LeFloid Interview Erfolg Magazin Julien Backhaus

LeFloid: Geh doch mal aufs Ganze

LeFloid ist als YouTuber der ersten Stunde bekannt, im Interview mit dem ERFOLG Magazin spricht er über die Anfänge seiner Karriere, Erfolgsprinzipien und die Verantwortung der Influencer gegenüber den Followern.

Du hast vor elf Jahren mit Youtube angefangen. Warum?

Mittlerweile ja. Um Gotteswillen, ich werde alt! Für mich war Youtube damals sehr spannend. Ich habe dort Leute gesehen und gedacht, boah, die leben sich dort aus. Die machen kreativen Content, zum Teil Kurzfilme und unterhalten mich einfach. Das war eine völlig neue Art der Unterhaltung. Damals war noch alles in Bildform oder wenn du richtig krass warst und eine Band hattest, hast du Musikvideos hochgeladen. Das war so krass neu. Plötzlich gab es da Leute, die einfach so aus dem Privaten heraus mit dir geschnackt haben, die etwas mit dir anfangen und eine Community aufbauen wollten. Und ich dachte mir, das ist ja viel geiler, als Tagebuch schreiben. Geh’ doch mal aufs Ganze und frag’ wildfremde Leute, was die davon halten. Mach mal ein Video und guck’ wie es läuft. Ich fand es auch cool, mich mal aus dem psychologischen, philosophischen Studium komplett rauszunehmen und auch mal etwas Technisches zu machen. Wie funktionieren eine Kamera oder ein Camcorder? Wie schneide ich ein Video? Und dann war ich viel schneller, als ich gedacht hatte, mittendrin. Ich habe das erste Video hochgeladen. Ich wusste, YouTube, komplizierte Seite, Upload hier – Thumbnail gab es damals ja noch nicht. Das war das erste Video, dann kamen das zweite und das dritte. Dann hat mich meine Freundin, die heute meine Frau ist, gefragt ‚Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun?‘ Und ich meinte: ‚Grad nicht.‘ Nächstes Video, noch eines und ehe du dich versehen hast, warst du plötzlich ein Teil davon, mitten dabei. Du hattest 50 bis 60 Leute, die dir regelmäßig zuschauten und dachtest dir ‚Boah, krass, ich habe eine richtige Zuschauerschaft‘. Das war geil, das hat großen Spaß gemacht und war damals totale Pionierarbeit.

Ist das mittlerweile zu einem anerkannten Beruf geworden oder sind wir davon noch eine Weile entfernt?

Die Frage, ob das ein anerkannter Beruf ist, muss man global betrachten. Leute aus Frankreich und Spanien, die ein größeres Publikum schon allein dadurch erreichen, dass ihre Sprache in mehreren Ländern gesprochen wird, haben völlig andere Referenzen und erreichen so viel mehr Zuschauer, als wir mit unserer kleinen, lapidaren deutschen Sprache, die in drei Miniländern gesprochen wird. Plus: Die sind offener, gerade bei den Amis. Der American Dream ist ein Ding. Social-Media-Reichweite ist dort eine völlig andere Währung, als hier in Europa und Deutschland. Bei denen ist das ein Job, ist das Arbeit. Hier auch. Ich bin mittlerweile Mitbegründer von zwei Firmen. Wir haben eine Agentur und eine Produktionsfirma. Ich arbeite regelmäßig mit Leuten wie Olli (Oliver Dombrowski, Videoproduzent, Anm. d. Red.) zusammen, der mein Rückgrat bildet, was die ganze Produktion angeht. Und trotzdem tun wir uns in Deutschland sehr schwer damit, dieses Influencer-Marketing dieser selbstständig Filmschaffenden auf YouTube als Beruf anzuerkennen. Was Quatsch ist, weil ich auch eine 70-Stunden-Arbeitswoche habe.

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Ich habe eine 70-Stunden Arbeitswoche. Bild: Ronny Barthel
Reden wir mal ganz allgemein vom Medienkonsum. Meinungsfreiheit versus Fakten – wie sehr muss man denn heute dem Konsumenten bewusst machen, dass es seine Verantwortung ist, wie er die Information für sich verarbeitet?

