Ex-Junkie und -Häftling auf der einen Seite, Superheld und Oscar-Preisträger auf der anderen – kaum ein Lebensweg in Hollywood ist so widersprüchlich und gleichzeitig beein-druckend wie der von Robert Downey Jr. Über Jahrzehnte hinweg bewegte sich seine Karriere zwischen tiefem Absturz und glanzvollem Comeback, zwischen Gefängnisaufenthalten und Filmpremieren auf dem roten Teppich. Was heute wie eine beispiellose Erfolgsgeschichte wirkt, nahm seinen Anfang in einer schweren Kindheit – und einer verhängnisvollen Liebe zum eigenen Vater.
Viel zu jung
Schon als Kind bekam Robert Downey Jr. kleinere Rollen in den Filmen seines Vaters, dem Regisseur Robert Downey Sr. »Ich war schon immer jemand, der unterhaltsam sein wollte […] sogar als Kind«, erzählte Downey dem Interview Magazine im Alter von 23 Jahren. Das Ganze hatte jedoch auch seine Schattenseiten: In einem von Freigeist geprägten Elternhaus kam Downey früh in Kontakt mit Drogen wie Haschisch oder Kokain. Mit sechs Jahren rauchte er das erste Mal Marihuana mit seinem Vater. Mit acht war er abhängig.
Nach der Scheidung seiner Eltern verließ er den Haushalt seiner Mutter und zog mit seinem Vater nach Los Angeles. Vier Jahre später brach er die High School ab und kam zurück zu seiner Mutter nach New York, um dort seine Schauspielkarriere aufzubauen. Trotzdem blieb die Bindung zu seinem Vater – und damit auch zu den Drogen – stark: »Wenn ich und mein Vater zusammen Drogen nahmen, dann war das, als ob er damit seine Liebe zu mir ausdrückte – auf die einzige Art, die er kannte.«
Seine erste Filmrolle außerhalb der Familienproduktionen erhielt Robert Downey Jr. im Jahr 1983 in »Baby It’s You«. Diese fiel allerdings fast vollständig dem Schnitt zum Opfer, wie er dem Rolling Stone erzählte – nur eine einzige Szene im Hintergrund blieb. Das Ego des Jungschauspielers war gekrängt, 1984 konnte er aber ein zweites Mal seine Schauspielkünste im Drama »Moving In – Eine fast intakte Familie« unter Beweis stellen – und dieses Mal schafften sie es sogar auf die große Leinwand.
Hinter Gittern
Drei Jahre später folgte die Hauptrolle in »Unter Null« als der kokainabhängige Julian Wells. Die Parallelen zu seinem eigenen Leben waren so erschreckend, dass er die Rolle als »Geist der zukünftigen Weihnacht« ansah, wie er dem Guardian berichtete: »Bis zu diesem Film nahm ich meine Drogen nach der Arbeit und am Wochenende. Vielleicht kam ich verkatert am Set an, aber nicht mehr als der Stuntman.« Nach »Unter Null« änderte sich das laut ihm – jedoch leider nicht zum Besseren. Kurz darauf begann er seinen ersten Entzug.
Der große Durchbruch kam 1992 als Verkörperung des legendären Komikers Charlie Chaplin, wofür er sofort seine erste Oscar-Nominierung erhielt. Den Preis gewann er zwar nicht, aber im Rückblick sei das vielleicht gut so gewesen, wie er bei The View erzählte: »Ich war jung und verrückt und es hätte mir den Eindruck vermittelt, dass ich auf dem richtigen Weg war.«
Doch »jung und verrückt« war noch milde ausgedrückt. Ab 1996 geriet sein Leben zunehmend außer Kontrolle: Wiederholte Rückfälle, Entzugstherapien, Bewährungen – 1999 gipfelte alles in einer dreijährigen Haftstrafe nach wiederholtem Verstoß gegen Bewährungsauflagen. Gegenüber einem Richter erklärte er 1999: »Es ist, als hätte ich eine Schrotflinte im Mund und den Finger am Abzug und ich mag den Geschmack des Metalls.«
Ein letzter Hoffnungsschimmer: die Serie »Ally McBeal«, die ihn trotz allem in einer Nebenrolle besetzen wollte. Für seine Darstellung wurde er sogar für einen Emmy nominiert und gewann einen Golden Globe. Doch auch hier hielt Downey nicht lange durch. 2001 kam er erneut in Haft. Für seine Schauspielkarriere bedeutet das den endgültigen Absturz: Wegen seiner Gefängnisaufenthalte wollte kein Studio ihn mehr haben – und auch Versicherungen weigerten sich, Filme mit dem drogenabhängigen Schauspieler zu versichern.
