»Wachstum ohne Gewinn ist tödlich«: Matthias Aumann über erfolgreiche Skalierung, Markenbildung und den »Mythos Unternehmer«

»Wachstum ohne Gewinn ist tödlich«: Matthias Aumann über erfolgreiche Skalierung, Markenbildung und den »Mythos Unternehmer«

Matthias Aumann ist CEO des 2012 gegründeten Grünpflege-Unternehmens aumann:grün AG und der 2017 gegründeten Unternehmensberatung Mission Mittelstand GmbH. Seine bei der Unternehmensführung gewonnene Expertise hat er in dem Anfang 2022 erschienenen Buch »Mythos Unternehmer« zusammengefasst.

Herr Aumann, Ihre Unternehmen wachsen nach eigenen Angaben jeweils um mehrere einhundert Prozent im Jahr. Ist das nicht ziemlich risikoreich, in diesem Umfang so schnell zu skalieren?

Schnelles Wachstum ist dann gefährlich, wenn die Auftragslage fehlt, denn Wachstum ohne Gewinn ist tödlich. Beim Wachstum meiner Unternehmen ist es wichtig zu beachten, dass wir nur so rasant wachsen, weil wir es auch können. Meine Unternehmen blasen sich nicht wie Luftballons auf, sondern wachsen organisch, entsprechend der Nachfrage und Auftragslage. Wenn man sein Unternehmen erfolgreich platziert, dann wird auch der Bedarf an den eigenen Dienstleistungen weiter steigen.

Welche Faktoren sind denn für eine Skalierung relevant und was muss zuerst für sichtbare Ergebnisse umgesetzt werden?

 Es gibt beim Skalieren eine einfache Regel: Erst kommt der Vertrieb, dann kommt der Betrieb. Das Blut in deinem Unternehmen ist der Verkauf, die Liquidität. Wenn das nicht fließt, stirbt der Rest vom Organismus. Wichtig ist: Dein Kopf skaliert nicht, Systeme schon. Darum müssen für eine erfolgreiche Skalierung die richtigen Systeme implementiert werden.

Dabei gibt es fünf Faktoren, die besonders wichtig sind: Input in Form von Neukunden und Marketing, wiederkehrende Abläufe, um einen Standard in den Dienstleistungen und Produkten zu garantieren, Mitarbeiter, die in diesen Systemen arbeiten und sie verstehen, ein Management, das alles überwacht für eine gleichbleibende Qualität, und der Output in Form von Geld, das man wieder in das Unternehmen reinvestieren kann, beispielsweise in Form von Marketing.

Ihr neues Buch »Mythos Unternehmer« ist seit Kurzem erhältlich. Dort gehen Sie auf die Wichtigkeit von strukturierten Systemen ein. Welche Methoden sollten Unternehmer auf jeden Fall in Ihre Arbeitsabläufe integrieren und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

 Viele Selbstständige haben die meisten Probleme mit dem Schritt aus dem Alltagsgeschäft heraus. Dabei können genau solche Systeme helfen. Digitale Systeme und Prozesse machen es leichter, in den täglichen Abläufen den Überblick zu behalten. Das ermöglicht es, Aufgaben delegieren zu können und sich auf die Entwicklung des Unternehmens zu konzentrieren.

»Arbeite nicht länger im Unternehmen, sondern fange an, wie ein Unternehmer zu denken, der am Unternehmen arbeitet«, lautet einer der Tipps aus Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?

 Mit meinem Coaching möchte ich mittelständischen Unternehmern dabei helfen, den Schritt zu wagen, um nicht mehr jeden Tag im Unternehmen zu arbeiten, sondern am Unternehmen. Das bedeutet, dass die Geschäftsführer es schaffen, nicht mehr jeden Tag mit auf den Baustellen unterwegs zu sein und gemeinsam mit ihren Angestellten an den Aufträgen der Kunden zu arbeiten, sondern Systeme zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, Aufgaben zu delegieren und sich mehr auf das Wachstum des Unternehmens als auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren.

Welche Voraussetzungen braucht jemand für die Erschaffung einer überzeugenden Marke und wie kann Markenbildung sich positiv auf das Unternehmen auswirken?

 Fakt ist: Alles in dieser Welt lässt sich zu einer Marke aufbauen. Die Beschaffenheit des Produktes ist da erst mal zweitrangig. Es geht vor allem darum, wie begehrlich das Produkt in den Köpfen der Kunden erscheint. Dabei kommt es in erster Linie auf die Botschaft an, die man mit seinen Produkten verbreitet. Die richtige Botschaft führt dazu, dass der Wert des Produkts steigt, was natürlich gut für das Unternehmen ist.

»Wachstum ohne Gewinn ist tödlich«: Matthias Aumann über erfolgreiche Skalierung, Markenbildung und den »Mythos Unternehmer«
Bild: Dirk Nienaber

Muss ein CEO heutzutage als Marke das gesamte Unternehmen in seiner Person repräsentieren oder sind Unternehmen und Unternehmer diesbezüglich getrennt zu betrachten?

