Sabrina Carpenter weiß genau, was sie tut: Sie tanzt in Kirchen, singt über Sex und trägt dabei das unschuldigste Lächeln der Welt. Sie flirtet mit Klischees, spielt mit Erwartungen und balanciert mühelos zwischen Naivität und Selbstbestimmung – und das stets mit einem Augenzwinkern. Carpenter hat längst verstanden, dass Pop kein Zufall ist, sondern Strategie. Doch lange bevor sie zur makellosen Marke wurde, war sie ein ehrgeiziges Mädchen aus East Greenville, das schon früh wusste, was es wollte.
Ein Stier mit Starrsinn
Aufgewachsen ist die am 11. Mai 1999 geborene Sängerin mit drei älteren Schwestern. Als Nesthäkchen der Familie war sie jedoch auf keinen Fall schüchtern, wie sie der Plattform Bakchormeeboy 2019 berichtete: »Ich hatte schon immer diese ›Ich-nehme-es-selbst-in-die-Hand‹-Mentalität – ich bin Stier.« Somit begann sie bereits im Alter von zehn Jahren, Kamera-Erfahrung zu sammeln und ihre eigenen Cover auf YouTube zu veröffentlichen. Ihr großes Vorbild dabei: Christina Aguilera. »Ich war elf Jahre alt und ihr Name ging mir nicht mehr aus dem Kopf. […] Ihre Lieder haben mich geprägt«, gab sie im Interview mit Paper Magazine zu.
2011 folgte ihr erster Fernsehauftritt als junges Opfer in »Law & Order: Special Victims Unit«. Nach kleineren Rollen in »Austin und Ally« und »Orange Is the New Black« kam der große Anruf des Disney Channels: In der Serie »Das Leben und Riley« spielte sie daraufhin vier Jahre lang die rebellische Maya Hart. »Das war meine Welt, das war mein Ein und Alles«, fasste sie 2020 die Serie gegenüber Teen Vogue zusammen. Carpenter blieb noch für ein paar weitere Projekte bei der Walt Disney Company, bevor sie mit »Wie Jodi über sich hinauswuchs« und »Work It« zu Netflix wechselte.
Auf dem Weg zum eigenen Sound
Parallel zur Schauspielerei zeigte sich auch früh ihr musikalisches Talent, wie etwa beim Gold Mango Audience Festival 2011 oder auf mehreren Disney-Soundtracks. 2014 löste sie sich dann langsam von ihrer Schauspielkarriere und unterschrieb bei Disneys Musik-Label Hollywood Records. Mit ihren ersten Songs »Can’t Blame a Girl for Trying« und »Eyes Wide Open« gewann sie 2015 und 2016 ihre ersten Radio Disney Music Awards. Ihre Marke ähnelte damals der von vielen anderen früheren Disney-Stars: Leichter Pop in einer unschuldigen Teenager-Welt.
Mit ihren nächsten Alben »Evolution« und »Singular« entfernte sich Carpenter dann aber vom gewohnten Disney-Sound und wurde erwachsener und tiefgründiger. »›Singular‹ markiert den Beginn meiner Suche nach meiner eigenen Stimme«, erklärte sie der Website Bakchormeeboy damals zur Veröffentlichung ihres zweiteiligen Album-Projektes. Doch ihr Image sollte sich noch stärker verändern.
Einen Espresso, bitte!
Mit ihrem fünften Studio-Album »Emails I Can’t Send« tastete sie sich dann langsam an ihre neue Marke ran: Als »naives Blondchen« sang sie über Verehrer und verflossene Liebschaften – und tanzte im Musikvideo zu »Feather« lasziv durch verspritztes Blut und – zum großen Schock der katholischen Gemeinschaft – auch durch eine Kirche.
Am 11. April 2024 folgte der Song, der Carpenter über Nacht an die Spitze der Charts katapultierte: »Espresso«. Zuckersüß, leicht und doch provokant. Laut eigener Aussage wollte sie »nur noch schnell einen kleinen Song vor Coachella veröffentlichen« – eine Untertreibung für einen Verkaufsschlager, der seitdem im Radio rauf und runter lief. Mit 1,6 Millionen Streams landete der Sommerhit auf Platz zwei der meistgestreamten Songs auf Spotify 2024 und wurde zudem bei den MTV Video Music Awards ausgezeichnet. Dort performte Carpenter auch auf der Bühne ihre Hits, knutschte zwischendurch unter lautem Publikumsjubel ein Alien und nahm anschließend strahlend ihre Trophäe für den »Song des Jahres« entgegen.
