Neustart nach 19 Jahren: Kollegah ist Geschichte, doch die Karriere ist es deswegen noch lange nicht. Felix Blume wagt einen Blick hinter die Kulissen seiner Zeit im Spotlight – und blickt auf ein Leben voller Kunst und knallhartem Unternehmertum. Was ihn dazu bewegte, sein Rap-Alter-Ego nach fast zwei Jahrzehnten abzulegen und weshalb er mit einem neuen Album in die »Frührente« startet, hat er uns im Interview verraten.
Felix, vor rund 19 Jahren hast du den Namen Kollegah aufgebaut. Jetzt klingt es so, als würdest du ihn gerne komplett ablegen. Wie geht es weiter und woher kommt diese Entscheidung?
Man sieht es manchmal in der Tierwelt: Die Raupe wird zum Schmetterling. Es geht um Weiterentwicklung – im Idealfall zu etwas Besserem als vorher. Stagnation war immer mein Feind. Ich wollte mich als Mensch immer weiterentwickeln. Die Musikkarriere war irgendwann zu Ende. Ich habe mir von Beginn an vorgenommen, das bis zu meinem 40. Lebensjahr zu machen – also eine Zeitepoche von 19 Jahren – und mich danach musikalisch neu zu öffnen, wenn ich überhaupt weitermache mit der Musik. Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich sage: »Musik macht wieder Spaß«, weil sie sich wieder neu und frisch anfühlt, weil ich nicht mehr als Kollegah an das Mikrofon gehe, sondern als Felix Blume.
Das heißt, es ist schon entschieden, dass als Felix Blume etwas Neues kommt?
Das kommt dieses Jahr tatsächlich noch! Es ist eine Idee seitens meiner Fanbase gewesen; ein Vorschlag einer Sidequest, so heißt mein YouTube-Format. »Bitte lieber Herr Blume, machen Sie noch ein Album dieses Jahr als Felix Blume! Ihr erstes Album. Das wollen wir gerne haben.« Und diesen Fanwunsch galt es nun zu erfüllen. Und so habe ich etwas gemacht – ein Album, das am 12.12. erscheint. Es heißt »Kanzler (Frührentnertape Vol. 1)« und ist das erste Album von Felix Blume.
Im letzten Jahr hast du dich sehr auf die Malerei fokussiert. Es ist ja schon fast ein bisschen »Klischee«, dass viele Künstler auch malen. War das bei dir schon immer eine Leidenschaft?
Nun, die Malerei war lange vor der Musik. Die Musik kam erst mit 16, 17 Jahren in mein Leben, die Malerei schon früher. Zu malen war das Erste, was ich kreativ tat, als ich auf die Welt kam. Und es war meine erste große künstlerische Leidenschaft, eine, die viel Zeit braucht und viel Ruhe im Kopf. Mein Leben war das genaue Gegenteil. Bis zum letzten Jahr. Mit der Frührente stellte sich die Ruhe ein und die alte Passion auch wieder: die Malerei.
Du wohnst zum Teil in Italien, das Land der großen, alten Meister – inspiriert dich das?
Ja. Auswandern werde ich wohl so schnell nicht aus Deutschland. Da hängt mir doch meine Heimat zu sehr am Herzen. Die gebe ich nicht auf und verlasse sie auch nicht. Ich mag Deutschland sehr gerne, habe aber all over the world meine Base; seit Neuestem eben in Italien. Es ist eine schöne Region. Natur ist für mich das A und O und ich mag Europa. Ich mag die vier Jahreszeiten. Ich mag Deutschland. Ich mag aber auch Italien. Na, und im Hinblick auf die Kunst ist Italien eigentlich das Land, wo alles angefangen hat.
Die Renaissance war zum Beispiel bahnbrechend und ging von dort aus. Jeder kennt die großen Namen bis heute, obwohl es Jahrhunderte her ist: Michelangelo, Raffaello, die Fresken, Florenz – sie sind ja auch Teil des alltäglichen Lebens. Und das ist das Schöne: Es ist ein Land, das immer geschmückt aussieht. Fantastische Ästhetik – anders als Deutschland. Das braucht man manchmal: Die Künstlerseele braucht Italien.
Wie würdest du deinen Erfolg als Künstler definieren?
Nun, die Anfänge meiner Musik 2004/2005 waren bereits ein eigener Stil. Es war nichts Kopiertes. Es war individuell. Es war neu. Es ist bis heute unerreicht geblieben in seiner Lyrik – und genauso bin ich auch an die Malerei herangegangen. Das heißt, ich schaue mir nicht an: Was machen die anderen, wie lernt man das Handwerk oder wie könnte man jetzt damit Leute erreichen? Ich möchte mich mit der Kunst ausdrücken.
