen die Leute viel mehr, weil sie sich darin durch ihr eigenes Leben wiedererkennen.

Für Unternehmen ist das extrem effizient. Statt Budgets breit gestreut und teilweise in die falschen Zielgruppen zu investieren, können sie heute sehr gezielt ihre Wunschkundschaft erreichen – über Persönlichkeiten, die diese Zielgruppe bereits emotional abgeholt haben. Und auch für die Zuschauer ist es angenehmer: Nahbarer Content mit echten Lieblingsprodukten wirkt deutlich authentischer als eine hochproduzierte TV-Werbung, mit der sich emotional kaum jemand identifizieren kann. Meine persönliche Prognose ist daher: Das wird noch deutlich stärker boomen, als es ohnehin schon tut. Vertrauen, Persönlichkeit und Community werden in Zukunft eine noch größere Rolle spielen und genau da liegen die Stärken von Influencern.

Influencer sind für viele Menschen gleichzeitig Vorbilder. Lässt du dich auch selbst durch andere Influencer beeinflussen oder hast du deine persönlichen Idole woanders gefunden?

Ich habe keinen Influencer als Vorbild. Ich bin Emre und genau der bin ich liebend gerne. Und ich glaube, genau das strahle ich auch aus. Manche machen sich viele Gedanken darüber, wie sie vor der Kamera wirken oder was die Menschen vor dem Bildschirm von ihnen erwarten. Aber diese Selbstzweifel sind eigentlich gar nicht nötig. Die beste und gleichzeitig einfachste Strategie lautet: Sei einfach du selbst. Alle anderen gibt es schon. Die eigene Individualität ist die größte Stärke, wenn es darum geht, authentisch nach außen zu wirken. Ich bin unglaublich dankbar für meine Familie und meine Freunde, die mich durchs Leben begleiten und mir die richtigen Werte mitgegeben haben. Umso schöner finde ich es, diese Werte auch mit meiner Community teilen zu können. Und anscheinend können sich viele damit identifizieren, sonst würden sie mir vermutlich nicht so gerne folgen. Shoutout an die tollste Community! #AZB

Wie gehst du mit Kritik um?

Meine Videos haben im Schnitt zwischen 200 und 300 Kommentare. Wenn darunter zwei oder drei negative sind und sich der Rest durchweg positiv lesen lässt, dann geht das bei mir ehrlich gesagt zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ich weiß, dass das meistens klassische Neid-Kommentare sind, aber diese findet man tatsächlich extrem selten unter meinen Videos, was mich selbst auch sehr verwundert! Aber ganz ehrlich: Solche negativen Kommentare nehme ich gerne mit. Man kann nämlich auch daraus noch etwas machen. Manchmal starte ich sogar ganz entspannt eine kleine Diskussion in der Kommentarspalte. Was viele dabei nicht merken: Mit jedem zusätzlichen Hate-Kommentar pushen sie einfach nur das Engagement und damit den Erfolg des Videos. Insofern: Danke für die Unterstützung!

Wie ich schon gesagt habe: Eine dicke Haut gehört definitiv dazu. Aber ich würde mich selbst als sehr selbstbewussten Menschen bezeichnen, das war ich schon immer. Die Meinung anderer war mir schon immer relativ egal. Für meine Entscheidungen zählt am Ende vor allem eines: dass ich und idealerweise auch die Menschen um mich herum glücklich sind.

 

Bild: iconiq influence