Süß und kontrovers
Das dazugehörige Album »Short n‘ Sweet« – eine gezielte Anspielung auf Carpenters 1,52 Meter Körpergröße – stieg ein paar Monate später sofort auf Platz eins der Billboard 200 ein. Die Songs dazu? Voller 60-Jahre-Charme und Zuckerwatte – bis man auf die Texte achtet. Das Erfolgs-Album blieb auch bei den Grammy Awards nicht außen vor: Stolz posierte die Sängerin mit den Trophäen für »Best Pop Vocal Album« und »Best Pop Solo Performance« auf dem roten Teppich.
Und auch bei den BRIT Awards durfte sie 2025 drei Preise entgegennehmen – ihr performtes Medley in Negligé und Spitzenunterwäsche kam jedoch nicht bei allen gut an: Über 800 Beschwerden sollen nach der Show eingegangen sein. Neben Social-Media-Kommentaren wie »Warum muss heutzutage alles so sehr sexualisiert sein?« trifft sie für manche User aber auch voll ins Schwarze: »Die Leute, die sich beschweren, hätten es zu Madonnas Zeiten nicht einen Tag ausgehalten.«
Nützliche Freundschaften
Nach »Espresso« stellte sie auch mit den Chart-Platzierungen ihres Songs »Taste« einen Rekord nach dem anderen auf. Das Spannendste daran war jedoch für viele nicht etwa die Musik selbst, sondern eher das Musikvideo dazu: Ganz in »Der Tod steht ihr gut«-Manier, lieferte sie sich mit »Wednesday«-Star Jenna Ortega einen blutigen Kampf um einen Mann. Der Höhepunkt für die Fans: ein leidenschaftlicher Kuss zwischen den beiden Damen.
Damit hören Carpenters Promi-Freundschaften jedoch noch nicht auf: 2023 bis 2024 stand sie sogar mit der großen Taylor Swift höchstpersönlich auf der Bühne der »The Eras Tour« und nahm später den Song »The Life of a Showgirl« mit ihr auf. Swift selbst schwärmte über die »Espresso«-Sängerin: »Ich finde sie einfach unglaublich brillant und auf eine gewisse Art auch stark. Als Künstlerin ist sie sehr sensibel, aber sie kann sich behaupten.« Seit einem Jahr ist Carpenter nun selbst auf ihrer »Sweet n‘ Short Tour« unterwegs, die natürlich wie immer mit zahlreichen anzüglichen Anspielungen gespickt ist.
Zu viel des Guten?
Was mittlerweile zur unverkennbaren Marke der Sängerin geworden ist, stieß vielen ihrer Fans jedoch bei der Ankündigung des Albums »Man’s Best Friend« sauer auf. Auf dem Cover zu sehen: Carpenter auf allen vieren vor einem Mann, der sie an den Haaren packt – wie ein Hund an der Leine. Der Aufschrei in den Medien war groß: Zu unterwürfig sei die Darstellung, zu rückständig das gezeigte Frauenbild. Sabrina Carpenter selbst reagierte im Interview mit CBS Mornings jedoch gelassen: »Ihr müsst mehr rauskommen.« Ihre Familie und Freunde hätten damit schließlich auch kein Problem gehabt.
Dass sich die Öffentlichkeit dabei vor allem auf ihre Vorliebe für pikante Themen stürzt, findet Carpenter selbst übrigens sehr komisch: »Das sind die Songs, die ihr alle populär gemacht habt. Ihr liebt offensichtlich Sex. Ihr seid davon besessen«, erklärte sie im Interview mit dem Rolling Stone – auf dessen Cover sie sich nackt ablichten ließ. Mit ihrer Aussage hat sie nicht ganz unrecht: Ob mit zweideutigen Wortspielen in »Nonsense« oder eindeutigen Sexposen während ihren Performances zu »Juno« – ihre Auftritte gehen viral. Wer damit nicht klarkomme, solle einfach nicht zu ihren Shows kommen, erwiderte sie in einem Interview mit The Sun on Sunday.
Sie provoziert und begeistert gleichermaßen – so wurde sie doch für die Grammys 2026 erneut in sechs Kategorien nominiert und auch ihre Hauptrolle samt Produktionsbeteiligung an einem noch unbetitelten Alice-im-Wunderland-Musicalfilm wurde vor kurzem bestätigt. Sabrina Carpenter ist Sängerin, Schauspielerin und allen voran eine Marke, die perfekt funktioniert: eine »unschuldige 60er-Jahre-Pin-up-Fantasie«, die sich mit bitterbösen Texten und sexuellen Anspielungen zu verteidigen weiß. Image ist eben alles.
Beitragsbild: IMAGO / Agencia EFE (Octavio Guzmán)
Bei dem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag.










