Wirtschaftsnachrichten beeinflussen Investitionen, politische Debatten und unternehmerische Strategien. Doch wie ausgewogen ist die Berichterstattung im Wirtschafts- und Finanzjournalismus? Mary Abdelaziz-Ditzow, Wirtschaftsjournalistin und Chefredakteurin bei Finanzfluss, sieht eine zunehmende Tendenz zu Haltung, Framing und vereinfachten Narrativen. In ihrem Buch »Behind the News« analysiert sie mediale Fehlentwicklungen – und zeigt, wie Konsumenten lernen können, Informationen differenzierter einzuordnen. Im Interview erklärt sie, warum Medienkompetenz zur wirtschaftlichen Schlüsselqualifikation geworden ist.
Ihr Buch richtet sich an Medienkonsumenten, die sich in der »Informationsflut« zurechtfinden wollen. Welche Fehlentwicklungen sehen Sie im Journalismus, gerade im Wirtschafts- und Finanzbereich?
Wirtschaft ist der stärkste verbindende Faktor unserer globalisierten Welt. Als erfolgreiche Exportnation hat Deutschland seine Außenbeziehungen lange an gemeinsamen Interessen ausgerichtet. In den letzten Jahren wurde Wirtschaft jedoch zunehmend als politisches Instrument genutzt, wir erlebten eine politische Fokussierung auf sogenannte Werte-Partnerschaften, die ein Freund-Feind-Narrativ verstärkten. Diese Strategie wird aktuell neu justiert, wie etwa die Annäherung an die Golfstaaten zeigt. Und nun die Brücke zur Medienwelt. Aufgabe der Medien sollte es sein, diese teils komplexen Um- und Zustände im Wirtschafts- und Finanzbereich vielschichtig abzubilden. Unsere Aufgabe sollte es nicht sein, auf einer bestimmten Seite der Geschichte zu stehen. Doch genau das beobachte ich seit Jahren bei einigen Journalisten. Zu viel Haltung, zu viel einseitiges Framing und die Abbildung eines klassischen Gut-Böse-Narrativs. Wissentlich, dass sich politische Freund-und Feindschaften verändern können und die komplexe Wirklichkeit oft vielschichtiger ist. Vor diesem Hintergrund liegt der große Mehrwert in einer differenzierten und multi-perspektivischen Berichterstattung. Das ist möglich, ohne dabei Schuld und Leid eines Akteurs zu relativieren. Zu oft wird in den Medien ein einziges Narrativ auf die große Bühne gehoben. Dadurch wird die souveräne Meinungsbildung deutlich erschwert.
Sie sprechen davon, dass »die Wahrheit« in den Medien so einfach nicht existiert. Was bedeutet das letztlich für den Konsumenten?
»Die Wahrheit« als feststehender Begriff existiert nicht, auch wenn sich dieser im Volksmund und bei einigen Medienverantwortlichen nachhaltig im Sprachgebrauch etabliert hat. Tatsächlich existieren viele Wahrheiten nebeneinander, auch wenn dies zunächst widersprüchlich erscheint. Was es gibt, sind wahre und falsche Aussagen, identifiziert durch die journalistische Sorgfaltspflicht. Gleichzeitig gilt: Sobald Medien aus der Realität auswählen, gewichten und einordnen, entsteht zwangsläufig ein Deutungsrahmen, also ein Frame. Genau dieser Rahmen bestimmt mit, welche Aspekte du siehst, welche du als wichtig empfindest und welche Schlussfolgerungen für dich naheliegen. Für dich als Konsument bedeutet das letztlich: Du solltest Berichterstattung nicht als eins-zu-eins-Abbild der Wirklichkeit verstehen, sondern als eine konstruierte Perspektive. Praktisch heißt das: Nimm Nachrichten ernst, aber nimm sie nicht als »die Wahrheit«. Achte bewusst auf Sprache und Schwerpunktsetzung. Sprache ist nie neutral. Wörter und Formulierungen tragen Bedeutungen und Bewertungen mit sich. Frag dich: Welche Perspektive wird hier stark gemacht, welche bleibt unsichtbar? Wo ist Bericht, wo beginnt Bewertung? Medienkompetenz heißt, Frames zu erkennen und den eigenen Blick zu weiten, statt sich von einem einzigen Deutungsrahmen leiten zu lassen. So reduzierst du die Wirkung von Framing auf dich und kommst näher an ein differenziertes Verständnis heran – ohne dich in Beliebigkeit zu verlieren.
Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach Medienkompetenz in der wirtschaftlichen Bildung, und wie kann sie Ihrer Meinung nach wirkungsvoll vermittelt werden – etwa in Schulen oder Unternehmen?
Medienkompetenz ist ein Kernbestandteil wirtschaftlicher Bildung, weil ökonomische Entscheidungen heute stark von Headlines, Narrativen und algorithmisch verstärkten Emotionen beeinflusst werden – nicht nur von Zahlen. Wer Inflation, Zinsen, Aktien oder Staatsverschuldung verstehen will, muss lernen, Quellen einzuordnen und Frames zu erkennen. Wirkungsvoll vermittelt werden könnte dies in Schulen durch regelmäßige »News-Lab«-Formate, in denen dieselbe Wirtschaftsnews aus mehreren Medien verglichen, Begriffe anaylsiert und Datenquellen geprüft werden. In Unternehmen könnte mehr Medienkompetenz über kurze, wiederkehrende Trainings vermittelt werden: Wie erkenne ich Clickbait, wie gehe ich mit Prognosen um – und vor allem: wie treffe ich Entscheidungen, ohne mich von Alarmismus leiten zu lassen. Medienkompetenz wird damit zur stillen Schlüsselqualifikation einer aufgeklärten Wirtschaftsgesellschaft.

Mary Abdelaziz-Ditzow ist Journalistin und Moderatorin. Ihr erstes Buch »Behind the News: So navigierst du sicher zwischen Manipulation und Information« ist am 26. Februar erschienen.
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