Erfolg

Janosch – ein Leben auf der Suche nach Glück

 »Ich brauche nichts, denn ich habe alles, was ich brauche. Das heißt, nichts.«

Vom schwierigen Anfang zum Welterfolg: Warum der Schöpfer der Tigerente das Glück schließlich im einfachen Leben fand

10 Min.

04.11.2026

Mit Tiger, Bär und Tigerente schuf Janosch eine Welt, die Generationen von Kindern begleitete. 

Er schuf eine Welt, in der Freundschaft wichtiger war als Besitz und das große Glück manchmal direkt vor der eigenen Haustür lag. 

Am 3. November 2026 ist der Schriftsteller und Zeichner Janosch im Alter von 95 Jahren auf Teneriffa gestorben. Hinter den heiteren Geschichten von Tiger, Bär und Tigerente stand ein Mensch, dessen eigenes Leben lange von Gewalt, Entbehrungen und der Suche nach Freiheit geprägt war.

Der deutsche Kinderbuchautor und Illustrator Janosch ist tot. Der 1931 als Horst Eckert geborene Künstler starb am Dienstag auf Teneriffa. Sein Verleger Bernhard Feil bestätigte den Tod gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Mit Büchern wie »Oh, wie schön ist Panama«, »Post für den Tiger« und »Ich mach dich gesund, sagte der Bär« schuf Janosch Geschichten, die Generationen von Kindern begleiteten. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Die Figuren haben sich längst von ihren ursprünglichen Büchern gelöst und sind Teil der deutschen Alltagskultur geworden.

Dabei war Janosch selbst ein widersprüchlicher Mensch. Er erzählte von Geborgenheit, obwohl er sie als Kind kaum erlebt hatte. Er wurde weltberühmt, wollte aber schließlich vor allem seine Ruhe. Seine Figuren entwickelten sich zu einer wirtschaftlich erfolgreichen Marke, während er selbst ein möglichst einfaches Leben bevorzugte.

Eine Kindheit ohne Geborgenheit

Horst Eckert wurde am 11. März 1931 in Hindenburg in Oberschlesien geboren, dem heutigen polnischen Zabrze. Seine Kindheit war geprägt von Armut, der Alkoholabhängigkeit seines Vaters, körperlicher Gewalt und einer strengen religiösen Erziehung.

Später sprach Janosch ungewöhnlich offen über diese Erfahrungen. Die Härte seiner Kindheit blieb ein wiederkehrendes Thema seines Lebens und seiner künstlerischen Arbeit. Besonders in seinen Romanen für Erwachsene setzte er sich mit Gewalt, Religion, gesellschaftlicher Enge und den Verletzungen auseinander, die Menschen einander zufügen.

Die heitere Welt seiner Kinderbücher erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Dort gibt es Freundschaften, die Sicherheit geben, kleine Häuser, die Geborgenheit versprechen, und Figuren, die einander helfen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Dass diese Geschichten aus einer schwierigen Kindheit hervorgingen, bedeutet nicht, dass sich jede Figur als unmittelbare Verarbeitung persönlicher Erfahrungen verstehen lässt. Aber der Kontrast zwischen seinem eigenen Aufwachsen und den von ihm geschaffenen Welten gehört zu den auffälligsten Merkmalen seines Werkes.

Als Künstler zunächst gescheitert

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Familie nach Westdeutschland. Janosch hatte bereits als Jugendlicher eine Schmiede- und Schlosserlehre begonnen, arbeitete später in der Textilindustrie und besuchte eine Textilfachschule in Krefeld.

Sein eigentliches Interesse galt jedoch der Kunst.

Anfang der 1950er-Jahre ging er nach München, um an der Akademie der Bildenden Künste zu studieren. Dort wurde er nach einigen Probesemestern wegen angeblich mangelnder Begabung nicht weiter zugelassen.

Für den späteren Erfolg des Künstlers ist diese Episode bemerkenswert. Eine Institution, deren Aufgabe es war, künstlerisches Talent zu erkennen und zu fördern, sah in Horst Eckert offenbar keinen geeigneten Studenten.

Er arbeitete trotzdem weiter als freischaffender Zeichner und Autor. 1960 erschien sein erstes Kinderbuch »Die Geschichte von Valek dem Pferd«. Sein Verleger Georg Lentz hatte ihm den Künstlernamen Janosch vorgeschlagen.

Der große Erfolg blieb zunächst aus.