Jeder, der zu unserer heutigen Zeit Medien online konsumiert, sollte sich darüber bewusst sein, dass er grundsätzlich immer mehr als eine Quelle zur Information heranziehen sollte. Das ist aber auch so anerzogen. Eine Tageszeitung, die man liest, eine Tagesschau, Nachrichten auf SAT1, RTL – du hast immer so ein einzelnes Medium, auf das du dich verlässt. Das funktioniert heute nicht mehr. Du bist für dich in der Verantwortung, gerade wenn es an das sehr schwierige Thema Manipulation geht. Bilde dich, bilde dich weiter und schau dir unbedingt immer mehr als eine Quelle an. Das ist etwas Superwichtiges, das man jedem mit auf den Weg geben sollte. Ich bin davon überzeugt, Medienkompetenz beginnt im Grundschulalter. Die Schulen dürfen sich nicht mehr davor verwehren, das zu lehren. Auch die Lehrer dürfen nicht mehr sagen ‚Das geht mich nichts an‘. Nein, Schüler müssen da herangeführt werden. Wie verhalte ich mich im Internet? Wo bekomme ich Informationen her? Welche Möglichkeiten habe ich, um Informationen zu beschaffen? Und vor allem: Welche Informationen gebe ich über mich selbst preis? Das ist alles ein einziger Kosmos, ein riesiger Kreis, der im Grundschulalter beginnt. Dem darf sich unser Bildungssystem einfach nicht mehr entziehen.

Versucht ihr da auch ein bisschen zu pushen und Einfluss zu nehmen, dass da mehr Aufklärung passiert?

Wir machen da recht viel. Wir versuchen mit mehreren Offensiven im Jahr unterstützend zu wirken. Wir vertreten das auch mit unserer großen Spendengala und versuchen in unserem Spenden-Stream einmal im Jahr immer wieder mit einfließen zu lassen, welche Verbände können einem helfen und an wen kann man sich wenden, wenn man beispielsweise online gemobbt wird. Das ist besonders für viele Eltern wichtig zu verstehen, die immer noch meinen, ihren Kindern sagen zu können ‚Wenn du auf Facebook Stress hast, dann geh eben nicht mehr auf Facebook‘. Das funktioniert nicht, denn soziale Medien und Netzwerke sind inzwischen ein reeller Teil des Lebens der Menschen geworden. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Facebook und Schulhof. Deswegen muss man wissen, wie man sich da verhält. Wie passt man auf sich auf? Und wenn man einmal in eine Opferrolle geraten ist: Wie kommt man aus der raus? Von wem bekommt man Hilfe? Dazu machen wir sehr regelmäßig Videos, damit wir möglichst viele Leute erreichen. Wir arbeiten natürlich auch mit anderen Leuten zusammen, wie wir zum Beispiel schon vor Jahren mit der Polizeidirektion 36 in Berlin ein Anti-Mobbing-Programm ins Leben gerufen haben. Ich bin der Meinung, dass jeder, der eine große Reichweite im Netz hat, auch ein Stück weit Verantwortung trägt, genau das seiner Zuhörerschaft zu vermitteln.

Mittlerweile bist du ja tatsächlich im ganz normalen Leben angekommen. Verheiratet, zwei Kinder, Gründer und Mitbegründer mehrerer Unternehmen – wie geht es dir damit?

Mit jedem Projekt, das an einen herangetragen wird und das dann wächst, fühlt man sich auch verantwortlich. Mit Projekt meine ich wirklich alles, seien es ein, zwei Firmen, seien es Freunde, Familie und Kollegen unter ein Dach zu bekommen, vor allem, weil das irgendwann anfängt, sich zu vermischen. Ich habe viele Kollegen, die nicht nur Freunde, sondern mittlerweile Familie geworden sind. Zwei Kinder und eine Frau zu Hause, dazu Haus und Hof, die auch nicht komplett vernachlässigt werden dürfen – es wird nicht einfacher. Es wird immer mehr.

