Julien Backhaus und Tom Junkersdorf im Porträt

Warum wir den Falschen zuhören

Tom Junkersdorf über Vorurteile, Mut zum All-in, echte Vorbilder – und was erfolgreiche Menschen fundamental anders machen.
Was hast du selbst aus all diesen Gesprächen mitgenommen? Und wie hat es deine Karriere beeinflusst?

Mich hat schon immer interessiert, die Geschichten von Menschen zu verstehen. Sehr früh habe ich gelernt, dass jeder Mensch eine eigene Geschichte hat – und dass diese Geschichten extrem unterschiedlich sein können, selbst wenn alle dasselbe Ereignis erleben.

Ein prägendes Erlebnis hatte ich in Los Angeles. Während meines Aufenthalts ereignete sich dort eines der stärksten Erdbeben der letzten Jahrzehnte. Große Teile der Stadt waren zerstört: Straßen, Brücken, Häuser. Am nächsten Tag erschien eine Sonderausgabe der Los Angeles Times mit über 100 Seiten – jede Seite eine andere Geschichte, ein anderes Schicksal. Obwohl vier Millionen Menschen dasselbe Erdbeben erlebt hatten, waren es vier Millionen vollkommen unterschiedliche Erfahrungen.

Ich bin selbst durch die Straßen gelaufen, habe gesehen, wie Menschen reagierten, die alles verloren hatten. Und was mich tief beeindruckt hat: Fast niemand sprach von Aufgeben. Im Gegenteil. Viele sagten sofort: Wir bauen es wieder auf. Und wir bauen es größer als zuvor. Cafés gaben kostenlos Kaffee aus, es wurde gesammelt, gespendet, geholfen. Eine unglaubliche Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und füreinander da zu sein. Jeder hatte seine eigene Geschichte – und dennoch entstand sofort ein Gemeinschaftsgefühl.

Seitdem sehe ich Städte anders. Wenn ich heute nachts aus einem Hotelfenster in eine Skyline schaue und tausende Fenster sehe, denke ich nicht an Gebäude. Ich denke: Hinter jedem dieser Fenster steckt eine Geschichte. Über jeden Menschen ließe sich eine Zeitung machen, ein Magazin, ein Podcast oder sogar eine Netflix-Serie. Wir leben in derselben Zeit, erleben dieselben Ereignisse – und doch erlebt sie jeder völlig anders.

Diese Neugier auf Menschen treibt mich bis heute an. Mich interessiert immer dieselbe Frage: Warum tun Menschen, was sie tun? Was treibt sie wirklich an?

Das gilt auch im Alltag. Wir sitzen hier im Hafenclub, schauen auf die Elbe, sehen einen Schlepper vorbeifahren. Und ich frage mich sofort: Was ist die Geschichte des Kapitäns? Warum fährt er hier, auf der vereisten Elbe? War das sein Lebenstraum? Lebt er ihn gerade? Was macht ihn glücklich, was fordert ihn heraus? Warum das Wasser – und warum nicht der Ozean? Wenn man diesem Menschen eine Stunde zuhören würde, wäre das vermutlich die beste Geschichte des Tages. Die einzige Frage ist: Gehen wir hin – oder gehen wir nicht hin? Hören wir zu – oder hören wir nicht zu?

Heute neigen wir immer mehr dazu, nicht mehr zuzuhören. Wir bilden uns schnell eine Meinung, glauben, die Geschichte bereits zu kennen, und bleiben in unseren Vorurteilen. Dabei liegt so viel Erkenntnis darin, einfach offen auf Menschen zuzugehen und zu fragen: Was machst du? Warum machst du es? Was sind deine Träume? Wie nah bist du ihnen wirklich?

Hast du früh gemerkt, dass Leute mit sehr viel Erfolg glaubwürdiger sind als andere?

Genau deshalb höre ich besonders gern erfolgreichen Menschen zu. Nicht, weil Erfolg alles ist, sondern weil sie Erfolgspraktiker sind. Sie haben etwas aufgebaut, erschaffen, riskiert. Sie erzählen keine theoretischen Konzepte, sondern echte Erfahrungen. In Deutschland hören wir sehr oft Menschen zu, die hervorragend analysieren, kritisieren und erklären – aber selbst nie etwas umgesetzt haben. Wir haben zu viele Erfolgstheoretiker.

