Ihre Melodien sind erfüllt von Melancholie, doch ins Mikro haucht Lana del Rey: »Du kennst die Welt nicht so wie ich, du weißt nicht, wie gut die Menschen sein können«. Der erste in einer Reihe von scheinbaren Widerprüchen – wer ist diese Frau, deren Stimme wie aus einer anderen Zeit klingt?
Vom »White Trash« zur Ikone
»Ich war schon immer ein ungewöhnliches Mädchen«, hat Lana Del Rel einmal im Song erklärt. Dabei beginnt ihr Leben eigentlich ganz unspektakulär – zumindest auf dem Papier. Geboren wird die Sängerin, die später mit Hits wie »Summertime Sadness« die Charts stürmen wird, am 21. Juni 1985 in New York unter dem Namen Elizabeth Woolridge Grant. Über ihre Familie ist wenig bekannt; nur selten spricht sie über ihre Kindheit. »Wir hatten absolut kein Geld«, erklärt sie dann etwa, und dass die in ihrer Schulzeit von ihren Mitschülern als »White Trash von Lake Placid« verspottet wird. Dass sie mehr vom Leben will, scheint für die junge Elizabeth schon als Heranwachsende klar zu sein. Wie ist es anders zu erklären, dass sie noch während ihrer bodenständigen Tätigkeit als Sozialarbeiterin modelt? Schon bald ist sie neben Teenie-Star Lindsay Lohan auf Taschen von Abercrombie & Fitch zu sehen, doch auch das reicht der ehrgeizigen Aufsteigerin noch nicht. Und so beginnt sie, eine Musik-Karriere ins Auge zu fassen. Als »Lizzy Grant« will der heutige Weltstar das Showbiz erobern, doch der Weg zum Ruhm gestaltet sich zunächst als steinig: Das erste Album? Ein Flop auf ganzer Linie! Die Luzerner Zeitung wird später schreiben, sie habe gewirkt »wie ein College-Girl, das sich auf die Bühne verirrt hat«. Doch statt aufzugeben, wagt die Newcomerin nach dem ersten gescheiterten Versuch sogleich das Comeback – und eine Komplettverwandlung: Aus der spröden Lizzy Grant wird Lana Del Rey, eine glamouröse Ikone, die von der künstlerisch drapierten Mähne über den Schmollmund bis hin zur Twiggy-Ästhetik direkt den 60ern entsprungen sein könnte und die die Musikwelt mit ihrer unverwechselbaren Handschrift, dem sogenannten »Sadcore«, nachhaltig prägen wird.
Ein Chamäleon mit Strahlkraft
Dieser Mut wird belohnt, der Durchbruch folgt auf dem Fuße: Ihr Song »Video Games« wird im Herbst 2011 erstmals auf YouTube veröffentlicht. Er erreicht innerhalb eines Monats über 100 Millionen Klicks – und macht Lana Del Rey zum Shootingstar. Doch damit nicht genug, denn die junge Sängerin weiß nahtlos an ihren ersten Erfolg anzuknüpfen: Im Jahr 2012 veröffentlicht sie das dazugehörige Album »Born to Die«, das in den USA mittlerweile Fünffach-Platin erlangt hat. Auch in Deutschland und dem Vereinigten Königreich platziert sich das Werk mit Songs wie »Summertime Sadness« und »Blue Jeans« in den oberen Rängen der Charts. Auch die Auszeichnungen lassen nicht lange auf sich warten: 2012 erhält sie den UK Music Video Award und wird zudem mit dem Brit Award als International Breakthrough Act geehrt.
Lana Del Rey, so scheint es, hat ihr Erfolgsrezept gefunden. Doch sich darauf auszuruhen, kommt für die damals noch unter 30-Jährige nicht infrage. »Meine Mutter sagte, ich hätte eine Chamäleon-Seele, keinen moralischen Kompass, keine feste Persönlichkeit – nur eine innere Unentschlossenheit«, heißt es in einem ihrer Songs. Und gerade diese Unbeständigkeit wird nun mehr und mehr zu ihrem Erfolgsfaktor werden: Im Jahr 2013 wagt sie gleich zweimal den Ausflug ins Filmbusiness. Durch ihren exzentrischen Retro-Stil scheint sie wie gemacht für den Soundtrack zu Baz Luhrmanns Literaturverfilmung »The Great Gatsby«. Für diesen steuert sie den Song »Young and Beautiful« bei – ein weiterer Meilenstein in ihrer Karriere. Noch im selben Jahr folgt das Kurzfilmprojekt »Tropico«, für dessen Drehbuch sie selbst verantwortlich zeichnet. Doch trotz dieser filmischen Ambitionen bleibt die Musik das Ausdruckmittel ihrer Wahl.