Als 1978 »Oh, wie schön ist Panama« erschien, war Janosch bereits 47 Jahre alt. Zwischen seinem ersten Kinderbuch und dem internationalen Durchbruch lagen fast zwei Jahrzehnte.

Panama verändert alles

Die Geschichte vom kleinen Tiger und vom kleinen Bären, die sich auf die Suche nach dem vermeintlich schönsten Land der Welt machen, wurde zu einem Klassiker der Kinderliteratur.

Ausgangspunkt ihrer Reise ist eine Holzkiste, die nach Bananen riecht und die Aufschrift Panama trägt. Die beiden Freunde sind überzeugt, dass es dort schöner sein müsse als an ihrem vertrauten Wohnort.

Sie machen sich auf den Weg, begegnen anderen Tieren und gelangen schließlich zurück an ihr eigenes Haus, ohne es wiederzuerkennen. Was sie für das ersehnte Panama halten, ist ihr Zuhause. Die Geschichte handelt von Sehnsucht und Entdeckung, aber auch davon, dass Vertrautes einen neuen Wert gewinnen kann, wenn Menschen ihre Perspektive verändern.

1979 erhielt Janosch für das Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Weitere Geschichten folgten. Mit »Post für den Tiger« schuf er 1980 eine Erzählung über Freundschaft und Kommunikation, lange bevor die digitale Vernetzung den Alltag veränderte.

Seine Bücher zeichneten sich durch eine unverwechselbare Verbindung von zeichnerischer Einfachheit, Humor und philosophischen Gedanken aus. Janosch erklärte die Welt nicht von oben herab. Seine Figuren durften eigensinnig sein, Fehler machen, Unsinn treiben und trotzdem glücklich werden.

Ein Welterfolg, der ihm nicht nur Freude bereitete

Der wirtschaftliche Erfolg entwickelte eine Eigendynamik, die weit über Bücher hinausging. Tiger, Bär und die schwarz-gelb gestreifte Tigerente wurden zu Motiven auf Spielwaren, Kleidung, Geschirr und zahlreichen weiteren Produkten. Fernsehserien, Hörspiele und Verfilmungen vergrößerten ihre Bekanntheit.

Noch im März 2026 kündigte die Bavaria Media GmbH neue Lizenzkooperationen rund um die Marke Janosch an. Das Unternehmen vermarktet seit mehr als zwei Jahrzehnten entsprechende Marken- und Lizenzrechte weltweit.

Der anhaltende kommerzielle Erfolg seiner Figuren stand allerdings in einem bemerkenswerten Gegensatz zu Janoschs persönlichem Verhältnis zur Vermarktung. Wiederholt beklagte er in Interviews Konflikte um die Rechte an seinem Werk und die finanziellen Erträge daraus. Die wirtschaftliche Verwertung seiner Figuren hatte sich weitgehend von seiner eigenen künstlerischen Arbeit gelöst.

Seine Haltung zu der inzwischen allgegenwärtigen Tigerente war deshalb keineswegs immer liebevoll. Er konnte sich ausgesprochen kritisch über die Vermarktung äußern und hielt nicht jedes Produkt, das mit seinen Figuren verkauft wurde, für eine Bereicherung.

Dass eine künstlerische Schöpfung wirtschaftlich erfolgreich ist, bedeutet eben nicht zwangsläufig, dass sich ihr Urheber mit sämtlichen Erscheinungsformen dieses Erfolgs identifiziert.

Der Erwachsene hinter den Kinderbüchern

Janosch war nie ausschließlich ein Kinderbuchautor.

Mit Romanen wie »Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm« wandte er sich auch an erwachsene Leser. Darin behandelte er Themen, die wenig mit der vermeintlich heilen Welt seiner bekanntesten Bilderbücher gemein hatten.

Seine Auseinandersetzung mit Religion, Autorität und gesellschaftlichen Konventionen konnte scharf, provozierend und desillusioniert ausfallen.

Auch die Figur Herr Wondrak, mit der Janosch zwischen 2013 und 2019 regelmäßig im ZEITmagazin vertreten war, zeigte seine besondere Art, alltägliche Fragen mit philosophischem Eigensinn zu betrachten.

Janosch war kein Autor, dessen Lebensphilosophie sich auf die einfache Botschaft reduzieren ließe, dass alles gut werde. Seine Geschichten für Kinder waren freundlich, aber nicht naiv. Seine Texte für Erwachsene machten deutlich, wie genau er menschliche Schwächen, Widersprüche und Abhängigkeiten beobachtete.

