Tina Turner: Eine starke Frau ist gegangen

Tina Turner: Eine starke Frau ist gegangen

Weltstar Tina Turner ist im Alter von 83 Jahren nach langer Krankheit in Küsnacht in der Schweiz gestorben. Die Musikwelt und Fans sind schockiert. Die Karriere der Anna Mae Bullock, wir Tina Turner mit bürgerlichem Namen hieß, begann vor 63 Jahren. 1960 nahm sie das Lied »A Fool in Love« auf. Sie sprang dabei kurzfristig als Solosängerin ein. Der Ausfall des eigentlichen Sängers war Tinas Glücksfall. Der Titel schaffte es im August 1960 auf Platz 27 der US-Charts. Danach nahm sie einen wichtigen Platz als Duettsängerin in der Band ein. Aus Marketinggründen gab Ike ihr von da an den Künstlernamen Tina und benannte seine Band in Ike & Tina Turner um. Neben der Musik verband sie auch eine Liebesbeziehung, aus der 1960 ein gemeinsamer Sohn hervorging. Die Hochzeit wurde 1962 in Mexiko gefeiert.

Ike und Tina erzielten bis Mitte der Siebziger mehrere Hits und erlangten internationale Berühmtheit. Dieser Erfolg forderte von Tina jedoch einen beträchtlichen Preis. Es häuften sich Probleme in ihrem Privatleben mit ihrem Mann Ike, der in einen Kontrollwahn abglitt und immer aggressiver wurde. Geplatzte Lippen, blaue Augen, gebrochene Knochen und psychische Qualen wurden zu einem festen Bestandteil ihres Lebens. Als farbige Frau in den 70ern war die gesellschaftliche Konvention noch völlig anders gestrickt als heute. Den eigenen Mann zu verlassen, auch wenn man Schläge und Demütigungen erdulden musste, schien völlig abwegig. Die finanzielle und psychische Abhängigkeit schien zu groß, schließlich waren die beiden Weltberühmtheiten, die 1991 sogar in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Dennoch schaffte es Tina 1976, Ike zu verlassen und beantragte die Scheidung.

Nach der Scheidung von Ike gab es eine lange Durststrecke zu überwinden, die fast ein ganzes Jahrzehnt dauerte. Einerseits musste sie die Gewaltbeziehung noch immer psychisch, aber auch physisch, verarbeiten, wie sie in ihrer Autobiographie offenbarte, und andererseits schätzte sie der Musikmarkt als zu alt für das Business ein. Es ist kaum zu fassen, dass Tina Turner Anfang der 80er Jahre bereits als Altstar abgestempelt wurde, wobei uns heute klar ist, dass ihre große Zeit erst dabei war, zu beginnen. Erst 1984 gelang ihr mit ihrem Album »Private Dancer« der erneute Durchbruch als Solokünstlerin, auf den sie beinahe zehn Jahre hingearbeitet hatte. Gleich die erste Single-Auskopplung »What’s Love Got to Do with It« kletterte auf Platz eins der Billboard-Charts. Im Februar 1985 erhielt Tina Turner drei Grammy Awards. Weitere Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Tina hatte es geschafft, sich von einer gewaltvollen Beziehung zu emanzipieren und zu einer wahren Ikone der Musikindustrie aufzusteigen.

Was können wir über Mut von Tina lernen? Nun, es scheint eine besondere Form des Mindsets zu sein, welche ihr ermöglicht hat, wichtige Entscheidungen zu treffen wie die Trennung von Ike und diese auch durchzuziehen: »I am strong. I lived through a divorce, separation from my family. I never let it break me down. I’m not an alcoholic. I’ve never smoked, I’ve never done drugs. I’ve floated through the disaster of my past clean. I arrived here undamaged«, wird sie 2009 im »Daily Express« zitiert. Ganz stimmt dies nicht, denn sie gab später zu, an posttraumatischen Belastungsstörungen zu leiden, und dennoch hat sie sich davon nicht unterkriegen lassen. Sie hat auch nie bedauert, mit Ike zusammen gewesen zu sein. Im Gegenteil, sie betont immer wieder, dass diese Erfahrungen ihren Charakter schärften. Es ist kein einziges Wort des Bedauerns aus ihrem Mund zu hören und gab ihren Fans Tipps, mit schwierigen Situationen umzugehen: »If you are unhappy with anything… whatever is bringing you down, get rid of it.

 

(Auszüge aus: Erfolg Magazin 02/2022)

Bild: IMAGO / MediaPunch