Frediesdas: »Ich wollte, dass Menschen aufhören, Design wie ein Bastelprojekt zu behandeln«

Frediesdas: »Ich wollte, dass Menschen aufhören, Design wie ein Bastelprojekt zu behandeln«

Fred ist Kommunikationsdesigner – er weiß also, wie Gestaltung funktioniert. Er weiß aber auch, dass viel zu viele Menschen keine Ahnung von Design und Typografie haben. Auf seinem Instagram-Account präsentiert er seinen rund 113.000 Followern deshalb regelmäßig seine neusten Fundstücke aus der Welt des fehlerhaften Designs und erklärt, wie man es richtig macht (@frediesdas). Uns hat Fred im Interview verraten, wie Influencer die Gewohnheiten ihrer Follower beeinflussen und was ihn selbst schlussendlich davon überzeugt hat, mit Social Media anzufangen.

Viele junge Leute haben heutzutage den Traumjob »Influencer«. Was war deine Motivation, diesen Berufsweg einzuschlagen?

Ich hatte nicht das Ziel, Influencer zu werden. Ich wollte arbeiten. Aufträge haben. Rechnungen bezahlen. Und ich wollte, dass Menschen aufhören, Design wie ein Bastelprojekt zu behandeln.

Als ich mich selbstständig gemacht habe, wurde mir schnell klar, dass man sichtbar sein muss. Sonst existiert man nur im eigenen Kopf. Social Media gehörte dazu, ob ich wollte oder nicht.

Getraut habe ich mich trotzdem lange nicht. Angststörung, Depression, ADHS – das sind keine idealen Voraussetzungen, um sich freiwillig ins Internet zu stellen. Ich wartete auf dieses Gefühl von »Jetzt bin ich bereit«. Es kam nicht. Was kam, war etwas anderes: Unzufriedenheit.

Ich habe jahrelang Diskussionen geführt, in denen Design auf »Mach das mal schön« reduziert wurde – auf »Kannst du noch ein bisschen mit der Typo spielen?« oder »Kann das Logo größer?«. Man sitzt dann da und fragt sich, ob man gerade über Design spricht oder über Dekoration. Dabei entscheidet Design darüber, ob man eine Tür findet. Ob man eine App versteht. Ob man eine Information rechtzeitig sieht. Ob man auf einem Plakat erkennt, worum es geht, bevor der Bus kommt. Es geht um Orientierung. Um Lesbarkeit. Und trotzdem wird oft nach Geschmack entschieden. Ich habe das lange mitgetragen. Entscheidungen, bei denen ich die Augen verdrehte. Vermeintliche Kompromisse, die sich wie Rückschritte anfühlten.

Dann begann ich, jeden Tag spazieren zu gehen. Mein Mental Health Walk. 7.000 Schritte. Frische Luft. Und plötzlich sah ich sie überall. Falsch gesetzte Öffnungszeiten. Plakate mit Info unten rechts in Schriftgröße sechs. Falsche Striche. Falsche Anführungszeichen. Deppenapostrophe. Deppenleerzeichen … Und an einem Tag war ein Strich zu viel falsch. So banal das klingt. Ich stand da und dachte: Es kann doch nicht sein, dass grundlegende Dinge ständig schiefgehen. Dass man das überall sieht. Und dass man diesen Murks unter Umständen sogar kaufen muss.

Ab da war mir egal, wie das ankommt. In meinem Leben war ohnehin genug schiefgelaufen. Also dachte ich: Gut, wenn schon alles in die Binsen geht, kann ich auch Content machen. Also habe ich angefangen zu filmen. Erst aus Ärger. Dann aus Gewohnheit. Und irgendwann war ich offenbar Influencer.

Was hättest du zu Beginn deiner Karriere als Influencer gerne gewusst? Für welche Tipps wärst du sehr dankbar gewesen?

Ich hätte gerne gewusst, dass die Angst nicht verschwindet. Ich dachte am Anfang, irgendwann fühlt sich alles selbstverständlich an. Irgendwann weiß ich, was ich da tue. Irgendwann hinterfrage ich es weniger. Ich habe wirklich geglaubt, mit der Zeit werde es ruhiger. Es wurde routinierter. Aber nicht ruhiger.

Negative Kommentare kommen. Unabhängig davon, wie viel Mühe man sich gibt. Manche Menschen investieren erstaunlich viel Energie darin, fremden Personen mitzuteilen, dass sie sie doof finden. Was ich nicht wusste: Das ist kein Ausnahmezustand. Das ist immer so.

