Erfolg

Peter Thiels Deutschland-Diagnose: Die »Angst vor Erfolg«

Im Gespräch mit Mathias Döpfner erklärt der Techinvestor, warum Deutschland zu wenige neue Weltkonzerne hervorbringt

8 Min.

26.09.2026

Mathias Döpfner im Gespräch mit Peter Thiel im Videopodcast MD MEETS, am 25.09.2026, am Rande der Preisverleihung des Axel Springer Awards 2026.

Peter Thiel kennt unternehmerischen Erfolg in einer Größenordnung, die nur wenige erreichen. Er gehörte zu den Gründern von PayPal, war der erste externe Investor von Facebook, gründete Palantir mit und investierte über den Founders Fund früh in Unternehmen wie SpaceX. Nun richtet der gebürtige Frankfurter den Blick auf Deutschland – und formuliert eine ungewöhnliche Diagnose: Vielleicht fehle es hierzulande nicht nur an Mut zum Risiko. Vielleicht gebe es auch eine »Angst vor Erfolg«.

Anlass für die Aussagen war ein 65-minütiges Gespräch mit Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im Format »MD MEETS«. Es wurde im Umfeld des Axel Springer Awards 2026 aufgezeichnet, mit dem Thiel in Berlin für seinen Einfluss auf Unternehmertum, Technologie und gesellschaftliche Debatten ausgezeichnet wurde.

Für Thiel war Erfolg selten das Ende einer Geschichte

Thiels eigener Weg erklärt, warum ihn gerade die Frage nach Größe und Skalierung beschäftigt.

PayPal machte digitalen Zahlungsverkehr zu einem globalen Geschäft. Nach dem Verkauf des Unternehmens an eBay im Jahr 2002 zerstreute sich das Team nicht einfach. Aus dem Umfeld der später sogenannten »PayPal Mafia« entstanden oder wuchsen zahlreiche weitere Unternehmen. Thiel selbst investierte früh in Facebook, gründete Palantir mit und wurde Partner des Founders Fund. Dessen Portfolio umfasst Unternehmen aus Raumfahrt, künstlicher Intelligenz, Biotechnologie und zahlreichen anderen Technologiefeldern.

Sein Verständnis von unternehmerischem Erfolg ist deshalb stark vom Silicon Valley geprägt: Eine gute Idee soll nicht nur funktionieren. Sie soll wachsen, neue Märkte schaffen und im besten Fall eine ganze Generation weiterer Unternehmer und Investoren hervorbringen.

Exakt diesen Mechanismus vermisst Thiel in Deutschland.

Die »Angst vor Erfolg«

Über deutsche Gründer werde häufig gesagt, sie hätten Angst zu scheitern, erklärt Thiel im Gespräch. Risikoscheue und eine andere Fehlerkultur gelten seit Langem als Erklärungen dafür, warum in den USA mehr große Technologieunternehmen entstehen.

Thiel dreht das Argument um.

Vielleicht gebe es zusätzlich eine »Angst vor Erfolg«. Habe jemand in Deutschland etwas aufgebaut, das funktioniert, werde das Unternehmen eher verkauft oder der Gründer ziehe sich zurück, anstatt es so aggressiv zu skalieren, wie es etwa Elon Musk oder Mark Zuckerberg getan hätten. Auffällig sei für ihn, wie wenige wirklich große neue Unternehmen Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht habe.

Das ist Thiels Interpretation – und keine nachgewiesene Eigenschaft deutscher Unternehmer.

Aber die Frage dahinter reicht weit über eine provokante Formulierung hinaus: 

Wann gilt eine Gründung eigentlich als erfolgreich?

  • Wenn die Gründer nach einigen Jahren für einen hohen Millionenbetrag verkaufen können? 
  • Wenn ein Unternehmen dauerhaft profitabel bleibt? 
  • Wenn daraus ein neuer internationaler Konzern entsteht?