Wenn ich den Pinsel in die Hand nehme, dann geht es mir nicht darum, ob ich das Bild verkaufe, ob das irgendeiner versteht oder so, sondern ich male das Bild, um etwas auszudrücken, was ich als Mensch und auch als Musiker niemals so könnte.
Musik war immer ein Mittel der Verarbeitung auch für persönliche Erfahrungen. Mein Leben war eigentlich ein Tagebuch in Albumform. Aber die Malerei bringt mir nochmal eine ganz andere Möglichkeit – eine tiefere Ebene, die man manchmal sehr verborgen hält – zumindest visuell-metaphorisch darzustellen. Und das hilft mir und meiner Psyche alleine.
Du hast in deiner Musikkarriere auch viel Kritik bekommen – und sicherlich auch ein bisschen provoziert. Bist du ein Mensch, dem das eher was gibt oder kostet dich das Energie?
Nein, ich war nie ein Mensch, der sich groß an Aufmerksamkeit erfreut hat oder daran, zu polarisieren. Ich habe nie versucht, eine Massenreaktion hervorzurufen. Ich habe einfach mein Ding gemacht und meine Meinung gesagt und in Fällen wie dem Echo-Skandal auch meinem Freund Farid die Treue gehalten und eine Loyalität ausgelebt, die mehr wert ist als die nächste Million. Zwei, drei Millionen sind mir durch die Lappen gegangen – allein im ersten Jahr nach dem Echo-Skandal! Oder lass es fünf Millionen gewesen sein – das ist völlig irrelevant. In dem Moment geht es nur um die Freundschaft. Man kann überhaupt erst den Weg öffnen für wahre Kunst, wenn man sich frei macht vom kommerziellen Gedanken.
Was lässt dich weitermachen und morgens aufstehen?
Das, was mir immer Kraft gibt, ist tatsächlich mein Glaube an Gott. Ich habe immer schon zu Gott gesprochen.
Hattest du eigentlich schon immer einen Lebensplan oder hast du dein Leben phasenweise ausgerichtet?
Ja, der war schon sehr früh bereits ziemlich genau festgelegt. Ich war als Kind, als Vier- oder Fünfjähriger, im Kindergarten völlig perplex und hab’ die Menschen um mich herum angeschaut und gesagt: »Was machen die hier? Warum sollen wir spielen? Wir könnten doch etwas Sinnvolles machen. Lass uns etwas aufbauen!« Ich habe mich nie so richtig zugehörig zu den Menschen um mich herum gefühlt. Obwohl ich viele Freunde gehabt habe. Ich war immer in der Schule der Coolste oder einer der coolsten.
Die Schulzeit war insgesamt eine coole Zeit. Aber ich hatte immer auch eine Seite, wo ich mich ziemlich – nicht einsam – aber doch eher so wie ein Beobachter gefühlt habe und nicht ganz zugehörig.
Ich hatte immer eine innere Stimme, die noch mehr verlangt hat als das Leben, was man so erwarten kann. Aber ein Abi als Abschluss und dann eine Lehre oder ein Studium machen, war nie etwas für mich. Ich wollte ausbrechen! Ich wollte etwas Einzigartiges schaffen. Ich wollte Geschichte schreiben in der Zeit, in der ich auf der Erde bin. Das war schon immer der Lebensplan. Wie das genau gehen sollte? Keine Ahnung! Aber mein Unterbewusstsein hat immer schon daraufhin gearbeitet.
Warst du in den letzten Jahren dann auch immer mit dir im Reinen, weil es das war, was du dir als Kind gewünscht hast?
Ich hatte schon Phasen, da hab’ ich wirklich an allem gezweifelt und hab’ mich gefragt: »Was hast du mit deinem Leben gemacht?« Es gibt Dinge, die ich vor Jahren gerappt habe, für die ich mich heute schäme.
Ich habe teilweise so negative Inhalte über meine Musik vermittelt. Das kann ich nie wieder auslöschen. Die Worte sind gesagt. Die sind raus in der Welt. Ich kann diese Sünde nie wieder von mir wegbekommen.
Du bist ja nun auch seit vielen Jahren ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Wie wählst du deine Projekte aus?
