Viele Menschen glauben, gute Redner seien als solche geboren. Andreas Tissen erlebt seit Jahren das Gegenteil. In seinen Trainings begleitet er Menschen, die anfangs kaum vor einer Gruppe sprechen können und später große Bühnen füllen. Mit seinem neuen Buch »Once Upon a Stage« greift er genau diese Erfahrungen auf und zeigt, warum wahre Wirkung nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch Persönlichkeit. Im Interview spricht er über die häufigsten Denkfehler rund um Rhetorik, den Unterschied zwischen Wirkung und Inszenierung – und darüber, warum echte Persönlichkeit gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.
Herr Tissen, die größte Angst vieler Menschen ist, vor anderen zu sprechen. Sie bringen seit vielen Jahren Menschen auf die Bühne. Gibt es Fälle, in denen auch Sie nicht weiterkommen?
Ja. Und genau das war eine meiner wichtigsten Erkenntnisse. Ich kann niemandem Charisma beibringen, der versucht, jemand anderes zu sein.Viele glauben, sie müssten lernen zu sprechen. Tatsächlich müssen sie zuerst aufhören, sich zu verstecken. Das größte Hindernis ist nicht die Angst, sondern die Maske.
Also kommt die Fähigkeit später? Muss man erst den Mut haben, unperfekt anzufangen?
Absolut. Perfektion ist oft die eleganteste Form der Angst. Die besten Redner beginnen selten perfekt. Sie beginnen mutig. Authentizität schlägt Perfektion – jedes Mal.
Wie stark neigen Menschen dazu, auf der Bühne eine Rolle zu spielen? Und woran scheitert das?
Das betrifft fast alle. Sobald eine Kamera angeht oder sie eine Bühne betreten, glauben viele, erfolgreicher, intelligenter oder souveräner wirken zu müssen. Doch Menschen vertrauen keiner perfekten Rolle. Sie vertrauen echten Menschen. Interessanterweise gilt das auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. KI kann brillante Texte schreiben. Sie kann Emotionen simulieren. Aber sie kann keine echte Persönlichkeit ersetzen. Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Formulierungen. Vertrauen entsteht durch Echtheit.
Was war der eindrucksvollste Fall in Ihrer Karriere?
Ich hatte Teilnehmer, die ihren eigenen Namen kaum vor einer Gruppe aussprechen konnten. Einige Jahre später standen dieselben Menschen vor mehreren tausend Zuhörern auf der Bühne. Beeindruckend war dabei nie die Größe der Bühne, sondern der Moment, in dem sie aufgehört haben, jemand anderes sein zu wollen.
Hilft Bühnenpräsenz auch Menschen, die eigentlich gar nicht auf klassischen Bühnen stehen?
Heute mehr denn je. Denn heute steht jeder auf einer Bühne – die einen auf Konferenzen, andere in Zoom-Meetings, viele auf LinkedIn, Instagram oder vor einer Webcam. Wer heute sichtbar ist, spricht. Wer sprechen kann, führt. Und wer führen kann, bleibt auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz relevant.
Ich glaube, genau darin liegt die eigentliche Veränderung: Früher war Wissen Macht. Heute kennt KI nahezu jede Antwort. In Zukunft gewinnt nicht derjenige, der am meisten weiß, sondern derjenige, dem Menschen vertrauen.
Deshalb entwickelt sich SpeakUp vom klassischen Rhetoriktraining zu einem Programm für persönliche Wirkung, Vertrauen und Leadership im KI-Zeitalter. Am Ende geht es um eine einzige Frage: Wie bleibt ein Mensch unersetzbar, wenn künstliche Intelligenz immer intelligenter wird?

Andreas Tissen ist Keynote Speaker, Motivationsexperte und Buchautor. Seit vielen Jahren begleitet er Führungskräfte und Unternehmer dabei, ihre Präsenz und Überzeugungskraft auf der Bühne und im beruflichen Alltag zu stärken.
Beitragsbild: privat