Für Thiel ist die Antwort ziemlich eindeutig: Erfolg bedeutet auch, das Potenzial eines Unternehmens möglichst weit auszuschöpfen.

Warum Thiel ausgerechnet auf die Reichsten schaut

Um seine These zu illustrieren, hat Thiel nach eigener Darstellung die jeweils 50 reichsten Menschen in Deutschland und den USA miteinander verglichen.

Unter den jüngeren Vermögenden fand er in den USA überwiegend Menschen, die ihr Vermögen selbst aufgebaut hatten. Bei den von ihm betrachteten jüngeren Deutschen sei das Vermögen dagegen durchweg geerbt worden. Die Auswahl ist keine wissenschaftliche Untersuchung, und Thiel bezeichnet sie selbst als extremen Ausschnitt.

Ihm geht es jedoch um etwas anderes als um Milliardäre an sich.

Wenn ein neues Unternehmen sehr groß wird, entsteht Vermögen nicht allein beim Gründer. Mitarbeiter erhalten Beteiligungen, Zulieferer wachsen mit, Führungskräfte sammeln Erfahrung, Kapital wird frei und ehemalige Beschäftigte gründen mitunter selbst Unternehmen.

Der Erfolg eines Unternehmens kann dadurch weitere Erfolge produzieren.

Im Silicon Valley lässt sich dieser Effekt besonders gut beobachten – Thiels eigene Geschichte gehört dazu.

Deutschland gründet – aber Größe bleibt die schwierigere Disziplin

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt allerdings ein differenzierteres Bild als Thiels zugespitzte Diagnose.

Im zweiten Quartal 2026 flossen rund 3,4 Milliarden Euro Wagniskapital in deutsche Start-ups. Es war das stärkste Quartal seit vier Jahren. 72 Prozent des investierten Kapitals gingen an Unternehmen aus der Scale-up-Phase – also gerade an Firmen, die bereits über das klassische Start-up-Stadium hinausgewachsen sind.

Allerdings wurde das hohe Volumen von wenigen sehr großen Finanzierungsrunden getragen. Im gesamten ersten Halbjahr gab es 184 Transaktionen ab einer Million Euro; der frühere Höchstwert aus dem Jahr 2022 lag im Gesamtjahr bei 626 Deals. Gleichzeitig beschreibt die KfW die Stimmung unter Venture-Capital-Investoren weiterhin als gedämpft und verweist unter anderem auf Schwierigkeiten bei Fundraising und Unternehmensverkäufen.

Die deutsche Gründerszene ist also keineswegs verschwunden.

Die interessantere Frage lautet tatsächlich, was nach der erfolgreichen Gründung passiert.

Erfolg heißt für Thiel auch: nicht zu früh zufrieden sein

Damit bekommt seine »Angst vor Erfolg« noch eine zweite Bedeutung.

Thiel spricht nicht nur über Kapital oder Regulierung. Er stellt indirekt auch die Frage nach dem persönlichen Anspruch eines Unternehmers.

Wer ein Unternehmen aufgebaut hat, das 100 Millionen Euro wert ist, hat zweifellos Erfolg. Aber was geschieht, wenn daraus auch ein Unternehmen mit einem Wert von zehn oder 100 Milliarden Euro werden könnte?

Der Verkauf kann für den Gründer die vernünftigste Entscheidung sein. Ein Käufer eröffnet möglicherweise neue Märkte, übernimmt Risiken und zahlt einen Preis, der finanzielle Unabhängigkeit garantiert.

Thiel legt einen anderen Maßstab an. Er interessiert sich stärker für Unternehmer, die nach dem ersten Erfolg noch einmal erheblich größere Risiken eingehen.