Und ihre musikalische Entwicklung hat es in sich. War der Ausspruch »Live fast. Die young. Be wild. Have fun.« schon zuvor klar mit Lana Del Rey verknüpft, soll das 2014 anstehende Album noch düsterer werden. Der Plan geht auf: »Ultraviolence« wird nicht nur international mit fünfmal Gold und dreizehnmal Platin geehrt – für ihre mitunter psychedelischen Klänge gewinnt sie auch nach und nach an Achtung in der Musikbranche. »Sie beeindruckt mich jeden Tag«, erklärt etwa Dan Auerbach, ihr damaliger Produzent. »Ich konnte spüren, dass sie vielleicht nicht wollte, dass jemand denkt, sie habe nicht die Kontrolle, weil ich mir sicher bin, dass es sehr hart sein muss als Frau im Musikgeschäft. So stießen wir die Köpfe etwas aneinander, aber am Ende des Tages tanzten wir zu den Songs.«
Doch sich lange in Lobeshymnen zu sonnen, kommt für die junge Diva nicht infrage; im Gegenteil: Der Erfolg scheint ihren Ehrgeiz nur noch zu befeuern, erscheint doch gleich im Jahr darauf das Album »Honeymoon«; ein Werk, das besonders für seine Kollaborationen mit dem kanadischen Star The Weeknd bekannt ist. In den Folgejahren wird diese Zusammenarbeit mit anderen Künstlern fast zu einem Markenzeichen: Ob Sean Ono Lennon oder A$AP Rocky – Lana Del Rey versteht es, andere musikalische Einflüsse in ihren Sound zu integrieren, ohne die eigene Handschrift zu verlieren. Noch 2023, also über ein Jahrzehnt nach ihrem internationalen Durchbruch, bringt sie gemeinsam mit dem deutschen Rapper Kontra K den Titel »Summertime« auf den Markt. Heute gibt es kaum ein musikalisches Element, das sie nicht in ihre Songs eingearbeitet hätte; kaum ein Einfluss, dem sie nicht auf eigene Weise Tribut gezollt hat.
Umstritten und unerschütterlich
Unverkennbar ist ihr Sound dabei geblieben – und noch etwas hat Lana Del Rey über die Zeit hinweg begleitet: die kritischen Stimmen. Schon zu Beginn ihrer Laufbahn rieben sich diese an ihren poetischen Texten, an der offen inszenierten Naivität, dem lasziven Auftreten und nicht zuletzt an der vor allem anfangs öffentlich gezeigten Todessehnsucht. Handelt es sich dabei tatsächlich um persönliche Abgründe oder um die kluge Inszenierung einer Kunstfigur? Die Deutung bleibt offen und ebenso ambivalent wie ihre politischen Aussagen. Etwa, wenn sie klarstellt, dass sie »keine Feministin« sei, nur um im gleichen Atemzug der Selbstbestimmung von Frauen zu huldigen. Ob solche polarisierenden Statements nun aus Kalkül oder Koinzidenz für Gesprächsstoff sorgen, darüber kann freilich spekuliert werden – festzuhalten bleibt allerdings, dass Lana Del Rey sich nicht in jene Schubladen pressen lässt, die die Medienwelt für Künstler ihres Kalibers bereithält. Und immer dann, wenn ihre Kritiker gerade darüber zu diskutieren beginnen, ob der Hype um die Retro-Ikone allmählich verblasst sei, ob Billie Eilish oder Taylor Swift sie endgültig abgelöst hätten, meldet sich Del Rey mit einem fulminanten Coup zurück.
So zuletzt im Frühjahr 2025. Da nämlich gelingt ihr mit der Ankündigung des Albums »The Right Person Will Stay« und der Veröffentlichung zweier Singles der nächste große Wurf. Das mittlerweile zehnte Studioalbum schlägt derart ein, dass es sogar jahrzehntealte Hits der Diva wieder in die Charts zurückbringt. Spätestens jetzt ist klar: Lana Del Rey ist ein Phänomen, das gekommen ist, um zu bleiben. Mal ist sie Popstar, mal Poetin, mal traurige Diva, mal Stimme einer Generation – doch genau darin liegt ihre große Stärke!
Beitragsbild: IMAGO / SOPA Images (Diogo Baptista)
Bei dem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag










