Angst und Scham, Vergleichsdruck und Erschöpfung: Die von Unsicherheit und Dauerkrisen geprägte Welt lässt sowohl ganze Gesellschaften als auch den Einzelnen zusehends ins Wanken geraten. Nicht die beste Strategie bestimmt jetzt unseren Erfolg, sondern der Zustand, in dem wir handeln, meint Rosa Koppelmann. Warum Souveränität zusehends zur zentralen Führungsqualität wird und wie Emotionen dabei als Wegweiser dienen können, hat die Expertin für Non-Dualität im Interview erläutert.
Frau Koppelmann, inwiefern gibt es einen Zusammenhang zwischen Emotionalität und Erfolg – persönlich sowie in beruflicher Hinsicht?
Erfolg ist kein strategisches Phänomen. Erfolg ist ein energetisches. Und Energie zeigt sich beim Menschen zuerst als Emotion. Emotionale Zustände sind nichts anderes als Frequenzzustände des Nervensystems. Wenn ich innerlich im Mangel bin – Angst, Druck, Vergleich, latente Scham –, dann wird jede Entscheidung aus dieser Frequenz heraus getroffen. Das ist Neurobiologie, nicht Esoterik. Unser präfrontaler Cortex arbeitet schlicht schlechter, wenn wir im Stressmodus sind. Persönlicher wie beruflicher Erfolg entsteht dann, wenn ein Mensch lernt, seine emotionale Landschaft nicht zu unterdrücken – sondern bewusst zu führen. Nicht die Strategie entscheidet. Sondern der Zustand, aus dem heraus die Strategie entsteht. Emotionale Souveränität ist daher kein Soft Skill. Sie ist Leadership-Architektur.
Gibt es Ihrer Meinung nach »hilfreiche« und »hinderliche« Emotionen oder kommt es ausschließlich auf den Umgang mit ihnen an?
Es gibt keine hinderlichen Emotionen. Aber es gibt unbewusste Identifikation. Angst ist nicht hinderlich. Unbewusste Angst, die als Wahrheit missverstanden wird – das ist hinderlich.Wut ist nicht destruktiv. Unterdrückte Wut, die in Zynismus kippt – das wird es. Emotionen sind Signale des Systems. Sie sind wie ein internes Navigationsprogramm. Wenn wir beginnen, Gefühle als Feind zu bekämpfen, verlieren wir den Zugang zu unserer inneren Intelligenz.Die Frage ist nie: »Wie werde ich diese Emotion los?« Die Frage ist: »Kann ich sie wahrnehmen, ohne ihr zu glauben, dass sie die einzige Realität ist?« In dem Moment entsteht Souveränität.
»Emotionale Souveränität« ist ein viel verwendetes Buzzword. Aber was bedeutet das eigentlich genau? In welchen Situationen lässt sich emotionale Souveränität erkennen?
Emotionale Souveränität bedeutet: Ich bin in Kontakt mit meiner inneren Bewegung – ohne von ihr bewegt zu werden. Sie erkennen sie in schwierigen Gesprächen. In Krisen. In Momenten von Kritik oder Ablehnung. Ein emotional souveräner Mensch reagiert nicht reflexhaft. Er verlangsamt. Er nimmt wahr. Und entscheidet dann. Es ist die Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion Raum zu schaffen. Und in diesem Raum liegt Freiheit. Es bedeutet auch: Ich übernehme Verantwortung für meinen inneren Zustand – statt ihn anderen zuzuschreiben. Keine Vorwürfe. Keine »Das Außen ist Schuld an meinem Zustand« –Parolen. Sondern klare Selbst-Erkenntnis. Das ist hochgradig attraktiv in Führung. Weil Menschen Sicherheit nicht in perfekten Antworten finden – sondern in regulierten Nervensystemen.
Gab es in Ihrem eigenen Leben eine Situation, in der Sie von sich behaupten, emotional besonders souverän reagiert zu haben? Was hat Ihnen in diesem Moment geholfen, so zu handeln?
Ja. Als mein berufliches Umfeld sich stark veränderte und Menschen, mit denen ich lange zusammengearbeitet hatte, plötzlich gingen; inklusive ihrer finanziellen Zusagen. Früher hätte ich das persönlich genommen. Als Ablehnung. Als Verlust. In diesem Moment habe ich etwas anderes getan: Ich habe nicht die Situation kontrolliert. Ich habe stattdessen meinen inneren Zustand wahrgenommen, ich habe mich hingesetzt. Geatmet. Gefühlt. Den Schmerz nicht analysiert, sondern zugelassen (Ich mache das mit der Rosa Koppelmann Methode, die ich 2023 entwickelt habe). Und in diesem »einfach wahrnehmen« ohne zu analysieren wurde mir klar: Nichts ist jemals gegen mich. Alles bewegt sich für mich. Diese Perspektive ist kein gespieltes positives Denken, sondern sie entsteht einfach, wenn man aufhört, sich mit der Emotion zu identifizieren. Denn Souveränität entsteht nicht im Außen. Sie entsteht im eigenen Körper; im Nervensystem.
Mit welchen Emotionen werden Führungskräfte im Jahr 2026 Ihrer Einschätzung nach vor allem konfrontiert werden? Wie können wir mit solchen Gefühlen umgehen lernen – welche innere Haltung ist jetzt gefragt?
2026 wird kein rationales Jahr. Es wird ein nervöses Jahr. Technologischer Wandel. KI. Geschwindigkeit. Identitätsfragen. Wirtschaftliche Dynamik. Internationale Konflikte.Ich sehe drei dominante Emotionen:
- Kontrollverlust
- Vergleichsdruck
- Erschöpfung
Die alte Führungslogik – mehr Kontrolle, mehr Performance, mehr Durchsetzen – wird in diesem Klima nicht funktionieren.
Gefragt ist etwas anderes: Innere Kohärenz. Das bedeutet: Ich kenne meine Werte. Ich kenne meine Muster. Ich kenne meine Trigger. Und ich weiß, wie ich mich selbst wieder regulieren kann. Kurz: Ich weiß, wie ich funktioniere und ich bin bereit in absoluter Stimmigkeit mit mir selbst zu handeln. Nicht so, wie es andere von mir erwarten, sondern so, wie es stimmig in mir ist.
Die Zukunft gehört nicht den Lautesten. Sie gehört den innerlich Stimmigen. Emotionale Souveränität wird 2026 kein Luxus sein – sie wird zur Grundvoraussetzung für jede Form von echter Autorität.

Rosa Koppelmann ist Coach, Autorin und Gründerin der Rosa-Koppelmann-Methode.
Mit dieser hat sie sich das Ziel gesetzt, andere dabei zu unterstützen, ein Leben in Kohärenz zu führen.
Beitragsbilder: Raisa Zwart
AS(L)