Das passt zu einer Grundidee, die sich durch seine Karriere und sein Buch »Zero to One« zieht: Wirklich außergewöhnliche Unternehmen entstehen für ihn dort, wo nicht lediglich Bestehendes verbessert, sondern etwas grundlegend Neues geschaffen wird. Auch seine Thiel Fellowship unterstützt junge Unternehmer ausdrücklich dabei, eigene Projekte zu verfolgen.

Wenn Erfolg für eine Generation unerreichbar erscheint

Im Gespräch weitet Thiel diese unternehmerische Frage schließlich auf die Gesellschaft aus.

Er spricht über hohe Wohnkosten und erschwerte Aufstiegsmöglichkeiten jüngerer Menschen und beschreibt Deutschland, Europa und teilweise auch die USA als Gesellschaften, in denen es für junge Menschen schwieriger geworden sei, wirtschaftlich voranzukommen.

Damit gibt er dem Umfeld von »Erfolg« eine weitere Bedeutung.

Es geht nicht mehr darum, ob Deutschland den nächsten Zuckerberg hervorbringt. Es geht darum, ob Menschen überhaupt noch daran glauben, ihre wirtschaftliche Lage durch eigene Leistung deutlich verbessern zu können.

Thiel verbindet den Erfolg politischer Randparteien zumindest teilweise mit diesem Verlust wirtschaftlicher Zukunftserwartungen. Dabei macht er zugleich deutlich, dass er deren politische Antworten nicht übernimmt. Die Positionen der AfD zu Ukraine, China und Israel bezeichnet er im Gespräch ausdrücklich als falsch.

Für Thiels Argumentation ist diese Unterscheidung wichtig: Wirtschaftliche Unzufriedenheit ernst zu nehmen bedeutet für ihn nicht, die daraus gezogenen politischen Schlussfolgerungen zu teilen.

KI wird zum nächsten Test

Besonders deutlich sieht Thiel die Frage nach wirtschaftlichem Ehrgeiz inzwischen bei künstlicher Intelligenz.

Er hält KI für eine Technologie, deren Bedeutung mit dem Internet vergleichbar oder möglicherweise noch größer werden könnte. Europa sieht er im Wettbewerb mit den USA deutlich im Rückstand.

Damit wiederholt sich für ihn dieselbe Frage auf einer größeren Ebene: Begnügt sich Europa damit, Technologien anderer zu verwenden – oder entstehen hier Unternehmen, die selbst internationale Standards setzen?

Gerade Deutschland startet dabei nicht bei null. Es besitzt große Forschungsorganisationen, Hochschulen, einen starken industriellen Mittelstand und Unternehmen mit weltweiter Marktstellung.

Thiels Vorwurf lautet vielmehr: Aus diesem Fundament entstehe zu selten etwas Neues von vergleichbarer Größe.

Erfolg beginnt besonders dort, wo man weitermacht

Peter Thiel liefert mit seiner »Angst vor Erfolg« keine wissenschaftliche Diagnose für Deutschland.

Sein Blick ist geprägt vom Silicon Valley und von einer eigenen Karriere, in der Erfolg fast immer mit Wachstum, Technologie, Kapital und extremer Skalierung verbunden war. Andere Unternehmer können Erfolg völlig anders definieren: durch Unabhängigkeit, Profitabilität, langfristige Stabilität oder ein Unternehmen, das bewusst überschaubar bleibt.

Das macht Thiels Frage nicht weniger interessant.

Deutschland diskutiert seit Jahren darüber, warum Menschen zu wenig gründen, warum Kapital fehlt und warum Scheitern gesellschaftlich so schwer wiegt.

Thiel setzt einen Schritt später an.

Was geschieht, wenn eine Idee bereits funktioniert?

Ob daraus ein gutes Unternehmen, ein lukrativer Verkauf oder der nächste globale Konzern wird, entscheidet sich erst dann.

Damit liegt zwischen Erfolg und außergewöhnlichem Erfolg manchmal tatsächlich nur eine weitere Frage:

Wie groß darf dieser eigentlich werden?

Stefanie S. Klief

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