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»Der Wetten, dass...?«-Kaulitz-Effekt: 78.000 Tickets in zwei Stunden

Warum zwei ehemalige Teenie-Stars einer 45 Jahre alten Fernsehshow neue Aufmerksamkeit verschaffen

8 Min.

21.10.2026

Vom Gast zum Gastgeber: 2009 saßen Bill und Tom Kaulitz noch auf der »Wetten, dass..?«-Couch. Am 5. Dezember 2026 übernehmen sie selbst die Moderation der Kultshow.

Noch bevor Bill und Tom Kaulitz zum ersten Mal »Wetten, dass..?« moderieren, vermelden die Verantwortlichen einen Rekord. Zehntausende wollen die neue Ausgabe der traditionsreichen Fernsehshow live erleben. Der Andrang ist zugleich ein bemerkenswertes Zeichen dafür, wie sich die einstigen Tokio-Hotel-Stars über zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder neu positioniert haben.

Ein Rekord vor der ersten Sendung

78.000 Menschen innerhalb von nur zwei Stunden: So viele Interessierte haben sich nach Angaben des ZDF unmittelbar nach dem Start des Ticketverfahrens für die kommende Ausgabe von »Wetten, dass..?« registriert. Der Sender spricht von einem historischen Rekord für die Unterhaltungsshow, die am 5. Dezember 2026 erstmals von Bill und Tom Kaulitz moderiert wird.

Dabei ist die Sendung noch Wochen entfernt. Die Zwillingsbrüder haben weder ihre erste Wette präsentiert noch einen prominenten Gast auf der berühmten Couch begrüßt. Dennoch ist das Interesse an ihrer Premiere außergewöhnlich groß.

Die Eintrittskarten für die Livesendung in Halle (Saale) werden über ein Losverfahren vergeben. Interessierte können sich bis zum 23. Oktober registrieren, die Auslosung ist für den 28. Oktober vorgesehen. Die Registrierung garantiert also noch keinen Platz im Publikum.

Zum Vergleich: Nach früheren Angaben des ZDF gingen für eine Ausgabe der Show durchschnittlich rund 10.000 Kartenanfragen ein. Allerdings sind diese historischen Zahlen nicht unmittelbar mit den aktuellen Registrierungen vergleichbar. Vergabeverfahren, Erfassungszeiträume und technische Möglichkeiten haben sich verändert.

Der neue Andrang ist dennoch ein erstes deutliches Signal: Die Entscheidung, ausgerechnet den Kaulitz-Brüdern eine der bekanntesten deutschen Fernsehmarken anzuvertrauen, hat erhebliche Aufmerksamkeit ausgelöst.

Vom Teenie-Idol zur etablierten Unterhaltungsmarke

Als Tokio Hotel 2005 mit »Durch den Monsun« der Durchbruch gelang, waren Bill und Tom Kaulitz gerade 15 Jahre alt. Besonders Bill wurde mit seinem auffälligen Styling und seiner Bühnenpräsenz zum Gesicht einer Band, die begeisterte Fans und ebenso heftige Ablehnung hervorrief.

Die beiden Brüder wurden damit früh zu Persönlichkeiten, an denen sich die öffentliche Meinung spaltete. Die Musik allein erklärte längst nicht mehr die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wurde.

Mehr als zwei Jahrzehnte später ist ihr Tätigkeitsfeld erheblich gewachsen. Tokio Hotel existiert weiterhin, doch Bill und Tom Kaulitz haben sich längst über ihre Rollen als Musiker hinaus etabliert.

Mit ihrem Podcast »Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood« erschlossen sie sich ein weiteres Publikum. In der Netflix-Realityserie »Kaulitz & Kaulitz« machten sie ihren Alltag, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre Beziehung als Brüder zum Gegenstand eines eigenständigen Unterhaltungsformats.

Die zweite Staffel gewann 2025 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie »Beste Unterhaltung Reality«. Bereits die erste Staffel wurde mit dem Publikumspreis des Blauen Panthers ausgezeichnet.

Die Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Kaulitz-Brüder nicht einfach versucht haben, ihren musikalischen Erfolg von 2005 dauerhaft zu konservieren. Sie haben zusätzliche Formate gefunden, in denen ihre Bekanntheit auf andere Weise genutzt werden kann.

Warum die Unterschiede zwischen den Brüdern funktionieren

Ein wichtiger Bestandteil ihrer öffentlichen Wirkung ist das Zusammenspiel zweier sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Bill tritt extrovertiert auf, liebt auffällige Inszenierungen und spricht offen über persönliche Erlebnisse. Tom präsentiert sich häufig zurückhaltender, pragmatischer und mit trockenem Humor. Gerade aus diesen Gegensätzen entsteht ein großer Teil ihrer gemeinsamen Unterhaltung.

Hinzu kommt ihre langjährige Vertrautheit. Die Brüder können einander unterbrechen, widersprechen und aufziehen, ohne dass dafür eine künstliche Rollenverteilung geschaffen werden muss.

Was im Podcast über längere Gespräche funktioniert, wird in ihrer Netflix-Serie durch Alltagssituationen ergänzt. Die Zuschauer erleben nicht nur die öffentliche Inszenierung zweier prominenter Musiker, sondern auch die Dynamik einer engen Geschwisterbeziehung.

Dabei bleibt selbstverständlich auch die vermeintliche Spontaneität Teil professionell produzierter Unterhaltung. Die Wirkung solcher Formate entsteht nicht allein durch Authentizität, sondern ebenso durch Auswahl, Schnitt und Inszenierung.

