Wann haben Sie zuletzt einfach nur gespart?
Nicht investiert. Nicht spekuliert. Sondern einfach nur gespart.
Die Frage klingt banal. Tatsächlich berührt sie eines der ältesten wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschheit. Denn Sparen bedeutet im Kern nichts anderes, als die Kaufkraft der eigenen Arbeit in die Zukunft zu übertragen.
Wer heute arbeitet, möchte einen Teil davon für morgen bewahren. Für die Ausbildung der Kinder. Für den Ruhestand. Für unerwartete Ereignisse. Oder einfach für die Freiheit, später selbst entscheiden zu können.
Doch genau hier beginnt ein bemerkenswerter Widerspruch.
Wer heute Geld zurücklegt, sieht einen stabilen Betrag auf seinem Konto. 10.000 Euro bleiben 10.000 Euro. Was jedoch nicht stabil bleibt, ist die Kaufkraft dieser 10.000 Euro.
Und damit stellt sich eine grundlegendere Frage: Ist das Geld, mit dem wir täglich bezahlen, überhaupt dafür gemacht, Kaufkraft über Jahre und Jahrzehnte zu speichern?
Was das Geldsystem braucht, muss der Sparer nicht wollen
Dahinter steckt eine Unterscheidung, die in der Diskussion über Geld häufig zu kurz kommt: Was ein Geldsystem leisten muss und was ein Sparer braucht, ist nicht dasselbe.
Ein modernes Kreditgeldsystem muss auf Veränderungen reagieren können. Banken vergeben Kredite, Unternehmen investieren, Staaten finanzieren sich und Zentralbanken stellen Liquidität bereit oder entziehen sie wieder. Die Geld- und Kreditmenge ist deshalb nicht starr, sondern elastisch. Das bedeutet: Sie kann je nach wirtschaftlicher Entwicklung ausgeweitet, aber auch wieder reduziert werden.
Dass unser Geldsystem deshalb keine absolute Begrenztheit bietet, ist kein Versagen, sondern Teil seiner Konstruktion: Es soll andere Aufgaben erfüllen.
Die Vergangenheit zeigt allerdings ein klares Muster, das in unserem Geldsystem angelegt ist: Diese Flexibilität ist über längere Zeiträume mit einer steigenden Geldmenge und einem steigenden Preisniveau einhergegangen. Für den Sparer bedeutet das: Die Kaufkraft einer Geldeinheit nimmt ab.
Und hier trennen sich die Perspektiven.
Denn der Sparer verfolgt ein anderes Ziel. Wer heute auf Konsum verzichtet, möchte in fünf, zehn oder zwanzig Jahren möglichst viel von jener Kaufkraft wieder vorfinden, auf die er heute verzichtet hat.
Für ihn hat Begrenztheit deshalb eine herausragende Bedeutung: Was nicht beliebig vermehrt werden kann, kann auch nicht durch zusätzliche Einheiten verwässert werden.
Elastizität für das System. Begrenztheit für den Sparer.
Elastizität kann eine Stärke des Geldsystems sein.
Absolute Begrenztheit ist eine Stärke für den Sparer.
Wie deutlich dieser Gegensatz wird, zeigt bereits das offizielle Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent. Schon dadurch verliert Geld nach zehn Jahren rund 18 Prozent, nach zwanzig Jahren bereits rund 33 Prozent seiner Kaufkraft.
Wird das Inflationsziel erreicht, funktioniert es wie vorgesehen. Für den Sparer bedeutet das zwangsläufig Kaufkraftverlust. Und der ist längst Realität: Seit Einführung des Euro 1999 hat die gemeinsame Währung laut Eurostat rund 44 Prozent ihrer Kaufkraft verloren.
Wer Kaufkraft langfristig bewahren möchte, sucht deshalb nach Alternativen. Er investiert in Aktien, Immobilien oder Gold und verlagert sein Erspartes damit vom Geld in andere Vermögenswerte.
Der Sparer wird zum Investor, um Sparer bleiben zu können.