Suchst du das denn? Oder wolltest du eigentlich immer eher leichtfüßig bleiben?

Ehrlich gesagt ist das Meckern auf hohem Niveau. Man weiß, man hat viel zu tun, muss immer früh raus. Wenn die Kids nicht schon wach sind, klingelt mein Wecker eh um 4:40 Uhr.

Oh Gott! Wieso?

Ich bin Pendler aus Brandenburg. Die ersten, wie Olli und ich, sind um spätestens sieben Uhr hier und fangen an zu arbeiten. Bis 17 oder 18 Uhr hauen wir rein und mit der Bahnfahrt?.?.?. halb- oder dreiviertel fünf beginnt der Tag und endet, wenn man noch Sport machen und zum Training gehen will, um 23 Uhr. Da muss man schon relativ diszipliniert sein, um sich überhaupt noch die sechs Stunden Schlaf zu gönnen, weil der Rest für wirklich alles draufgeht, was sonst noch passiert, also Arbeit, Familie, Kinder. Du versuchst eben alles unter einen Hut zu bringen. Dann kommst du schnell mal auf 60 bis 80 Stunden pro Woche, wenn du nicht gerade Urlaub hast. (lacht)

Urlaub?

Urlaub?! (lacht). Eine kleine Weltreise, ein bisschen Doku nebenbei. Ja, aber das muss man so wollen.

Ich unterstelle dir jetzt mal, du könntest auch mit weniger dein Einkommen bestreiten. Treibt dich etwas von innen heraus an oder hat das mehr mit Verantwortung zu tun?

Mittlerweile ist es ja so, dass ich auch eine gewisse Verantwortung für andere habe, nicht nur innerfamilär, sondern auch im Kollegenkreis. Vor allem aber bin ich ein getriebener Typ. Ich will so viele Dinge umsetzen und habe so viel Bock, noch viel mehr zu machen. Dann plane ich ungefähr drei Monate im Voraus und denke mir, die Zeit reicht nicht. Wann kriegen wir das denn unter? Alles klar, dann on hold. Aber da hab ich noch ne geile Idee, das könnten wir auch mal machen. Okay, 2020 ist ja jetzt abgehakt. Also eigentlich möchte ich noch viel mehr machen, als in 24 Stunden am Tag möglich ist. Deshalb bin ich auch immer noch gerne selbständig. Ich müsste es nicht mehr sein, wenn ich es nicht wollte. Ich hätte auch kein Problem damit, irgendwo angestellt zu sein.

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Jeder, der eine große Reichweite im Netz hat, trägt auch ein Stück weit Verantwortung. Bild: Ronny Barthel
Ein kleiner zeitlicher Sprung, weil mich das persönlich interessiert: Das Interview, das du damals mit der Bundeskanzlerin gehalten hast, würdest du das im Nachhinein nochmal machen?

Ich bin ja mittlerweile ein bisschen selbstbewusster geworden als damals, als ich von Kollegen der alten Zunft in einer Art und Weise zerrissen worden bin. Wobei ich mir bis heute denke: Alles klar, ich hatte im Vorfeld in meinem Leben kein Interview und dann das erste Interview mit der Bundeskanzlerin. Das ist eigentlich so ein Ding…

Das sollte man nicht tun oder vorher noch üben?

Das kann man so sehen, aber: so what! Ich denke mir, wenn du das erste Politiker­interview in deinem Leben mit der Bundeskanzlerin hast, dann hast du bis dahin echt schon eine Menge richtig gemacht. Aber ich würde es gerne nochmal machen. Ich habe es damals nicht falsch gemacht. Ich habe auf Twitter gepostet ‚Welche Fragen habt ihr?‘ und dann die Top-10-Community-Fragen von Homoehe über Kiffen bis ‚Was halten Sie von Seehofer‘ mitgenommen. Die hat sie alle mehr oder weniger beantwortet. Sie ist ja Medienprofi, das muss man ihr nun mal geben. Aber ich würde es gern nochmal machen, ohne dass irgendjemand vorher die Fragen kennt. Gerade jetzt, wo sie resigniert, wo sie sagt: ‚Nö, jetzt ist over‘. Ich glaube, sie hätte jetzt nicht nur die Möglichkeit, sondern auch das Rückgrat ein paar Fragen anders anzugehen. Jetzt wäre es nochmal richtig interessant die Person Merkel mit kitzeligen, viel provokanteren Fragen ranzukriegen, weil jetzt bei ihr vielleicht die Einstellung ‚Nach mir die Sintflut‘ vorherrscht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es jetzt spannender wäre.

