Karl-Juni

Wenn Bitcoin keinen inneren Wert hat – was macht ihn dann wertvoll?

Ein Expertenbeitrag von Christian Karl

»Bitcoin hat keinen inneren Wert.«

Kaum ein Argument wird häufiger gegen Bitcoin vorgebracht.

Der Vorwurf klingt zunächst plausibel. Schließlich wirft Bitcoin keine Zinsen ab, zahlt keine Dividenden und erzeugt keine Mieteinnahmen. Man kann ihn weder anfassen noch industriell nutzen. Er besteht lediglich aus Code.

Doch bevor wir darüber sprechen, ob Bitcoin einen inneren Wert besitzt, sollten wir zunächst klären:

Was genau ist eigentlich ein innerer Wert?

Denn erstaunlicherweise verwenden viele Menschen diesen Begriff, ohne ihn jemals genauer zu definieren. Und noch wichtiger: Woran erkennen wir überhaupt, ob etwas einen Wert besitzt, und woher dieser Wert kommt?

Ein Goldbarren stillt keinen Hunger.

Ein Picasso wärmt kein Haus.

Ein 100-Euro-Schein ist bedrucktes Papier.

Und doch schreiben Menschen allen drei einen Wert zu.

Warum?

Der Denkfehler hinter der Diskussion

Wäre der innere Wert tatsächlich das entscheidende Kriterium, müsste Stahl wertvoller sein als Gold.

Stahl wird in Gebäuden, Brücken, Maschinen und Fahrzeugen verwendet. Gold dagegen liegt zu großen Teilen in Tresoren, Schmuckschatullen oder Zentralbankgewölben.

Noch deutlicher wird das Gedankenexperiment bei Sauerstoff.

Ohne Sauerstoff wäre menschliches Leben unmöglich. Sein Nutzen ist unendlich größer als jener von Gold. Trotzdem bezahlt niemand Millionen für einen Kubikmeter Luft.

Die Realität zeigt etwas anderes: Nicht der Nutzen allein bestimmt, welchen Wert Menschen einem Gut beimessen. Entscheidend sind auch die Eigenschaften, die es besitzt.

Warum Gold seit Jahrtausenden Vermögen speichert

Gold besitzt einige außergewöhnliche Eigenschaften. Es ist langlebig, hat sich über Jahrtausende bewährt und lässt sich nur langsam vermehren. So entwickelte es sich über die Jahrhunderte zu einem der bedeutendsten Wertspeicher der Menschheit.

Menschen halten Gold nicht, weil sie Leiterplatten herstellen möchten. Sie halten Gold, weil sie Vermögen speichern möchten.

Was ein Tresor über Wertspeicher verrät

Stellen wir uns vor, Sie besitzen ein Vermögen von einer Million Euro.

Nun suchen Sie nach einem Ort, an dem Sie diesen Wert für die nächsten Jahrzehnte aufbewahren können.

Worauf achten Sie?

Auf den Materialwert des Tresors?

Oder auf seine Eigenschaften?

Vermutlich interessiert Sie, ob der Tresor feuerfest ist. Ob er Einbrechern standhält. Ob er langlebig und zuverlässig ist.

Nicht der Wert des Materials steht im Vordergrund, sondern die Eigenschaften des Tresors.

Entscheidend ist, wie gut er den darin gespeicherten Wert schützt.

Ein Wertspeicher funktioniert nach demselben Prinzip.

Wer Wert und Kaufkraft über längere Zeit bewahren möchte, fragt nicht nach dem Wert des Behältnisses.

Er fragt nach dessen Eigenschaften.

Die falsche Frage bei Bitcoin

Bitcoin wird häufig mit einer Aktie, einer Anleihe oder einer Immobilie verglichen. Eine Aktie liefert Unternehmensgewinne. Eine Anleihe zahlt Zinsen. Eine Immobilie erwirtschaftet Mieteinnahmen.

Diese Vermögenswerte werden in erster Linie anhand ihrer erwarteten Zahlungsströme bewertet.

Bitcoin folgt einer anderen Logik.

Bitcoin konkurriert nicht mit diesen Vermögenswerten.

Bitcoin konkurriert mit Gold.

Mit Geld.

Mit Wertspeichern.

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht:

Welchen inneren Wert hat Bitcoin?

Sondern:

Welche Eigenschaften besitzt Bitcoin als Wertspeicher?

Die Eigenschaften, die zählen

Gold wurde nicht zum bevorzugten Wertspeicher, weil es industriell unverzichtbar war. Es setzte sich durch, weil es bestimmte Anforderungen besser erfüllte als die meisten Alternativen: Es ist haltbar, lässt sich nur langsam vermehren und hat sich über Jahrtausende als Wertspeicher bewährt.

Betrachtet man Bitcoin durch dieselbe Brille, wird deutlich, warum viele Menschen ihn als digitale Weiterentwicklung des Wertspeichers Gold sehen.

Bitcoin übernimmt zahlreiche Eigenschaften, die Gold zu einem erfolgreichen Wertspeicher gemacht haben. Gleichzeitig beseitigt er Einschränkungen, die physische Wertspeicher naturgemäß mit sich bringen.

Bitcoin ist absolut begrenzt. Es wird niemals mehr als 21 Millionen Einheiten geben.

Bitcoin ist weltweit transportierbar. Er kann rund um die Uhr in nahezu jeden Winkel der Erde übertragen werden.

Bitcoin ist hochgradig teilbar. Er kann selbst verwahrt werden. Er benötigt keine Lagerhallen, kennt keine Landesgrenzen und besitzt keinen Vorstand, keine Regierung und keinen einzelnen Ausfallpunkt.

Seine Besonderheit liegt in der Kombination dieser Eigenschaften, die bisher nicht gemeinsam verfügbar waren.

Mit anderen Worten:

Bitcoin vereint genau jene Eigenschaften, nach denen Menschen seit Generationen in einem Wertspeicher suchen.

Was bei einem Wertspeicher wirklich zählt

Nach mehr als fünfzehn Jahren Existenz wird Bitcoin noch immer häufig mit demselben Argument kritisiert: „Bitcoin hat keinen inneren Wert.“

Ob diese Aussage zutrifft, ist möglicherweise weniger wichtig, als viele glauben.

Die Geschichte zeigt, dass sich als Wertspeicher nicht jene Güter durchsetzten, die den größten praktischen Nutzen stifteten. Durchgesetzt haben sich jene mit den überzeugendsten Eigenschaften.

Damit verändert sich auch die Perspektive auf Bitcoin.

Die Frage lautet nicht, ob Bitcoin einen inneren Wert besitzt.

Sein Wert liegt in seinen Eigenschaften und in der Kombination, in der sie erstmals zusammenkommen.

 

 

Der Autor: Christian Karl ist Trainer, Speaker und Experte für die Integration traditioneller Finanzmärkte und Bitcoin. Nach acht Jahren als Fondsmanager ist er heute SRI Advisor und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für derivative Finanzprodukte. Seit Jahren fokussiert er sich darauf, ein klares Verständnis für Bitcoin zu schaffen und dessen Rolle als Portfoliobaustein im Kontext klassischer Kapitalmärkte einzuordnen. Sein Buch »Bitcoin verstehen – 101 Antworten für kritische Köpfe« ist am 30. November 2025 erschienen.

 

Bildbeitrag: Georg Oberweger; KI-generiert