Das zeigt sich auch im internationalen Vergleich. Die reichsten Deutschen sind Discounter-Unternehmer. Die reichsten Amerikaner kommen aus der Tech-Welt. Das ist kein Zufall, sondern eine Frage des Mindsets. Warum bleibt ein Aldi ein Discounter, während Amazon von einem Buchhändler zu einem globalen Tech-, Cloud- und Space-Unternehmen wird? Warum denken wir hierzulande oft in Regalflächen, während andere längst in Plattformen, Technologien und globale Ökosysteme denken?

Ein zentrales Muster erfolgreicher Menschen ist das kompromisslose All-in-Gehen. Arnold Schwarzenegger sagt: Stick to Plan A – and don’t have a Plan B. Wer einen Plan B braucht, glaubt innerlich bereits nicht mehr an Plan A. Sobald man selbst zweifelt, wie sollen andere an einen glauben oder in einen investieren?

Was hast du selbst aus all diesen Gesprächen mitgenommen? Und wie hat es deine Karriere beeinflusst?

Ein wichtiges Learning, was erfolgreiche Menschen anders machen, ist der Aufbau der eigenen Marke. Titel, Visitenkarten und Unternehmen sind vergänglich. Die eigene Persönlichkeit bleibt. Schwarzenegger bringt es auf den Punkt: Viele CEOs kommen und gehen – ich bleibe Arnold Schwarzenegger. Wer sich ausschließlich über seinen Job definiert, steht irgendwann vor der Frage: Was bleibt von mir, wenn dieser Job weg ist?

Nico Rosberg ist dafür ein starkes Beispiel. Er wurde mit 31 Jahren Formel-1-Weltmeister – auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere – und hörte freiwillig auf. Nicht, weil er musste, sondern weil er eine neue Vision hatte. Er war bereit, vom gefeierten Champion auf das Niveau eines Anfängers im Investmentgeschäft zu gehen. Diese Bereitschaft, wieder bei null zu starten, haben die wenigsten.

Viele Menschen halten zu lange fest. Wer nicht loslässt, verliert oft den eigenen Mythos. Erfolgreiche Menschen gehen, bevor sie ersetzt werden. Sie bauen zweite und dritte Karrieren auf, statt eine einzige bis zum bitteren Ende durchzuziehen.

Ein weiteres Beispiel ist Eric Demuth von Bitpanda. Er war Schiffsmechaniker, ist um die Welt gefahren und hat auf See gearbeitet. Über das Pokern kam er mit Kryptowährungen in Kontakt, erkannte ein Problem – und baute daraus die größte Kryptobörse Europas. Entscheidend war: Er war bereit, seine bisherige Identität hinter sich zu lassen.

All diese Beispiele zeigen dasselbe Muster: Erfolgreiche Menschen denken groß, global und langfristig. Sie akzeptieren Risiko, sagen bewusst Nein zu fremden Erwartungshaltungen und sind CEO ihres eigenen Lebens.

Was mir in Deutschland oft fehlt, ist eine gemeinsame Vision. Die Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben? Gerade im Zeitalter von KI, Technologie und radikalem Wandel. Stattdessen begnügen wir uns häufig mit kleinen Zielen – der nächsten Gehaltserhöhung, dem nächsten Karriereschritt – anstatt maximal zu denken.

Am Ende bleibt für mich eine einfache, aber entscheidende Frage:

Sind wir bereit zuzuhören?

Sind wir bereit, Vorurteile loszulassen und Menschen wirklich zu verstehen?

Denn hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. Man muss nur bereit sein, sie zu hören.

Junkersdorf im PorträtUnser Gesprächspartner:

Tom Junkersdorf ist Unternehmer, Joiurnalist, Podcast-Moderator und Autor.

Sein Buch »Der Code zum Erfolg« ist im Januar 2026 erschienen.

 

Beitragsbild: Backhaus Verlag