Ich hätte auch gerne gewusst, dass Reichweite keinen moralischen Kompass hat. Videos, in die man Tage investiert, performen mitunter gar nicht. Und die, die man zwischen Tür und Angel filmt, laufen plötzlich durch alle Timelines.

Und dann dieser »Value«. Alle reden davon. Niemand definiert ihn gleich. Ich habe Videos gesehen, bei denen ich mich gefragt habe, wo genau der Mehrwert liegt. Millionen Aufrufe. Und andere, die inhaltlich brillant waren, gehen unter.

Ich hätte auch gerne früher verstanden, dass das alles auf einem Spektrum stattfindet. Für jede Person, die dich richtig blöd findet, gibt es eine, die genau das an dir gut findet – oft aus demselben Grund.

Und dass man nicht auf alles reagieren muss. Man darf entscheiden, wo die eigene Energie hingeht. Kommentare können stehen bleiben. Diskussionen können ausbleiben. Menschen kann man blockieren.

Und ganz pragmatisch: Ich hätte mir sofort einen Impressum-Service geholt und nicht meine private Adresse ins Internet geschrieben.

Welche Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sollte ein Influencer vorweisen können, um erfolgreich zu werden?

Man braucht Ausdauer. Viele unterschätzen, wie viel Arbeit hinter einem Video steckt. Filmen ist der kleinste Teil. Schneiden, strukturieren, Captions schreiben – das dauert. Und man macht es nicht nur einmal. Man macht es wieder. Und wieder. Und wieder.

Disziplin gehört dazu. Man arbeitet weiter. Nimmt auf. Schneidet. Lädt hoch. Auch an Tagen, an denen man keine Lust hat. Oder an denen man sich selbst nicht besonders unterhaltsam findet.

Man sollte sich außerdem selbst aushalten können. Man sieht sein eigenes Gesicht sehr oft. Man hört seine eigene Stimme sehr oft. Wenn man sich permanent korrigiert oder bewertet, wird es schwierig.

Wichtig ist auch Entscheidungsfähigkeit. Nicht jedes Video wird brillant. Nicht jede Idee fühlt sich rund an. Trotzdem muss man irgendwann sagen: Egal, poste das jetzt einfach.

Und dann braucht es eine gewisse emotionale Beweglichkeit. Ein Video läuft gut. Das nächste interessiert niemanden. Die Reichweite bleibt aus. Dann meldet sich schnell die Frage, ob man alles ändern muss. Oft reicht es, weiterzumachen. Am Ende entscheidet weniger der einzelne Beitrag als die Bereitschaft, dranzubleiben.

Inwiefern beeinflussen Influencer die Design-Branche?

Ich weiß nicht, ob sie die Branche beeinflussen. Ich merke nur, dass sich Dinge verschieben. Als ich angefangen habe, über Bindestriche und Gedankenstriche zu sprechen, war das für viele einfach »ein Strich«. Inzwischen schreiben mir Menschen, dass sie es nicht mehr »nicht sehen« können. Auf Plakaten. In Speisekarten. In Behördenbriefen. Der Fehler war vorher auch schon da, aber der Blick darauf fehlte.

In der Uni haben wir einmal ein Experiment gemacht: Man hängt sich bewusst eine Farbkombination ins Zimmer, die man wirklich schrecklich findet. Zwei Wochen lang. Einfach damit leben. Nach ein paar Tagen passiert es dann: Man gewöhnt sich. Man konnte das auch bei Farben in der Mode beobachten. Irgendwann taucht ein Ton auf, der irritiert. Rosa in Männerkollektionen. Oder dieser Korallton, der plötzlich überall war. Erst fremd. Dann überall. Dann normal. Keiner beschließt das offiziell. Es passiert einfach. Durch Präsenz. Und Social Media ist im Grunde eine Dauerpräsenzmaschine. Wenn jemand mit Reichweite eine bestimmte Schrift verwendet oder eine Bildsprache pflegt, sehen das Tausende. Manche übernehmen es bewusst. Andere, ohne es zu merken. Und irgendwann wirkt es selbstverständlich.

Ich merke das bei mir selbst. Wenn ich ein Produkt zeige, fragen Menschen, wo es das gibt. Das ist menschliches Verhalten. Man orientiert sich. Und da Design überall stattfindet – in Produkten, Interfaces, Räumen, Verpackungen, Kleidung, Kommunikation – wirkt diese Orientierung auch überall. Vielleicht beeinflussen Influencer weniger »die Branche« als unsere Gewohnheiten. Und Gewohnheiten sind erstaunlich machtvoll.

