Ein Expertenbeitrag von Bernhard-Stefan Müller
„Wenn meine Kinder nicht übernehmen, stelle ich das Unternehmen eben zum Verkauf.“
Oft folgt dann der nächste Schritt:
Ein Inserat auf einer Plattform für Unternehmensverkäufe. Und die Hoffnung, dass sich ein geeigneter Käufer meldet.
Das Problem ist: So funktioniert Unternehmensnachfolge nicht.
Ein Unternehmen ist kein Gebrauchtwagen. Und Nachfolge ist keine Transaktion, die man mit einer Anzeige auslöst.
Trotzdem wird genau das in vielen Fällen versucht. Dreißig Jahre Arbeit und dann ein Inserat.
Viele Unternehmer haben dreißig oder vierzig Jahre ihres Lebens in den Aufbau ihres Betriebs investiert. Sie haben Risiken getragen, Verantwortung für Mitarbeiter übernommen, Krisen überstanden und Märkte aufgebaut.
Doch wenn es um die Übergabe geht, wird das Thema plötzlich erstaunlich oberflächlich behandelt.
„Vielleicht übernimmt ein Mitarbeiter.“
„Vielleicht meldet sich ein Investor.“
„Vielleicht findet sich jemand.“
Vielleicht ist kein Konzept.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Nachfolge ist Architektur – keine Anzeige
Wenn ich mit Eigentümern über Nachfolge spreche, nutze ich oft einen Vergleich aus der Immobilienentwicklung:
Ein Grundstück hat einen Wert. Aber sein tatsächliches Potenzial entsteht erst durch Entwicklung.
Ein Immobilienentwickler stellt nicht einfach ein Schild auf und wartet auf einen Käufer. Er analysiert Nutzungsmöglichkeiten, strukturiert Eigentumsverhältnisse, denkt in Szenarien und entwickelt eine Perspektive.
Genau so muss man auf Unternehmen schauen.
Viele Betriebe haben Substanz – aber ihre Struktur ist nicht auf die nächste Phase vorbereitet.
Manchmal liegt das an der Eigentümerstruktur.
Manchmal an der Führung.
Manchmal an fehlenden Investitionsperspektiven.
Wer nur ein Inserat schaltet, verkauft das Unternehmen im aktuellen Zustand – und verschenkt oft einen großen Teil seines Potenzials.
Die unbequeme Wahrheit: Nicht jedes Unternehmen ist sofort übergabefähig.
Das klingt hart, ist aber Realität.
Ein Unternehmen kann wirtschaftlich gesund sein und trotzdem schwer übertragbar.
Zum Beispiel wenn:
- die gesamte Kundenbeziehung an der Person des Eigentümers hängt
- keine zweite Führungsebene aufgebaut wurde
- Entscheidungsstrukturen nicht dokumentiert sind
- der Unternehmer faktisch jede zentrale Funktion selbst erfüllt
- In solchen Fällen geht es nicht zuerst um Verkauf – sondern um Strukturarbeit.
Nachfolge bedeutet nicht automatisch Verkauf
Ein weiterer Denkfehler vieler Unternehmer ist die Annahme, dass Nachfolge immer bedeutet, das Unternehmen vollständig zu verkaufen.
In der Praxis gibt es zahlreiche andere Modelle:
- Management-Buy-Outs, bei denen ein bestehendes Führungsteam übernimmt
- Teilübernahmen, bei denen Eigentümer beteiligt bleiben
- schrittweise Übergaben, bei denen Verantwortung über Jahre übertragen wird
- Beteiligungsmodelle, bei denen Kapital von außen eingebunden wird
- neue Eigentümerstrukturen, etwa durch Holding- oder Aktienmodelle
Welche Lösung sinnvoll ist, hängt nicht vom Markt ab, sondern von der Situation des Eigentümers, des Unternehmens und der nächsten Generation.
Die schwierigste Entscheidung betrifft selten den Verkauf
Die schwierigsten Entscheidungen in Nachfolgeprozessen haben oft nichts mit Kaufpreis oder Vertragsdetails zu tun.
Es geht um Fragen wie:
- Soll ein Familienmitglied Verantwortung übernehmen, oder nicht?
- Ist das bestehende Management in der Lage, das Unternehmen zu führen?
- Braucht das Unternehmen einen externen Geschäftsführer?
- Welche Teile des Unternehmens sollen überhaupt übertragen werden?
Das sind keine operativen Fragen. Das sind Eigentümerentscheidungen.
Und genau deshalb werden sie häufig zu spät gestellt.
Die größte Gefahr: zu spät beginnen
Der wohl häufigste Fehler in Nachfolgeprozessen ist der Zeitpunkt.
Viele Unternehmer beginnen sich mit dem Thema zu beschäftigen, wenn sie bereits verkaufen wollen.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Handlungsspielraum oft bereits stark eingeschränkt.
Nachfolge braucht Zeit. Manchmal fünf Jahre. Manchmal zehn.
Nicht weil Prozesse so langsam sind – sondern weil Strukturen aufgebaut werden müssen.
Verantwortung endet nicht mit dem Verkauf
Viele Unternehmer sehen den Verkauf ihres Unternehmens als Abschluss.
Tatsächlich ist er oft nur ein Übergang.
Ein Unternehmen prägt Mitarbeiter, Regionen und manchmal ganze Branchen.
Die Entscheidung, wer diese Verantwortung übernimmt, ist deshalb weit mehr als eine wirtschaftliche Frage.
Es ist eine Frage der Haltung.
Und genau deshalb gehört Unternehmensnachfolge zu den Entscheidungen, die sich nicht delegieren lassen.
Fazit
Ein Inserat kann ein Unternehmen sichtbar machen.
Aber es ersetzt kein Konzept.
Wer sein Lebenswerk übergeben möchte, sollte sich nicht zuerst fragen, wer kauft, sondern:
Welche Struktur braucht das Unternehmen für die nächste Phase?
Welche Rolle soll der Eigentümer künftig spielen?
Und wer ist tatsächlich in der Lage, Verantwortung zu übernehmen?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, beginnt echte Nachfolge.
Alles andere ist Zufall.

Bernhard-Stefan Müller ist Experte für Transformation, Unternehmensaufbau und Restrukturierung. Mit seinem Team berät er Kunden im DACH-Raum sowie in der MENA-Region.
Beitragsbilder: Burnz Neuner, Depositphotos / depositedhar