Zumindest in der Theorie. Denn allein in Deutschland liegen inzwischen mehr als drei Billionen Euro in Bankeinlagen. Seit Ende 2002 hat sich dieser Betrag mehr als verdoppelt. Viele Menschen sparen also weiterhin im Geld selbst, obwohl Inflation dessen Kaufkraft aufzehrt.
Was macht einen guten Wertspeicher aus?
Intuitiv scheint die Antwort klar: möglichst wenig Schwankung.
Doch hier lohnt sich ein genauerer Blick. Denn bei einem Wertspeicher zählt nicht nur, wie stark sein Preis zwischenzeitlich schwankt, sondern auch, wann der Sparer wieder auf sein Erspartes angewiesen ist. Kaufkraft über ein Jahr zu erhalten, ist eine völlig andere Herausforderung, als sie über Jahrzehnte oder sogar Generationen zu transportieren.
Je kürzer der Planungshorizont, desto schwerer wiegen zwischenzeitliche Preisschwankungen. Je länger er ist, desto stärker rückt der Erhalt der Kaufkraft in den Vordergrund.
Gold ist dafür wahrscheinlich das am wenigsten umstrittene Beispiel.
Gold: Wertspeicher trotz 70 Prozent Kursverlust
Gold dient seit Jahrtausenden als Wertspeicher und wird bis heute von Zentralbanken als Reservevermögen gehalten.
Preisstabil war es trotzdem nie.
In den 1990er-Jahren notierte Gold zeitweise rund 70 Prozent unter seinem früheren Höchststand. Und selbst aktuell liegt der Goldpreis rund 25 Prozent unter seinem jüngsten Rekordhoch.
Preisstabilität wäre für einen Wertspeicher zwar wünschenswert. Voraussetzung für langfristigen Kaufkrafterhalt ist sie offensichtlich nicht.
Wer sein Erspartes allerdings kurzfristig wieder benötigt, wird geringe nominale Schwankungen bevorzugen. Mit Bargeld kommt er diesem Ziel wesentlich näher. Über längere Zeiträume rückt jedoch eine andere Größe in den Vordergrund: die Kaufkraft.
Wie deutlich diese über längere Zeiträume sinken kann, zeigen Beispiele aus verschiedenen Währungen und Zeiträumen: Der US-Dollar hat seit 1913 rund 96 Prozent seiner Kaufkraft verloren, das britische Pfund seit 1970 rund 94 Prozent und der Euro seit seiner Einführung rund 44 Prozent.
Ein stabiler nominaler Preis und ein stabiler Speicher von Kaufkraft sind schlicht nicht dasselbe.
Wenn Begrenztheit digital wird
Wenn Begrenztheit eine zentrale Eigenschaft eines Wertspeichers ist, stellt sich eine naheliegende Frage:
Was wäre, wenn Begrenztheit nicht mehr nur physisch und relativ, sondern erstmals digital und absolut wäre?
2009 entstand erstmals ein digitales Gut, dessen maximale Menge im Regelwerk auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist.
Was bei Gold die Natur begrenzt, begrenzt bei Bitcoin das Netzwerk. Mit einem entscheidenden Unterschied: Der Goldbestand kann weiterwachsen. Die maximale Menge von Bitcoin nicht.
Für ein elastisches Geldsystem wäre eine solche absolute Begrenztheit ungeeignet. Für einen Sparer erfüllt sie dagegen genau jene Anforderung, die das Geldsystem bewusst nicht erfüllen will.
Bitcoin muss gar nicht das bessere Geldsystem sein. Entscheidend ist eine andere Frage: Kann ein absolut begrenztes digitales Gut Kaufkraft über lange Zeiträume speichern?
Bitcoin: Wertspeicher für das digitale Zeitalter?
Bitcoin vereint eine bislang beispiellose Kombination von Eigenschaften: absolute Begrenztheit, Teilbarkeit in kleinste Einheiten, weltweite Übertragbarkeit rund um die Uhr und die Möglichkeit zur Selbstverwahrung. Bitcoin kennt weder das Rückzahlungsrisiko eines Emittenten noch das unternehmerische Risiko einer Aktie.
Damit unterscheidet er sich fundamental von Aktien, Anleihen oder Immobilien. Näher liegt der Vergleich mit Gold.