Das ist nicht der gleiche Felix Blume – das ist die andere Gehirnhälfte. Ich switche den Tag über, quasi wie ein Pingpongball. Es ist ein schnelles Hin-und-her-Jonglieren. Der Unternehmer ist ganz anders als der Künstler. Ein Künstler ist frei von Zahlen – der denkt mit dem Gefühl, mit dem Herzen. Er lässt die Ader quasi auf die Leinwand fließen. Der Unternehmer ist natürlich knallhart und schwimmt durch ein Haifischbecken – und zwar nicht, um als kleiner Fisch gefressen zu werden, sondern, um die ganz großen Fische zu fressen.
Was macht dir im Unternehmertum besonders viel Freude; an welchen Projekten arbeitest du?
Ich habe schöne Bauprojekte. Immobilien sind immer so ein Hintergrundthema – oftmals langweilig, oftmals auch sehr anstrengend. Sie sind viel mit Reisen verbunden, mit Hotels und dann muss man vor Ort sein und sich Baustellen angucken. Die Straße hat vielleicht keine Genehmigung oder sie muss noch gebaut werden, es muss angerufen werden und Kontakte aufgebaut werden. Aber das ist eher so ein Hintergrundrauschen. Ich habe früh angefangen mit Immobilien und mache das immer noch. Ich delegiere da aber mittlerweile auch viel an ein Team, das ich mir über die Jahre aufgebaut habe. Ansonsten bin ich auch immer wieder offen für neue Ideen. Wir leben gerade in einer Zeit des Umbruchs. Alles verändert sich gerade. Viele Jobs fallen weg, aber viele kommen auch dazu. Jetzt müssen Menschen dynamisch sein, flexibel und adaptiv.
Also ein Start-up-Investor bist du auch?
Ich habe das mal eine Zeit lang gemacht. Aber mittlerweile bin ich wirklich davon weg. Was ich vor allem gemerkt habe, ist, dass es Menschen daran mangelt, etwas langfristig durchzuziehen. Der Anfangserfolg ist da – und dann geht der Laden zu Bruch. Ich mag Menschen mit einer Vision, die viel größer als der Tellerrand ist. Und die sind selten.
Das heißt, wenn du in Unternehmen hineingehst, dann lieber in welche, die sich schon über eine Zeitlang bewiesen haben?
Absolut! Ich lege deutlich mehr Wert auf Fragen wie: Wie lange existiert das Unternehmen schon? Was sind die Umsätze? Was haben die tatsächlich geleistet? Aber es ist im Endeffekt auch ein bisschen wie Pferdewetten: Du kannst nicht in die Köpfe reingucken! Der Unternehmer kann sich super präsentieren. Aber ob der wirklich morgens 6:30 Uhr aufsteht und seinen fucking Job macht? Das kann ich ja auch nicht wissen!
Wie gehst du vor, wenn du Mitarbeiter einstellst?
Das ist doch genau das gleiche Glücksspiel, oder? Ich kann es dir an einem guten Beispiel eigentlich erklären: Mein Videograf Joel. Videograf an meiner Seite zu sein, ist kein einfacher Job. Man muss sehr eingespielt sein. Man muss meinen Humor peilen. Man muss wissen, wie die Timings sind. Er schneidet auch. Das ist etwas, was einer nur machen kann, der in Gänze versteht, was ich mache und es auch feiert. Joel ist ein alter Fan von mir gewesen. Er war auf meinen Konzerten. Ich habe ihn deswegen genommen, weil er die Sache fühlt. Er brachte auch das Handwerkliche als Grundkenntnis mit. Er ist Autodidakt im Bereich der Videografie und der Landschaftsfotografie; er ist immer draußen in der Natur gewesen und ist dementsprechend zäh.
Der Junge liebt mich. Der ist Fan. Der hat einen Blick für Ästhetik und Landschaft und noch ein Ohr für Musik gehabt. Und vor allem hat er meinen Humor gepeilt. Das konnte ich abklopfen. Also setz ich ihn ein und fordere ihn erstmal zum Maximum heraus. Damals hieß das Album »La Deutsche Vita«. Die Promo-Phase war eine schlaflose Zeit für Joel – aber er hat gelernt.
Das heißt, man schmeißt die Leute in das kälteste Wasser, das man finden kann. Und wenn sie dann schwimmen, dann ist gut. Man muss es ja nicht übertreiben, wie die Mexiko-Kartells. Die tun die Leute 24 Stunden in einen kalten Pool – und dann wird oben zugemacht – und wer überlebt, kann mitmachen bei der Mafia. Ganz so schlimm ist es nicht, aber man sollte die Leute in Extremsituationen befördern und dann schauen, wie sie reagieren – das ist eigentlich immer der beste Weg!
Beitragsbild: Oliver Reetz
Bei dem Artikel handelt es sich um einen Archivbeitrag.










