Erfolg

Alexander Zverev greift nach der Nummer 1 

Der letzte Schritt nach ganz oben

Jahrelang scheiterte Zverev bei den größten Tennisturnieren kurz vor dem Ziel. Jetzt steht der 29-Jährige vor einem historischen Erfolg, der weit über den Sport hinaus eine Geschichte erzählt.

10 Min.

12.10.2026

Drei verlorene Grand-Slam-Endspiele, eine schwere Verletzung und jahrelange Zweifel daran, ob es für die ganz großen Titel reichen würde: Alexander Zverev kennt die Schattenseiten des Spitzensports. Doch 2026 hat der deutsche Tennisprofi seine Karriere auf eine neue Stufe gehoben. Nach seinen Triumphen bei den French Open und den US Open rückt nun auch Platz eins der Weltrangliste in greifbare Nähe. Sein 60. Saisonsieg am Sonntag in Shanghai ist ein weiterer Schritt dorthin. Die Geschichte hinter dieser Entwicklung handelt von außergewöhnlicher sportlicher Konstanz – aber auch davon, dass Erfolg weder geradlinig verläuft noch vollständig planbar ist.

60 Siege und ein Ziel vor Augen

Es war kein glanzvoller Durchmarsch, sondern ein hart erarbeiteter Erfolg. Im Achtelfinale des Masters-Turniers von Shanghai steht Alexander Zverev nach einem Dreisatzsieg gegen den Franzosen Quentin Halys. Mit 6:4, 6:7 und 6:3 setzte sich der Hamburger am Sonntag durch und feierte seinen 60. Einzelsieg auf der ATP-Tour in diesem Jahr.

Dabei hätte die Begegnung wesentlich schneller enden können. Im Tiebreak des zweiten Satzes vergab Zverev zwei Matchbälle. Anschließend musste er sich neu konzentrieren, fand jedoch im entscheidenden Durchgang wieder die Kontrolle.

Hervorzuheben war vor allem seine Aufschlagleistung. Während der gesamten Partie ließ er keinen einzigen Breakball seines Gegners zu. Trotz erkennbarer Beschwerden am Knöchel brachte er das Match nach zwei Stunden und 17 Minuten zu Ende.

Für Zverev bedeutet der Erfolg mehr als den Einzug in die nächste Turnierrunde. Der Weltranglistenzweite nähert sich einem Ziel, das er bislang trotz zahlreicher großer Titel nicht erreicht hat: der Spitzenposition im Herrentennis.

Im Achtelfinale trifft er nun auf den Kasachen Alexander Bublik. Erreicht Zverev in Shanghai das Halbfinale, steht nach Berechnungen der ATP fest, dass er das Tennisjahr 2026 als Nummer eins abschließen wird.

Warum die Nummer eins noch wackelt

Die Ausgangslage hat sich in den vergangenen Tagen entscheidend verändert. Der Italiener Jannik Sinner, derzeit Führender der Weltrangliste, beendete seine Saison wegen anhaltender Knieprobleme vorzeitig.

Dadurch kann Sinner wichtige Punkte aus dem Vorjahr nicht mehr verteidigen. Zverev besitzt dagegen die Möglichkeit, seine Bilanz bei den verbleibenden Turnieren weiter zu verbessern.

Dabei muss zwischen zwei Ranglisten unterschieden werden.

Die offizielle ATP-Weltrangliste berücksichtigt die Ergebnisse eines rollierenden Zeitraums von grundsätzlich 52 Wochen. Im sogenannten Race to Turin werden dagegen die Ergebnisse des laufenden Kalenderjahres zusammengerechnet. Es zeigt, wer im Rennen um die Spitzenposition zum Saisonende vorne liegt.

Zverev führt diese Jahreswertung bereits an. In der offiziellen Weltrangliste bleibt Sinner zunächst jedoch auf Platz eins. Nach Angaben der ATP kann Zverev frühestens am 2. November auch in der regulären Weltrangliste die Führung übernehmen.

Für die Sicherung der Jahresendposition könnte schon das Turnier in Shanghai entscheidend sein. Mit einem Halbfinaleinzug wäre Zverev unabhängig von den Ergebnissen seiner Konkurrenten nicht mehr einzuholen. Auch bestimmte Niederlagen von Carlos Alcaraz und Ben Shelton könnten die Entscheidung herbeiführen.

Die Verletzung seines italienischen Konkurrenten erleichtert den Aufstieg. Sie erklärt jedoch nicht allein, weshalb Zverev überhaupt in diese Position gelangt ist. Die Grundlage dafür hat er mit einer außergewöhnlich erfolgreichen Saison selbst geschaffen.

Drei Endspiele, drei Niederlagen

Noch vor wenigen Monaten war die Karriere Alexander Zverevs von einem auffälligen Widerspruch geprägt. Er hatte olympisches Gold gewonnen, zweimal die ATP Finals für sich entschieden und zahlreiche Masters-Titel gesammelt. In der Weltrangliste gehörte er über Jahre zur absoluten Spitze. Doch ausgerechnet bei den vier Grand-Slam-Turnieren, den bedeutendsten Wettbewerben seines Sports, fehlte ihm der entscheidende Triumph.