Auch Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden. Sein Wert lässt sich nicht aus zukünftigen Zahlungsströmen ableiten. Seine Funktion als Wertspeicher beruht wesentlich auf seinen Eigenschaften.
Bitcoin überträgt die Logik eines klassischen Wertspeichers in die digitale Welt.
Das allein macht ihn allerdings noch nicht zu einem bewährten Wertspeicher.
Bitcoin hat in seiner noch jungen Geschichte wiederholt massive Kurseinbrüche erlebt. Wer diese Schwankungen kleinredet, macht es sich zu einfach. Wer Bitcoin deshalb als Wertspeicher ausschließt, allerdings auch.
Vor zehn Jahren notierte Bitcoin bei rund 586 US-Dollar. Heute liegt sein Preis selbst nach der jüngsten Korrektur von rund 120.000 auf etwa 63.000 US-Dollar noch mehr als hundertmal höher. Das entspricht einer annualisierten Rendite von rund 59 Prozent über zehn Jahre.
Die zwischenzeitlichen Einbrüche waren enorm. Der langfristige Wertzuwachs war es ebenfalls.
Volatilität beschreibt den Weg. Für einen langfristigen Wertspeicher zählt vor allem, was am Ende dieses Weges mit der Kaufkraft passiert ist.
Der gewichtigere Einwand liegt für mich deshalb an anderer Stelle: in seiner kurzen Geschichte.
Gold hat sich über Jahrtausende unter unterschiedlichsten politischen, wirtschaftlichen und monetären Bedingungen bewährt. Bitcoin existiert erst seit 2009.
17 Jahre sind im Vergleich dazu kaum mehr als ein Augenblick.
Wir wissen nicht, wie sich Bitcoin über Generationen hinweg bewähren wird. Wer ihm heute bereits denselben Track Record wie Gold zuschreibt, überspringt einen entscheidenden Teil der Beweisführung.
Das ändert allerdings nichts an den Eigenschaften, die Bitcoin besitzt. Und als digitales Gut eröffnet er zusätzlich Möglichkeiten, die Gold aufgrund seiner physischen Natur nicht bieten kann.
Zwei Aufgaben. Zwei Perspektiven.
Die oft so erbittert geführte Gelddebatte beruht möglicherweise auf einer fundamentalen Verwechslung: Wir erwarten von einem Geldsystem und einem Wertspeicher dieselben Eigenschaften.
Unser Geldsystem braucht Elastizität.
Der Sparer sucht Begrenztheit.
Das ist kein Widerspruch. Es sind unterschiedliche Anforderungen.
Bitcoin muss den Euro deshalb nicht ersetzen. Ein funktionierendes Kreditgeldsystem und ein absolut begrenzter Wertspeicher schließen einander nicht aus. Sie lösen unterschiedliche Probleme.
Und damit verändert sich auch die Frage, die wir Bitcoin stellen.
Meist wollen wir wissen, wie hoch sein Preis noch steigen kann. Für einen Sparer ist eine andere entscheidender: Wie viel Kaufkraft kann Bitcoin über Jahrzehnte bewahren?
Denn Sparen bedeutet nicht, möglichst schnell reicher zu werden. Es bedeutet, Kaufkraft, auf die wir heute verzichten, in die Zukunft zu übertragen.
Mit Bitcoin entstand etwas, das es zuvor nicht gab: ein digitales Gut mit absoluter Begrenztheit, das ohne zentralen Emittenten auskommt.
Gelingt der langfristige Beweis als Wertspeicher, ist Bitcoin weit mehr als ein Investment.
Dann ist Bitcoin die Spartechnologie des 21. Jahrhunderts.
Christian Karl ist Trainer, Speaker und Experte für die Integration traditioneller Finanzmärkte und Bitcoin. Nach acht Jahren als Fondsmanager ist er heute SRI Advisor und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für derivative Finanzprodukte. Sein Buch »Bitcoin verstehen – 101 Antworten für kritische Köpfe« ist am 30. 11. 2025 erschienen.
Bildbeiträge: Christian Karl; Symbolbild