Erfolg

Graf und Agassi: Ist eine Silberhochzeit eine Erfolgsmeldung wert?

Steffi Graf und Andre Agassi zeigen, dass Erfolg nach der großen Karriere anders aussehen kann

9 Min.

22.10.2026

25 Jahre gemeinsam durchs Leben: Die Tennislegenden Steffi Graf und Andre Agassi feiern am 22. Oktober 2026 ihre Silberhochzeit.

Kann eine Silberhochzeit eine Erfolgsgeschichte sein? Bei Steffi Graf und Andre Agassi lohnt sich diese Frage besonders. Die beiden gehörten zu den erfolgreichsten Tennisspielern der Welt, bevor sie sich ein gemeinsames Leben abseits des großen Rampenlichts aufbauten. 25 Jahre nach ihrer Hochzeit stehen sie für eine andere Form des Erfolgs – eine, die sich weder an Titeln noch an Weltranglistenplätzen messen lässt.

Wenn zwei Sieger ein gemeinsames Leben beginnen

Am 22. Oktober 2001 heirateten Steffi Graf und Andre Agassi in Las Vegas. Sie war 32 Jahre alt, er 31. Beide hatten bereits sportliche Karrieren erlebt, von denen die meisten Athleten nur träumen können.

Steffi Graf gewann 22 Grand-Slam-Titel, stand insgesamt 377 Wochen an der Spitze der Tennis-Weltrangliste und schaffte 1988 etwas bis heute Einmaliges: Sie gewann alle vier Grand-Slam-Turniere und olympisches Gold im selben Kalenderjahr.

Andre Agassi brachte es auf acht Grand-Slam-Titel und gehörte ebenfalls über Jahre zur absoluten Weltspitze. Zusammen gewannen sie 30 der bedeutendsten Einzeltitel ihres Sports.

Als sie heirateten, hatte Graf ihre Karriere bereits beendet. Agassi spielte noch fünf Jahre weiter, bis er 2006 endgültig vom professionellen Tennis zurücktrat.

Für beide stellte sich damit eine Frage, die erfolgreichen Menschen nach dem Ende ihrer wichtigsten beruflichen Aufgabe häufig begegnet: Was kommt, wenn das bisherige Leben nicht mehr vom Wettbewerb und der Suche nach dem nächsten Sieg bestimmt wird?

Der Rückzug war eine bewusste Veränderung

Wer jahrelang unter den Augen einer internationalen Öffentlichkeit steht, für den ist Privatleben keine Selbstverständlichkeit.

Steffi Graf und Andre Agassi entschieden sich nach ihren aktiven Karrieren für ein vergleichsweise zurückgezogenes Familienleben in Las Vegas.

Vier Tage nach ihrer Hochzeit wurde Sohn Jaden Gil geboren, zwei Jahre später folgte Tochter Jaz Elle.

Anders als viele andere prominente Persönlichkeiten machten Graf und Agassi ihre Kinder nicht zum Mittelpunkt einer öffentlichen Familienmarke. Gelegentliche Auftritte und private Einblicke gab es zwar, doch das eigentliche Familienleben blieb weitgehend außerhalb der Medien.

In einem Interview mit dem britischen Magazin Hello! erklärte Agassi im September 2026, die Kinder hätten durch den Umgang ihrer Eltern mit Ruhm und Öffentlichkeit gelernt, worauf es im Leben ankomme.

Er beschrieb das familiäre Miteinander als bodenständig. Die Kinder hätten nicht nur aus den Worten ihrer Eltern gelernt, sondern vor allem daraus, wie diese ihren Alltag gestalteten.

Solche Aussagen erlauben selbstverständlich keinen vollständigen Einblick in eine Ehe oder Familie. Sie machen aber deutlich, welche Bedeutung Agassi selbst dem Leben jenseits seiner sportlichen Erfolge beimisst.

Zwei Stiftungen, zwei persönliche Anliegen

Ihre Bekanntheit nutzten beide schon während ihrer aktiven Laufbahn, um eigene gesellschaftliche Projekte aufzubauen.

Steffi Graf gründete 1998 die Stiftung Children for Tomorrow in Hamburg. Sie unterstützt Kinder und Jugendliche, die durch Krieg, Verfolgung und andere Gewalterfahrungen psychisch traumatisiert wurden.

Die Stiftung arbeitet unter anderem mit psychotherapeutischen Angeboten für geflüchtete Kinder und mit dem Schulprojekt HonigHelden!, das betroffenen Kindern unmittelbar an ihren Schulstandorten Unterstützung ermöglicht.

Graf engagiert sich bis heute persönlich für die Arbeit der Stiftung.

Andre Agassi gründete bereits 1994 die Andre Agassi Foundation for Education. Ihr Ziel ist es, benachteiligten Kindern Zugang zu besseren Bildungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Nach Angaben der Stiftung wurden seit ihrer Gründung mehr als 180 Millionen Dollar für ihre Arbeit und die damit verbundenen Bildungsprojekte eingeworben.

Die beiden Organisationen verfolgen unterschiedliche Aufgaben. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass Graf und Agassi ihre öffentliche Bekanntheit nicht ausschließlich für kommerzielle Aktivitäten nutzten.

Aus der sportlichen Karriere entstanden langfristige Verpflichtungen, die unabhängig von späteren Turnierergebnissen weiterbestehen.