  • 2020 erreichte er bei den US Open sein erstes Grand-Slam-Endspiel. Gegen Dominic Thiem führte er bereits mit zwei Sätzen und einem Break, verlor aber noch in fünf Sätzen.
  • Vier Jahre später stand er im Finale der French Open. Wieder sah es zeitweise nach dem ersehnten Titel aus: Gegen Carlos Alcaraz lag Zverev mit zwei Sätzen zu einem vorne. Doch erneut ging die Partie verloren.
  • Bei den Australian Open 2025 folgte die dritte Finalniederlage. Diesmal setzte sich Jannik Sinner deutlich in drei Sätzen durch.

Zverev gehörte damit zu einer kleinen Gruppe von Spielern, die ihre ersten drei Grand-Slam-Endspiele verloren hatten.

Im Leistungssport ist eine solche Bilanz besonders schwer einzuordnen. Das Erreichen eines Grand-Slam-Finales ist bereits eine herausragende Leistung. Trotzdem wird der Erfolg eines Spitzenspielers häufig daran gemessen, ob er am Ende die Trophäe in den Händen hält.

Der Unterschied zwischen einem außergewöhnlich erfolgreichen Sportler und einem Grand-Slam-Sieger kann deshalb aus wenigen Ballwechseln bestehen.

Die Verletzung, die alles verändern konnte

Zu den bittersten Momenten seiner Karriere gehörte allerdings kein verlorenes Endspiel, sondern eine Verletzung.

Im Halbfinale der French Open 2022 spielte Zverev gegen Rafael Nadal, als er bei einem Lauf zum Ball mit dem rechten Fuß umknickte. Mehrere Außenbänder im Sprunggelenk rissen. Später musste er operiert werden.

Die Verletzung beendete nicht nur seine Titelhoffnungen in Paris. Sie zwang ihn zu einer monatelangen Wettkampfpause und stellte die Fortsetzung seiner bisherigen Karriere infrage. Besonders bitter war der Zeitpunkt. Zverev gehörte damals zu den wenigen Spielern, die Nadal auf dessen bevorzugtem Sandplatz ernsthaft fordern konnten.

Sechs Monate fiel er aus. Anschließend musste er sich Schritt für Schritt wieder an die Belastungen des internationalen Turnierbetriebs heranarbeiten.

2023 erreichte er erneut das Halbfinale der French Open und kehrte später in die Top Ten zurück. Der Weg zurück an die Weltspitze war damit allerdings noch nicht abgeschlossen. Auch nach seiner körperlichen Rückkehr blieben die entscheidenden Grand-Slam-Erfolge zunächst aus.

Die Verletzung zeigt eine Besonderheit sportlicher Karrieren: Selbst jahrelange Vorbereitung kann durch einen einzigen unglücklichen Moment zunichtegemacht werden. Die eigene Leistung lässt sich beeinflussen. Gesundheit, Turnierverlauf und die Stärke der Gegner dagegen nur begrenzt.

Paris wird zum Wendepunkt

Am 7. Juni 2026 kehrte Alexander Zverev auf den Court Philippe-Chatrier zurück, jenen Platz, auf dem er sich vier Jahre zuvor so schwer verletzt hatte. Diesmal stand er im Endspiel der French Open dem Italiener Flavio Cobolli gegenüber.

Auch diese Partie wurde zur Belastungsprobe. Zverev gewann den ersten und dritten Satz, Cobolli glich jedoch zweimal aus. Nach einem verlorenen Tiebreak musste der Deutsche erneut in einen fünften Satz.

Doch anders als bei seinen früheren Endspielen gelang ihm diesmal der entscheidende Schritt. Er behielt die Kontrolle, gewann den letzten Satz mit 6:1 und holte nach mehr als vier Stunden seinen ersten Grand-Slam-Titel.

Mit 29 Jahren erreichte er damit ein Ziel, auf das er seit Beginn seiner Profikarriere hingearbeitet hatte.

Der Erfolg hatte zugleich historische Bedeutung. Erstmals seit Boris Becker bei den Australian Open 1996 gewann wieder ein deutscher Mann einen Grand-Slam-Einzeltitel. Nach Becker und Michael Stich war Zverev erst der dritte deutsche Spieler der sogenannten Open Era, dem dieser Erfolg gelang.

Aus einem Triumph werden zwei

Was Zverev über Jahre verwehrt geblieben war, gelang ihm 2026 gleich zweimal. Nach dem Sieg in Paris erreichte er auch das Wimbledon-Finale. Dort unterlag er zwar Jannik Sinner, bestätigte aber seine neue Konstanz bei den wichtigsten Turnieren.

Im September folgte bei den US Open der zweite Grand-Slam-Triumph. Im Endspiel besiegte Zverev den Amerikaner Ben Shelton mit 6:3, 7:6, 5:7 und 6:2.