Influencer sind für viele Menschen gleichzeitig Vorbilder. Lässt du dich auch selbst durch andere Influencer beeinflussen oder hast du deine persönlichen Idole woanders gefunden?

Ich lasse mich leicht beeinflussen. Das weiß ich schon lange. Es reicht manchmal ein Pinterest-Board. Ich sitze da, recherchiere für ein Projekt, sammle Ideen, Farben, Layouts. Und nach zwanzig Minuten merke ich, wie meine eigene Idee unsicher wird. Wie ich plötzlich denke: So macht man das wohl. So sieht es richtig aus. So haben es die anderen gemacht. Und dann schaue ich auf meinen Entwurf und traue ihm nicht mehr. Das passiert schnell. Vielleicht zu schnell. Ich sehe etwas, das ich gut finde, und sofort gerät mein innerer Maßstab ins Wanken. Wenn ich zu lange auf die anderen schaue, verliere ich meinen eigenen Blick.

Ich hatte nie dieses eine Vorbild. Keinen Designer, keine Künstlerin, keine Person, von der ich dachte: So. Genau so. Ich habe eher Phasen. Tagesverliebtheiten. Eine Woche lang eine bestimmte Bildsprache. Dann wieder etwas ganz anderes. Ich kann mich schnell begeistern. Und genauso schnell weiterziehen.

Ich sehe die Welt wie ein Buffet. Ich gehe daran entlang und nehme mir von dem, was mir gut gefällt, etwas auf meinen Teller. Hier ein Löffel, dort ein Stück. Von manchen Dingen erst nur eine kleine Portion, um zu schauen, wie es schmeckt. Wenn es mir gefällt, nehme ich beim nächsten Mal mehr oder mache es irgendwann selbst nach. So stelle ich mir meine eigene Kombination zusammen. Das, was ich mag, landet auf meinem Teller. Und alles andere lasse ich stehen. Ich mag diese eklektische Herangehensweise. Ich sammle Eindrücke aus unterschiedlichen Richtungen, kombiniere sie so, wie es für mich passt, und gestalte ein eigenes Tellerchen.

Wie gehst du mit Kritik um?

Es kommt darauf an. Auf den Tag. Auf die Uhrzeit. Auf die Art, wie sie formuliert ist. Manchmal sogar auf die Außentemperatur. Es gibt Kritik, die einen weiterbringt. Die etwas sieht, das man selbst übersehen hat oder noch nicht wusste. Solche Hinweise mag ich. Auch wenn sie im ersten Moment piksen. Man ärgert sich vielleicht, denkt ein paar Tage darüber nach und irgendwann ist man froh, weil man sich dadurch verbessern konnte.

Und dann gibt es Kommentare, die das Wort »Kritik« im Gepäck haben und eigentlich nur schlechte Laune transportieren. Ein Satz, hingeworfen wie ein nasser Waschlappen. »Finde ich blöd«, »Du bist so unsympathisch«, »Das ist hässlich«. Manche nennen das Ehrlichkeit. Für mich ist es häufig der Versuch, jemandem wehzutun.

An guten Tagen nehme ich das sportlich. Ich antworte. Manchmal süffisant, manchmal trocken. Es macht mir sogar Spaß, solche Kommentare auseinanderzunehmen. Da steckt ja oft mehr drin als nur ein beleidigter Satz. An anderen Tagen trifft es mich. Dann lese ich etwas und merke, wie es sich festsetzt. Besonders, wenn es um Dinge geht, die mir wichtig sind oder wenn sie mich persönlich betreffen. Dann brauche ich Zeit. Ich denke darüber nach, rege mich auf – oft länger als ich möchte. Ich schäme mich vielleicht eine Weile. Werde wütend. Oder beides.

Früher habe ich vieles stehen lassen. Ich wollte keine Diskussion starten. Ich dachte, Ruhe sei überlegen. Inzwischen sehe ich das anders. Wenn jemand öffentlich schreibt, darf es auch eine öffentliche Antwort geben. Einfach, um klarzumachen, dass man Menschen nicht beliebig angreifen kann.

Kritik gehört dazu. Manche ist konstruktiv. Manche destruktiv. Manche erstaunlich kreativ in ihrer Wortwahl. Ich habe großen Respekt vor der Ausdauer mancher Menschen. Diese Energie muss man erst einmal aufbringen.

Und am Ende bleibt eine Erkenntnis, die ich inzwischen gut kenne: Es wird immer jemanden geben, der etwas großartig findet. Und jemanden, der es unerträglich findet. Beides existiert gleichzeitig.

 

Bild: Frediesdas