Wie du sagst, warst du damals schon erfolgreich. Du bist jetzt sehr erfolgreich, obwohl du ja auch erst 31 bist. Hat sich der Erfolgsbegriff, die Definition damals und heute, für dich in den letzten Jahren verändert? Wie definierst du ihn denn?

Der Erfolgsbegriff hat sich für mich persönlich gar nicht so sehr geändert. Er ist nur in einen bestimmten Fokus gerückt. Viele Leute glauben, dass Erfolg immer zwangsweise mit Reichweite und Bekanntheit zusammenhängt. Um in der Branche Fuß zu fassen, stimmt das so ein Stück weit, keine Frage. Aber für mich hat sich das mittlerweile insofern geändert, dass ich erstmal meine Schafe ins Trockene schaffe. Wie sehr kann ich das für mich erreichen? Wo sehe ich mich in fünf Jahren? Was will ich dann eigentlich machen? Dann möchte ich vor der Kamera stehen, einfach nur, weil ich Bock drauf und eine Meinung zu einem Thema habe oder mich etwas ärgert, aufregt, weil ich etwas mitteilen oder kochen will. Aber in vier bis sechs Jahren darf das nicht mehr das Maß der Dinge sein. Dann muss ich irgendwo hinter der Kamera stehen. Mehr Skripte und Konzepte, mehr an den Firmen arbeiten, die schon existieren. Das heißt, der Grundstein ist gelegt. Ich weiß, mit wem ich zusammenarbeite und auch langfristig zusammenarbeiten möchte, in welche Richtung das Ganze geht, wie es funktioniert. Und deshalb kann ich auch eine nächste Generation langfristig, ohne dass sie sich ausbrennt und kaputtgeht, aufbauen. Weil ich weiß, welche Fehler ich gemacht habe, kann ich ein bisschen wie ein Social-Media-Papa ein paar Leute an die Hand nehmen. Du kannst so gegen die Wand laufen. Daraus kann man natürlich lernen und alles weitergeben. Da sehe ich mich in den nächsten Jahren eher, als mir einzubilden, die nächsten fünf, sechs, sieben Jahre noch die Stimme der neuen Generation zu sein. Was Bullshit ist, weil unsere Zuschauer mittlerweile im Schnitt 25 sind.

Vom Charakter her bist du auch eher ein Helfer, oder? Das hört man so raus beim Stichwort Social-Media-Papa.

Ja, ich habe einen gewissen altruistischen Ansatz, ich möchte, dass es Leuten gut geht. Es soll fair von Statten gehen und wenn ich es verhindern kann, sollen die Leute nicht vor die Wand laufen. Es wäre mir ein großes Vergnügen, wenn ich in Zukunft jemandem helfen kann.

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Weil ich weiß, welche Fehler ich gemacht habe, kann ich ein bisschen wie ein Social-Media-Papa ein paar Leute an die Hand nehmen. Bild: Ronny Barthel
Die sozialen Medien sind ja noch recht neu. Was glaubst du denn, wie sie sich auf die neue Generation auswirken werden? Gibt es auch Katastrophenszenarien, in denen man davon ausgeht, dass die Menschheit davon komplett verändert wird, zum Beispiel komplett verantwortungslos wird?