Für die Kaulitz-Brüder ist daraus jedoch ein erkennbares öffentliches Profil entstanden, das weit über ihre Musik hinausreicht.

Eine alte Fernsehmarke sucht ein neues Publikum

Für das ZDF ist die Verpflichtung der beiden Entertainer ein ungewöhnlicher Schritt.

»Wetten, dass..?« wurde 1981 von Frank Elstner ins Leben gerufen und entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Unterhaltungsshows des deutschsprachigen Fernsehens. Über Jahrzehnte war das Format vor allem mit Thomas Gottschalk verbunden, der insgesamt 154 Ausgaben moderierte.

Nach der Einstellung der regelmäßigen Sendung im Jahr 2014 kehrte die Show ab 2021 für drei Sonderausgaben mit Gottschalk zurück. Seine erste Rückkehr erreichte nach ZDF-Angaben 14,46 Millionen Zuschauer.

Das Interesse an der traditionsreichen Marke war also schon vor der Verpflichtung der Kaulitz-Brüder vorhanden. Der aktuelle Ticketrekord lässt sich deshalb nicht ausschließlich mit deren persönlicher Popularität erklären.

Die neue Besetzung verändert jedoch die öffentliche Wahrnehmung des Formats. Statt erneut auf einen Moderator zurückzugreifen, der die Geschichte der Show über Jahrzehnte geprägt hat, überträgt das ZDF die Verantwortung an zwei Entertainer, deren Karriere ihren Ausgangspunkt in einer ganz anderen Mediengeneration nahm.

Bill und Tom Kaulitz sind mit Musikvideos, internationaler Popkultur und später den Kommunikationsformen sozialer Medien bekannt geworden. Heute erreichen sie ihr Publikum auf mehreren Plattformen.

Das ZDF verbindet damit die Wiedererkennbarkeit einer etablierten Fernsehmarke mit der Bekanntheit zweier Persönlichkeiten, die nicht ausschließlich vom klassischen Fernsehen abhängig sind.

Ob dadurch tatsächlich zusätzliche jüngere Zuschauer gewonnen werden, muss die Sendung erst zeigen. Aus der hohen Zahl von Ticketregistrierungen lässt sich noch keine Aussage über die Altersstruktur oder die späteren Einschaltquoten ableiten.

Eine große Bühne – und ein neues Risiko

Trotz ihrer langjährigen Bühnenerfahrung betreten die Kaulitz-Brüder mit der Moderation von »Wetten, dass..?« Neuland.

Die Sendung wird live übertragen, zur besten Sendezeit und vor einem Millionenpublikum, das an das Format bestimmte Erwartungen knüpft.

Anders als in einer aufgezeichneten Realityserie oder einem Podcast können spontane Situationen nicht nachträglich herausgeschnitten werden. Wetten können misslingen, Gespräche eine unerwartete Richtung nehmen und zeitliche Abläufe aus dem Ruder laufen.

Bei einem Pressetermin im Oktober räumte Bill Kaulitz ein, dass seine Aufregung angesichts der näher rückenden Sendung wachse. Gleichzeitig erklärten die Brüder, intensiv in die Vorbereitung und Auswahl möglicher Gäste eingebunden zu sein.

Auch ihr Terminkalender ist anspruchsvoll. Nach der Veröffentlichung des Tokio-Hotel-Albums »ENCORE« steht zunächst eine Konzerttournee an. Die zahlreichen Live-Auftritte sehen sie selbst als Vorbereitung auf ihre neue Aufgabe.

Unterstützung erhalten sie ausgerechnet vom Erfinder der Show. Frank Elstner begrüßte die Entscheidung des ZDF bereits im Januar ausdrücklich und verwies darauf, dass die Kaulitz-Brüder mit ihrer Art eine neue Aufmerksamkeit für den klassischen Samstagabend schaffen könnten.

Die entscheidende Herausforderung liegt allerdings nicht allein darin, möglichst viele Menschen zum Einschalten zu bewegen. Das Moderationsduo muss auch jene Zuschauer überzeugen, für die »Wetten, dass..?« über Jahrzehnte mit anderen Gesichtern und einem anderen Unterhaltungsstil verbunden war.

Der Erfolg entscheidet sich erst im Dezember

Dass Bill und Tom Kaulitz ihre Bekanntheit immer wieder in neue Projekte übertragen konnten, ist bereits Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Sie haben sich nicht auf eine einzige Rolle festlegen lassen und damit eine Karriere aufgebaut, die Musik, Unterhaltung und persönliche Medienformate miteinander verbindet.

Das erklärt zumindest einen Teil der Aufmerksamkeit, die ihre neue Aufgabe auslöst. Gleichzeitig profitieren sie von einer Fernsehmarke, deren Bekanntheit sie nicht erst aufbauen müssen. Für das ZDF entsteht daraus die Chance, ein vertrautes Format mit einer anderen Generation von Entertainern zu verbinden.

Der Ticketrekord bestätigt zunächst das enorme Interesse an dieser Kombination. Über die Qualität der Sendung, die tatsächliche Reichweite oder eine mögliche dauerhafte Wiederbelebung des Formats sagt er noch nichts aus.

Für den 5. Dezember ist zunächst eine einzelne Ausgabe angekündigt. Ob daraus mehr wird, ist offen.

Bis dahin haben Bill und Tom Kaulitz allerdings bereits etwas erreicht, das in einem fragmentierten Medienmarkt keineswegs selbstverständlich ist: 

Sie haben eine jahrzehntealte Fernsehsendung wieder zu einem aktuellen Gesprächsthema gemacht – lange bevor die erste Wette beginnt.

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