Auf Teneriffa fand er seine Freiheit

Bereits Anfang der 1980er-Jahre hatte Janosch Deutschland verlassen und auf Teneriffa einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Dort lebte er mit seiner Frau Ines zurückgezogen und entfernte sich zunehmend vom öffentlichen Literaturbetrieb. Die Insel wurde für ihn zu einem Ort, an dem er seinen Alltag stärker nach eigenen Vorstellungen gestalten konnte.

Im Laufe der Jahre entwickelte er eine Lebenshaltung, in der materieller Besitz eine immer geringere Rolle spielte.

Auf der Website der von ihm und seiner Frau gegründeten Fundación Canarina wird sein Lebensmotto mit den Worten wiedergegeben: »Ich brauche nichts, denn ich habe alles, was ich brauche. Das heißt, nichts«.

Darin liegt eine bemerkenswerte Spannung zu seiner öffentlichen Biografie. Ein Künstler, dessen Werke weltweit millionenfach verkauft und dessen Figuren zu einer kommerziellen Marke geworden waren, beschrieb persönlichen Reichtum schließlich über das, was er nicht benötigte.

Das war keine Ablehnung der eigenen künstlerischen Arbeit. Es war eine andere Vorstellung davon, wozu Erfolg überhaupt dienen sollte.

Ein Vermächtnis für die Natur

Auch im hohen Alter beschäftigte Janosch die Frage, was von einem Leben bleiben sollte. Gemeinsam mit seiner Frau Ines engagierte er sich für den Schutz von Tieren und Natur auf den Kanarischen Inseln. 2021 wurde die Fundación Canarina rechtlich gegründet. Sie setzt sich für den Erhalt und die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume ein.

Die Stiftung nutzt unter anderem eine frühere Finca des Ehepaares auf Teneriffa. Statt das Grundstück gewinnbringend zu verkaufen, stellten Janosch und seine Frau es einem Zweck zur Verfügung, der über ihre eigene Lebenszeit hinausreicht.

Noch im Frühjahr 2026 sprach Janosch in einem Interview über den Naturschutz und seine Vorstellung von einem sinnvollen Vermächtnis. Seine Haltung war unverändert von Skepsis gegenüber materiellem Überfluss und dem Wunsch geprägt, etwas für die Natur zu bewahren.

Dass sich der Schöpfer einer literarischen Welt voller Tiere schließlich auch ganz praktisch für deren Lebensräume einsetzte, bildet eine besondere Verbindung zwischen seiner Kunst und seinem späteren Leben.

Was Janosch vom Erfolg verstand

Die Lebensgeschichte von Janosch folgt keinem geradlinigen Aufstieg.

Sie beginnt mit einer schwierigen Kindheit, führt über körperliche Arbeit, eine gescheiterte Künstlerausbildung und viele Jahre ohne großen Durchbruch zu internationalem Ruhm. Doch die Geschichte endet nicht beim wirtschaftlichen Erfolg seiner Bücher. Janosch erlebte auch die Schattenseiten der Vermarktung, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück und fand seinen persönlichen Lebensmittelpunkt fernab des Kulturbetriebs.

Darin liegt eine interessante Gegenposition zu einem Erfolgsverständnis, das gesellschaftliche Anerkennung, Bekanntheit und wirtschaftliches Wachstum als selbstverständlich erstrebenswerte Ziele betrachtet.

Janosch erreichte all das. Aber sein späteres Leben lässt erkennen, dass er die Freiheit, über die eigene Zeit und den eigenen Alltag zu verfügen, mindestens ebenso hoch einschätzte. Seine berühmteste Geschichte erzählt von zwei Freunden, die sich aufmachen, um an einem fernen Ort ihr Glück zu finden. Erst durch die Reise lernen sie, ihr eigenes Zuhause als etwas Besonderes zu erkennen.

Janoschs eigener Lebensweg war ungleich schwieriger und widersprüchlicher als diese Erzählung. Und doch verbindet beide eine Vorstellung, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Erfolg und Glück müssen nicht dasselbe sein.

Die Tigerente, der kleine Bär und der kleine Tiger werden auch nach seinem Tod weiterleben. Ihre Geschichten erinnern daran, dass ein erfülltes Leben nicht allein daran gemessen werden kann, wie viel ein Mensch erreicht, sondern auch daran, was er für sich selbst als wertvoll erkennt.

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