Wenn wir uns die neuen Medien und soziale Netzwerke ansehen, habe ich schon so meine Kopfschmerzen. Gerade wenn es um diese Bubbles geht, in denen man in seiner eigenen Meinung immer wieder bestärkt wird, wenn immer nur die eigene Meinung an einen herangetragen wird und man gar nicht mehr mit einer Gegenmeinung, einer Antimeinung, konfrontiert wird. Weil Facebook, das da Vorreiter ist, setzt immer mehr darauf, dich in deiner Meinung zu bestärken, damit du dich in deiner Filter-Blase so richtig wohl fühlst. Das sehe ich als problematisch an, weil wir uns dadurch freiwillig eine sehr unkritische Gesellschaftsschicht heranzüchten, die sich selbst und ihre Meinung nicht mehr hinterfragt und nicht in der Lage ist, sich zu hinterfragen. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Aktuell steuern wir in den sozialen Netzwerken leider auf eine Entweder-Oder-Gesellschaft zu. Es ist mechanisch gemacht, dass wir uns nicht mehr damit auseinandersetzen, warum der andere so denkt, wie er denkt, sondern wir sind in erster Linie als Menschen nur noch der Meinung, er ist gegen das, was ich denke, er ist gegen mich und meine Einstellung. Die Menschen reflektieren nicht mehr. Was soziale Netzwerke angeht, müssen wir sehen, ob das auf politischer Ebene machbar ist, daran zu arbeiten, dass solche sozialen Filterblasen in Zukunft platzen und man die Leute ungefilterter mit der Meinung anderer Menschen konfrontiert.

Wie siehst du das Bildungssystem? Wirst du deine Kinder, die ja noch sehr jung sind, da später liebend gern reinstecken oder willst du viel eigene Bildungsarbeit leisten?

Meine Kinder sind ja erst neun Monate alt. Wenn wir uns damit beschäftigen, wie wir mit unseren eigenen Kindern umgehen, geraten meine Frau und ich regelmäßig an unsere Grenzen. Wann hast du ein erstes Handy? Ich habe einen Neffen und zwei Nichten, die fragen nach dem ersten Telefon. Meine älteste Nichte ist in der dritten Klasse und ist wirklich eine der wenigen, die noch kein Handy oder Smartphone haben. Sie weiß aber von den Eltern ganz genau, wie man damit umgeht. Ich war so ein bisschen schockiert, als ich den ersten Fortnite Dance von ihr gesehen habe. Du entziehst dich dem Ganzen nicht mehr, wenn du neun oder zehn Jahre alt bist. Es ist ja auch Quatsch, davon auszugehen. Da kommen wir wieder zurück zu dem Thema. Es ist elementar wichtig, dass wir begreifen, dass Medienkompetenz als Schulbildung in die Schule gehört. Ich verstehe, dass Bundesländer sich gegen eine Art Digitalisierung wehren. Aber ich verstehe es nicht, dass Bundesländer und Lehrer sich gegen die Realität sträuben und sagen: ‚Nein, Medienkompetenz gehört nicht in die Schule.‘ Das ist Bullshit, das muss da hin. Das ist grundlegend wichtig und wird immer wichtiger.

Mich interessiert noch, wieso du dein Dokuformat als Höllenjob erlebt hast. Wie kam das? War das eine Eigenproduktion nach eigener Idee?

Ja, wir waren letztes Jahr viel unterwegs und haben neun Monate am Stück unser Dokuformat gedreht. Das war eine eigene Idee, die ich erst an mein Netzwerk „Studio 71“ herangetragen habe, ob sich das nicht irgendwie umsetzen lässt. Dort ist es dann gegoren und vor sich hin gewachsen. Dann kamen die Youtube-Originals, wo es nochmal gepicht wurde. Dort haben wir erklärt, wie das eigentlich gemeint ist. Wir haben das zuerst nur für Deutschland konzipiert. YouTube hat dann nach dem Piloten gesagt: ‚Ey, hast du Bock, das international zu machen?‘ Ja geil! Und ich lief aber wirklich mit Anlauf gegen die Wand. Wir hatten Strecken, in denen ich in 14 Tagen zehn und mehr Flughäfen auf verschiedenen Kontinenten gesehen habe. Ich habe plötzlich Dinge wie ein Arbeits­visum für die USA und zwei Reisepässe. Ich wusste gar nicht, dass das überhaupt geht! Ich habe mehrere lose Seiten aus Ländern, die von sich selbst sagen ,Das können wir nicht in Ihren Pass stempeln, weil Sie sonst nirgendwo mehr reinkommen‘ wie Jerusalem und hast du nicht gesehen. Ich habe Banksy getroffen.