 Im Idealfall sollte der CEO zumindest zu Beginn das Unternehmen repräsentieren. Es ergibt Sinn, weil dadurch eine höhere Identifikation innerhalb der Zielgruppe erfolgen kann.

Ein Beispiel: Prof. Dr. Claus Hipp ernährt fast 50 Prozent aller Babys, er hat einen Marktanteil von 50 Prozent, weil es so eine hohe Identifikation mit ihm und seiner Unternehmensmarke gibt. Als CEO verleiht er dem Unternehmen eine enorme Souveränität. Und eine feste Bezugsperson schafft Vertrauen zwischen Unternehmen und Kunden. Er steht mit seinem Gesicht für das Unternehmen ein, hält das Produkt in die Kamera und sagt: »Dafür stehe ich mit meinem Namen.«

Milupa zum Beispiel schafft dieses Level an Identifikation nicht. Ab einem gewissen Punkt kann es aber auch sinnvoll sein, Unternehmen und Unternehmer in den Köpfen der Kunden zu trennen. Wenn das Unternehmen eine Personenmarke ist, wird es dadurch auch angreifbarer, wenn die Person einen schlechten Ruf bekommt oder irgendetwas Unmoralisches leistet. Dann leidet darunter auch das Unternehmen, weil die beiden Marken so eng miteinander verwoben sind.

Deswegen bin ich der Meinung, die Verknüpfung von CEO- und Unternehmensmarke kann sowohl Fluch als auch Segen sein. Zu Beginn ist es oft sinnvoll, weil es eine hohe Projektionsfläche für die Zielgruppe bietet, sich in einer Person wiederzufinden und mehr Vertrauen zu schöpfen. Andererseits kann es aber auch zum Fluch werden, wenn die Person sich irgendetwas Unmoralisches erlaubt. Wenn Skandale an die Öffentlichkeit gelangen, dann kann das die gesamte Firma mit in den Ruin ziehen.

 Warum ist der Fachkräftemangel ein Mythos und wie kommen Unternehmer an die für ihr Unternehmen passenden Mitarbeiter?

Der Begriff »Fachkräftemangel« ist meiner Meinung nach ein Mythos, der von den Hochglanzmagazinen, Talkshows und der Gesellschaft fabriziert wurde. Diese ganzen Medien sagen, es sei so schwer geworden, gute Mitarbeiter zu finden, und jeder glaubt es. Ich bin überzeugt davon, dass man nur die richtigen Strategien umsetzen muss, digital und online, dann findet man die idealen Mitarbeiter. Es gibt genügend gute Mitarbeiter, der Markt ist voll davon. Sie arbeiten nur in anderen Unternehmen. Unternehmen müssen in den Wettbewerb um gute Talente gehen, nicht aufhören, auf sich aufmerksam zu machen, sich auf den Sozialen Medien zu zeigen und als Top-Arbeitgeber zu positionieren, bis genügend Bewerbungen in der Personalabteilung eingegangen und die richtigen Mitarbeiter eingestellt sind.

 Welche Rolle spielt Social Media beim Mitarbeiter-Recruiting? Und worauf müssen Unternehmer bei der Umsetzung der Strategien auf den regulären Plattformen achten, um die richtigen Mitarbeiter zu finden?

Moderne Kanäle wie Social Media sind essenziell, um heutzutage gute Mitarbeiter einzustellen, denn häufig müssen sie abgeworben werden. Erstmal müssen sie aber wissen, dass es das Unternehmen überhaupt gibt und warum man selbst ein attraktiverer Arbeitgeber wäre als der aktuelle Arbeitgeber. Dafür bieten sich Soziale Netzwerke mit ihren großen Reichweiten in Kombination mit gut konsumierbaren Inhalten wie Videos und Storys an, um das Unternehmen und seine Kultur in den Köpfen der potenziellen Mitarbeiter zu positionieren.

Was planen Sie für das neue Jahr und wie sehen Ihre langfristigen Ziele als Unternehmer aus?

Ziel ist es, auch in diesem Jahr weiter zu wachsen. Wir wollen dieses Jahr die 250 Mitarbeiter knacken und weitere Standorte eröffnen; den ersten dieses Frühjahr in Bremen und später im Jahr in Süddeutschland. Unser langfristiges Ziel ist natürlich auch weiterhin, den deutschen Mittelstand – kleinere und mittlere Betriebe, das Handwerk, familiengeführte Unternehmen – zu stärken. Wir wollen ihnen dabei helfen, dass sie ideale Mitarbeiter finden, somit mehr Gehälter und Löhne zahlen, dass sie ihre Produkte besser vertreiben können und somit den Wohlstand unseres Landes langfristig aufbauen – das ist unsere Mission: den deutschen Mittelstand zu verändern.

Beitragsbild: Fabian John

 

AS