Nach dem Ende seiner Haftstrafe und einer erneuten Entzugstherapie beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Seine größte Hilfe dabei: seine Frau Susan Levin. Sie stellte ihn schlussendlich vor die Wahl: entweder sie oder die Drogen. Und das Ultimatum verfehlte seine Wirkung nicht: »Das war das klarste Gespräch, das ich in meinem ganzen Leben hatte«, erinnerte sich der Schauspieler. Er schaffte es schließlich wieder vor die Kamera für die Komödie »The Singing Detective«. The Guardian beichtete er, wie groß damals der Druck war: »Mir ist klar geworden, dass ich zu viel zu verlieren habe, um es noch einmal zu vermasseln und wieder in das Chaos zurückzufallen, das ich vorher war.«
»Genie, Milliardär, Playboy, Philanthrop«
Es folgten Filme wie »Gothika«, »Kiss Kiss Bang Bang« oder »Zodiac – Die Spur des Killers«, die meisten davon mit einer Klausel in Downeys Vertrag, die ihm die volle Gage erst nach dem Film auszahlte – schließlich war es immer noch ein Risiko, mit dem Schauspieler zusammenzuarbeiten. Ein Risko, dass 2008 ausgerechnet die Marvel-Studios eingehen wollten. Robert Downey Jr. sollte das später milliardenschwere MCU-Franchise einleiten – als Tony Stark, besser bekannt Iron Man. Regisseur Jon Favreau erklärte damals: »Downey war nicht die naheliegendste Wahl, aber er verstand, was die Figur ausmacht. Er fand viel von seiner eigenen Lebenserfahrung in Tony Stark wieder.«
Wahrscheinlich freute sich Favreau aber auch darüber, wie günstig der Schauspieler im Vergleich zu anderen war. Somit musste Downey sich mit »nur« 500.000 US-Dollar zufriedengeben. Für den zweiten Teil der Superhelden-Reihe sprang dann schon mehr für ihn heraus: 10 Millionen US-Dollar soll er für den erneuten Auftritt als reicher Playboy bekommen haben. Für den dritten Teil waren es dann schon – inklusive Umsatzbeteiligung – rund 50 Millionen US-Dollar. Die Milliardenmarke hat Robert Downey Jr. zwar im Gegensatz zu seinem Alter Ego noch nicht geknackt, die 300 Millionen US-Dollar auf seinem Konto können sich aber auch sehen lassen. Und die Reise nimmt noch lange kein Ende: Im Sommer 2024 wurde bestätigt, dass Robert Downey Jr. in »Avengers: Doomsday« zurückkehren wird – allerdings nicht als der Held Iron Man, sonders als Widersacher Doctor Doom.
Der lang erwartete Goldjunge
Und auch jenseits des Marvel-Universums überzeugt der Schauspieler bei Preisverleihungen: 2009 wurde er für seine Rolle als exzentrischer Method-Actor Kirk Lazarus in Ben Stillers Satire »Tropic Thunder« erneut für einen Oscar und auch einen Golden Globe nominiert. 2024 folgte dann der Augenblick, auf den Downey schon wartete, seitdem er 1992 die Melone von Charlie Chaplin aufgesetzt hatte – und den er bereits 2013 sehr selbstsicher bei einem GQ-Interview voraussagte: »Ich persönlich wäre geschockt, wenn ich am Ende nicht mindestens einen hätte. […] Selbst wenn ich keinen Oscar direkt bekomme, dann werden sie mir einen geben, wenn ich alt bin. Wie immer man es auch sieht – ich werde einen bekommen.« Und er bekam ihn schlussendlich auch: Bei der Oscar-Verleihung 2024 konnte Christopher Nolans Historienfilm »Oppenheimer« insgesamt sieben Auszeichnungen für sich gewinnen – und eine davon ging endlich auch an Robert Downey Jr. als »Bester Nebendarsteller« für seine Darstellung des Lewis Strauss.
Eine Vergangenheit wie die von Robert Downey Jr. hätte wohl jeden anderen zu Boden gerissen – und kaum jemand wäre je wieder aufgestanden. Doch seine Oscar-Auszeichnung zeigt: Robert Downey Jr. hat sich nicht nur aufgerappelt, sondern ist ganz oben angekommen. Dass er seine Tiefschläge aber trotz allem mit gewohnter Selbstironie nimmt, bewies er mit seiner Dankesrede: »Ich möchte meiner schrecklichen Kindheit und der Academy danken – in dieser Reihenfolge.«
Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag.
Beitragsbild: IMAGO / ZUMA Press Wire (Billy Bennight)










