»Hör nicht auf«, sang ihm ein Gratulant zum 80. Geburtstag. Reinhard Mey war über den Wunsch eher überrascht. Ans Aufhören, schrieb er später, habe er gar nicht gedacht. Drei Jahre danach liefert er den Beweis: Heute erscheint »Schatzhauser«, sein 30. Studioalbum. Fast sechs Jahrzehnte nach seiner ersten LP sitzt Mey wieder dort, wo für ihn alles begann – allein mit seiner Gitarre. Nur dass ihm diesmal eine Karriere mit fast 2.000 Konzerten, Dutzenden Gold-Auszeichnungen und Liedern im Gepäck folgt, die inzwischen mehrere Generationen kennen.
Fast 60 Jahre zwischen dem ersten und dem 30. Album
1967 erschien Reinhard Meys erste LP. Auf dem Cover war ein 24-Jähriger vor einer Ruinenkulisse zu sehen, die Gitarre in der Hand.
Am Grundprinzip hat sich erstaunlich wenig geändert.
Mey experimentierte im Laufe seiner Karriere mit Orchestern, verschiedenen Arrangements und modernen Klängen. Auf »Schatzhauser« verzichtet er nun vollständig darauf. Zum ersten Mal überhaupt nahm er ein Studioalbum ganz allein auf – nur Stimme und Gitarre.
13 Titel enthält das Album. Sie handeln vom Leben und Sterben, von Freundschaft, Liebe, Erinnerung und Abschied. Den Namen entlieh Mey Wilhelm Hauffs Märchen »Das kalte Herz«: Der Schatzhauser ist dort eine freundliche, weise Gestalt, die Wünsche erfüllen kann.
Dass Mey mit 83 noch ein neues Album veröffentlicht, erscheint ihm selbst offenbar weniger bemerkenswert als anderen.
In einem Text auf seiner Website schrieb er im August über seine frühen Vorbilder – Erich Kästner, François Villon, Georges Brassens oder Georg Kreisler – und darüber, dass deren Einfluss ihn bis heute begleite. Sein Fazit: Er wolle nicht aufhören, sondern wünsche sich eher, noch einmal von vorn anfangen zu können.
Ein Lied von 1975 landet plötzlich wieder in den Charts
Wie wenig berechenbar eine sechs Jahrzehnte lange Karriere sein kann, zeigt ausgerechnet einer der älteren Titel auf dem neuen Album.
»In meinem Garten« veröffentlichte Mey vor rund 50 Jahren.
Im Herbst 2025 tauchte das Lied plötzlich in einer Netflix-Dokumentation über den Rapper Haftbefehl auf. Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit bürgerlichem Namen heißt, hörte den Song dort in einem emotionalen Moment auf seinem Handy und sang mit.
Die Folge war außergewöhnlich: Nach einem halben Jahrhundert gelangte das Lied erneut in die Charts.
Mey erzählte später der FAZ, er sei überrascht gewesen, dass Menschen das Lied kannten, die zuvor mit seiner Musik kaum Berührung gehabt hätten. Besonders berührt habe ihn, wie der sonst als harter Rapper wahrgenommene Haftbefehl ausgerechnet bei diesem alten Lied Gefühle zeigte. Mey nahm anschließend Kontakt zu ihm auf und bedankte sich.
Für »Schatzhauser« hat er »In meinem Garten« noch einmal neu aufgenommen. Ein Lied, das älter ist als viele seiner heutigen Hörer, bekommt damit ein zweites Leben.
Auch seine Goldenen Schallplatten holten ihn noch einmal ein
2026 hielt für Mey noch eine andere Überraschung bereit.
Ein Freund hatte seine Verkaufserfolge aus vergangenen Jahrzehnten genauer untersucht und festgestellt, dass zahlreiche Auszeichnungen offenbar nie beantragt beziehungsweise überreicht worden waren.
Nach Angaben seines Teams kamen dadurch mindestens 23 weitere Gold- und Platin-Auszeichnungen hinzu. Bis dahin waren 21 Goldene Schallplatten dokumentiert gewesen. Der Bundesverband Musikindustrie bestätigte die zusätzlichen Ehrungen.
Das ist eine bemerkenswerte Fußnote zu einer Karriere, die ohnehin nur schwer in Verkaufszahlen zu fassen ist.
Denn Mey war nie der klassische Popstar, der sich über Hit-Singles, spektakuläre Bühnenshows oder ständig wechselnde Trends definierte.
Sein bekanntestes Instrumentarium blieb überschaubar: Gitarre, Stimme, Text.
Fast 2.000 Konzerte – mit demselben Grundprinzip
Universal spricht inzwischen von fast 2.000 Konzerten auf großen Tourneen. Auch dort trat Mey im Wesentlichen so auf, wie er nun »Schatzhauser« aufgenommen hat: allein auf der Bühne mit seiner Gitarre.
Songs wie »Über den Wolken«, »Gute Nacht, Freunde«, »Nein, meine Söhne geb’ ich nicht« oder »Annabelle« wurden Teil deutscher Musikgeschichte.
Dabei zog Mey sich immer wieder bewusst aus Bereichen zurück, in denen andere Künstler möglichst präsent bleiben wollen.
Er gibt vergleichsweise wenige Interviews, pflegt seine Öffentlichkeit kontrolliert und hat seine Karriere nie vollständig an die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie angepasst.
Erfolg ohne permanente Neuerfindung
In vielen Künstlerbiografien gehört Veränderung beinahe zum Pflichtprogramm. Ein neues Image. Ein neuer Sound. Eine neue Zielgruppe. Eine neue Inszenierung.
Reinhard Mey liefert das Gegenmodell.
Natürlich hat sich auch seine Musik verändert. Alter, Erfahrungen, Verluste und gesellschaftliche Entwicklungen sind in seine Texte eingeflossen. Doch das Grundprinzip blieb fast unverändert: Geschichten erzählen, genau beobachten, verständlich schreiben und dem Text genügend Raum lassen.
Das mag auch erklären, warum ein Lied wie »In meinem Garten« nach 50 Jahren plötzlich einen Rapper und dessen Publikum erreichen kann. Es wurde nicht für einen Trend geschrieben. So konnte es einen überleben.
Das 30. Album klingt deshalb fast wie ein Kreis
Auf seiner Website beschreibt Mey die Arbeit an »Schatzhauser« mit einer Detailversessenheit, die wenig nach Alterswerk im Sinne eines gemütlichen Nachtrags klingt.
Monate am Schreibtisch, im Studio und am Mischpult. Texte kontrollieren, Fotos auswählen, Fehler suchen, wieder verwerfen und neu anfangen. Bis zu dem Moment, an dem die Lieder veröffentlicht werden und ihm nicht mehr allein gehören.
Nach fast 60 Jahren führt ihn dieses Album damit zurück an einen erstaunlich einfachen Ausgangspunkt:
ein Mann, ein Text, eine Gitarre.
1967 war das der Beginn einer noch völlig offenen Karriere.
2026 ist es die Entscheidung eines 83-Jährigen, der längst nichts mehr beweisen muss.
Stefanie S. Klief