Für ihn hatte gerade dieser Erfolg eine besondere Bedeutung. Sechs Jahre zuvor war er im selben Turnier an seinem ersten großen Titel denkbar knapp gescheitert. Nun kehrte er nach New York zurück und gewann ausgerechnet jenen Wettbewerb, bei dem seine Grand-Slam-Geschichte mit einer schmerzhaften Niederlage begonnen hatte.

Über die vier wichtigsten Tennisturniere des Jahres hinweg verbuchte Zverev 25 Siege bei nur zwei Niederlagen.

Dass aus drei verlorenen Grand-Slam-Endspielen inzwischen zwei Titel geworden sind, verändert die öffentliche Bewertung seiner Karriere grundlegend. Dabei waren die sportlichen Voraussetzungen nicht plötzlich vollständig andere. Zverev verfügte schon zuvor über einen starken Aufschlag, eine herausragende Rückhand und große Erfahrung auf höchstem Niveau. Entscheidend war, dass er seine Fähigkeiten nun auch in den wichtigsten Endspielen erfolgreich einsetzen konnte.

Was Erfolg mit Beharrlichkeit zu tun hat

Der Weg des deutschen Tennisprofis bietet reichlich Stoff für eine Geschichte über Durchhaltevermögen. Allerdings wäre es zu einfach, seinen Erfolg ausschließlich auf mentale Stärke zurückzuführen.

Spitzensportliche Ergebnisse entstehen aus körperlichen Voraussetzungen, Technik, Vorbereitung, Gegnerstärke, Gesundheit und psychischer Belastbarkeit. Keine dieser Komponenten allein garantiert den Sieg.

Auch Zverev profitierte in diesem Jahr von Umständen, die er nicht beeinflussen konnte. Bei den French Open schieden mit Jannik Sinner und Novak Djokovic zwei prominente Konkurrenten früh aus. Carlos Alcaraz konnte verletzungsbedingt nicht teilnehmen.

Seine Titel musste Zverev dennoch selbst gewinnen. Und im Finale gegen Cobolli bewies er gerade unter hohem Druck, dass er schwierige Situationen erfolgreich bewältigen konnte.

Das macht seine Karriere auch jenseits des Tennis interessant. Beharrlichkeit bedeutet nicht, dass sich jeder lange verfolgte Traum zwangsläufig erfüllt. Zahlreiche Sportler investieren ähnlich viel Arbeit und bleiben dennoch ohne großen Titel. Sie bedeutet vielmehr, die eigene Leistungsfähigkeit weiterzuentwickeln, obwohl ein bestimmtes Ergebnis immer wieder ausbleibt.

Zverevs Karriere zeigt dabei, wie sehr sich die Bewertung einer Leistung durch einen einzigen späteren Erfolg verändern kann. Der Spieler, der jahrelang als besonders erfolgreich, aber bei Grand-Slam-Turnieren unvollendet galt, steht nun kurz davor, einen weiteren historischen Meilenstein zu erreichen.

Auf den Spuren von Boris Becker

Zuletzt führte Boris Becker am 7. Juli 1991 die Weltrangliste der Herren an.

Er war im Januar desselben Jahres nach seinem Triumph bei den Australian Open erstmals an die Spitze geklettert und verbrachte insgesamt zwölf Wochen auf Platz eins. Seitdem hat diesw kein deutscher Mann mehr geschafft. Mit Zverev könnte diese lange Wartezeit enden.

Die Voraussetzungen unterscheiden sich allerdings erheblich von Beckers Karriere. Becker gewann seinen ersten Grand-Slam-Titel bereits mit 17 Jahren in Wimbledon und wurde unmittelbar zum internationalen Star.

Zverevs großer Durchbruch bei den bedeutendsten Turnieren erfolgte dagegen erst mit 29 Jahren, nach mehr als einem Jahrzehnt im Profitennis.

Auch deshalb wäre seine erstmalige Führung der Weltrangliste ein Erfolg mit besonderer Vorgeschichte. Es wäre nicht die Bestätigung einer früh einsetzenden Dominanz, sondern ein weiterer Höhepunkt einer Karriere, die von mehreren Anläufen, Verletzungen und großen Finalniederlagen geprägt war.

Ein Erfolg, der schon jetzt feststeht

Ob Alexander Zverev bereits in Shanghai seine Position als künftige Nummer eins zum Jahresende absichert, entscheidet sich in den kommenden Tagen.

Seinen bisherigen Karrierehöhepunkt hat er unabhängig davon schon erreicht.

Zwei Grand-Slam-Titel innerhalb einer Saison, 60 Siege bis Mitte Oktober und die Führung in der Jahreswertung machen 2026 zu einem außergewöhnlichen Jahr für den deutschen Tennisprofi.

Die Nummer eins wäre der nächste große Schritt. Sie würde seinen sportlichen Leistungen einen zusätzlichen historischen Rang verleihen.

Seine Geschichte ist jedoch schon vor dieser möglichen Krönung herausragend.

Stefanie S. Klief

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