Wer oder was ist das?

Ein Künstler, dessen Gesicht keine Sau kennt. Aber ich war an der Mauer, die Jerusalem von Palästina trennt. Und da hat der Typ ein Hotel, ein Kunstprojekt. Und dort war er gerade, und hat an Hardcore-Nerds kleine Mauerbröckchen, die er selber noch designet hat, verkauft. Das waren alles Sachen, wo du dir heute denkst ‚Alter ich würde mich erschießen, sowas jemals erlebt zu haben‘. Andererseits bin ich während dieser neun Monate auch zehn Jahre gealtert. Ich habe unglaublich viel gelernt, vor allem Sachen, die ich anders machen würde. Meine Kinder wurden in der Zeit geboren, weil es Frühchen waren und ich war nicht immer da, wie ich es gerne gewesen wäre. Halleluja, fünf Jahre meines Lebens habe ich da eingebüßt. Wirklich alles, was du in fünf Jahre packen kannst, habe ich da gemacht.

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Andererseits bin ich während dieser neun Monate auch zehn Jahre gealtert. Ich habe unglaublich viel gelernt, vor allem Sachen, die ich anders machen würde. Bild: Ronny Barthel
Wann kommt das raus?

Das ist mittlerweile auf Youtube Premium, dieser Youtube-Bezahlaktion, raus. Laut Medienberichten und Mediengerüchten wird das ab nächstem Jahr aber für alle zugänglich. Das kann man sich wirklich mal geben. Gerade was die Bilder angeht und was da geschaffen worden ist – nochmal Props an die Leute, gerade die hinter der Kamera. Es war fantastische Arbeit und sieht wirklich sehr gut aus.

Hast du ein Erfolgsprinzip, das für dich immer an erster Stelle steht und von dem du sagst, “das lasse ich mir nicht nehmen?”

Was ich mir nicht nehmen lasse, ist etwas gegen ‚Youtuber sein ist ja keine Arbeit‘ zu sagen. Wenn du langfristig erfolgreich und kreativ arbeiten und dein eigener Herr und Chef sein möchtest, dann musst du Abstriche machen. Und die passieren in erster Linie tatsächlich auf privater Ebene. An die Leute, die sagen: ‚Das ist ja alles nur Jux und Dollerei, Spaß und Spiel‘ – nö, ist es nicht! Du kommst einfach an den Punkt, an dem du dich mit vielen unangenehmen Dingen auseinandersetzen musst. Ob Personalien, Steuern, Mietrechte, wie bekommt man überhaupt ein Studio zusammen? Alles Mögliche kommt irgendwann auf dich zu. Das ist ein ganz normaler Job. Wir sind Medienschaffende und die meisten von uns sind nicht irgendwelche Idioten, die sich vor ein Billy-Regal setzen. Wir haben Firmen, Mitarbeiter, Freunde, Familie und das Ganze greift noch ineinander. Dann wird es besonders spannend. Und ja – wir stehen zu hundert Prozent hinter dem, was wir machen. Wenn man das kann, dann macht man das auch sehr lange.

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Das Interview mit LeFloid “Geh doch mal aufs Ganze” führte Julien Backhaus. Bild: Ronny Barthel
Ja, das wird interessant, der erste You­tube-Opa, der in Youtube gealtert ist.

Ach, das haben wir doch mittlerweile alles. Wir haben ja schon Opas, die einfach in YouTube reingeschubst worden sind. Wir haben Leute wie die „Marmeladen-Oma“ und „Senioren zocken“. Jede Nische wird bedient. So wie damals Kinderstars im Fernsehen erwachsen wurden. Das wird es ja auch bei Youtube geben. Kinder will keiner mehr sehen. Rentner sind mittlerweile viel niedlicher.

Bildquelle: Ronny Barthel

Das Interview mit LeFloid erschien in der ERFOLG Magazin Ausgabe 02/2019.