Die neue Freiheit nach dem Leistungssport

Auch sportlich haben sich beide eine neue Welt erschlossen. Während Tennis über Jahrzehnte ihren Alltag bestimmte, gehört heute Pickleball zu ihren gemeinsamen Leidenschaften.

Die Sportart wird mit speziellen Schlägern auf einem kleineren Feld gespielt und ermöglicht intensive Ballwechsel, ohne dieselben körperlichen Anforderungen wie professionelles Tennis zu stellen.

Graf und Agassi entdeckten Pickleball während der Pandemie. Inzwischen spielen sie regelmäßig gemeinsam und treten gelegentlich auch bei öffentlichen Veranstaltungen an.

Agassi beschrieb die neue Leidenschaft im vergangenen Jahr als Bereicherung für eine Lebensphase, in der die Kinder erwachsen geworden sind. An die Stelle des kompromisslosen Wettkampfes um Weltranglistenpunkte ist damit eine sportliche Aktivität getreten, die beide miteinander teilen können.

Die früheren Konkurrenten um große Titel treten nun mitunter gemeinsam gegen andere Paare an. Gleichzeitig ist Pickleball für beide eine Möglichkeit geworden, wieder stärker öffentlich präsent zu sein, ohne in ihre ursprünglichen Rollen als professionelle Tennisspieler zurückkehren zu müssen.

Auch die alte Karriere bekommt einen neuen Platz

Ganz verschwunden ist der professionelle Tennissport aus ihrem Leben allerdings nicht. Andre Agassi übernahm 2025 die Kapitänsrolle bei Team World im Laver Cup und betreute das Team auch beim Turnier im September 2026 in London.

Damit ist er wieder Teil des internationalen Tennisgeschehens, ohne selbst im Mittelpunkt eines Wettkampfes stehen zu müssen. Statt sich auf eigene sportliche Leistungen zu konzentrieren, übernimmt er Verantwortung für andere Spieler, deren Vorbereitung und gemeinsame Strategie.

Die Aufgabe unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit eines aktiven Profis. Sie ermöglicht Agassi jedoch, seine jahrzehntelange Erfahrung weiterhin in den Sport einzubringen.

Steffi Graf wiederum zeigt sich bei ausgewählten Veranstaltungen und engagiert sich neben ihrer Stiftungsarbeit verstärkt in der Vermittlung von Freude an Bewegung.

Beide haben damit Wege gefunden, ihre sportliche Vergangenheit in neue Tätigkeiten zu übertragen, ohne ihre frühere Karriere wiederholen zu müssen.

Ist eine lange Ehe schon ein Erfolg?

Eine Silberhochzeit ist zunächst ein Jubiläum. Aus 25 gemeinsamen Jahren allein lässt sich weder die Qualität einer Beziehung noch ein allgemeingültiges Erfolgsrezept ableiten.

Auch prominente Paare haben ein Privatleben, das Außenstehende nur ausschnittweise kennen. Trotzdem hat die Geschichte von Steffi Graf und Andre Agassi eine bemerkenswerte Dimension.

Ihre Ehe überdauerte nicht nur die letzten Jahre ihrer sportlichen Laufbahnen. Sie entwickelte sich auch durch den vollständigen Abschied vom Profisport, die Familiengründung, das Erwachsenwerden ihrer Kinder und die Suche nach neuen persönlichen Aufgaben weiter.

Im September erklärte Agassi über die heutige Beziehung, dass beide die Interessen des anderen unterstützen. Wenn seine Arbeit beim Laver Cup ihn glücklich mache, freue sich Graf darüber – ebenso wie er sich über ihre eigenen Aktivitäten freue.

Es ist eine unspektakuläre Beschreibung einer langen Partnerschaft. Gerade deshalb unterscheidet sie sich von den üblichen Erzählungen über prominente Paare. Hier geht es weniger um große öffentliche Liebeserklärungen als um die Möglichkeit, nach Jahrzehnten gemeinsamer Geschichte weiterhin eigenständige Interessen zu verfolgen.

Erfolg lässt sich nicht nur zählen

Steffi Graf und Andre Agassi werden immer zu den erfolgreichsten Tennisspielern der Geschichte gehören. Ihre Titel und Rekorde sind dokumentiert und messbar.

Wie gelungen ihr gemeinsames Leben ist, kann dagegen niemand von außen zuverlässig beurteilen. Sichtbar ist allerdings, dass beide nach dem Ende ihrer Sportkarrieren neue Aufgaben gefunden haben, sich gesellschaftlich engagieren und heute wieder mit eigenen Projekten an die Öffentlichkeit treten.

Ihre Silberhochzeit ist deshalb mehr als ein Anlass für Erinnerungsfotos.

Sie bietet die Gelegenheit, Erfolg einmal nicht ausschließlich vom Höhepunkt einer Karriere aus zu betrachten, sondern auch von dem, was Menschen anschließend aus ihrem Leben machen.

Die meisten sportlichen Rekorde von Graf und Agassi standen bereits fest, bevor ihre Ehe begann. Ihr gemeinsames Leben haben sie danach erst aufgebaut.

Und daher ist eine Silberhochzeit tatsächlich eine Erfolgsmeldung wert – nicht als Beweis einer perfekten Ehe, sondern als Anlass, den Begriff Erfolg etwas weiter zu fassen.

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