Splitbild: Führungskraft (links), Bernhard Stefan-Müller (rechts)

Warum gute Führung wieder unbequem werden muss

Ein Expertenbeitrag von Bernhard-Stafan Müller

Viele Führungskräfte wollen heute vor allem eines sein: beliebt.
Verständlich. Anerkennung fühlt sich gut an. Harmonie auch. Und Konflikte kosten Energie.
Das Problem ist nur: Unternehmen brauchen keine Beliebtheit. Sie brauchen Richtung.Und Richtung entsteht nicht durch Zustimmung, sondern durch Entscheidungen.
In den letzten Jahren hat sich Führung schleichend verändert. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Unsicherheit. Führungskräfte sollen empathisch sein, nahbar, verständnisvoll. Sie sollen coachen, moderieren, begleiten. All das ist richtig – aber unvollständig.
Denn Führung ohne Klarheit ist keine Führung. Sie ist ein Ausweichen. Wenn Führung gefallen will, verliert sie ihre Wirkung
In vielen Unternehmen sieht man heute ein ähnliches Muster: Entscheidungen werden vertagt.
Feedback wird abgeschwächt. Konflikte werden vermieden.
Nicht, weil die Probleme nicht erkannt werden – sondern weil man niemanden vor den Kopf stoßen will.
Das Ergebnis ist paradox: Je mehr Rücksicht genommen wird, desto größer wird die Unsicherheit.
Je harmonischer es nach außen wirkt, desto unklarer wird es im Inneren.
Mitarbeiter spüren sehr genau, wenn Führung nicht mehr führt.
Wenn Erwartungen unklar bleiben. Wenn Leistung nicht benannt wird. Wenn Verantwortung diffus wird.
Das erzeugt keine Sicherheit – sondern Orientierungslosigkeit.

Die unbequeme Wahrheit über gute Führung

Gute Führung bedeutet nicht, gemocht zu werden. Gute Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn es unbequem ist.
Unbequem heißt:
  • klare Entscheidungen treffen, obwohl sie nicht allen gefallen
  • ehrliches Feedback geben, auch wenn es Spannung erzeugt
  • Konsequenzen ziehen, wenn jemand dauerhaft nicht passt
Nicht aus Härte. Sondern aus Verantwortung. Denn nichts ist respektloser, als Probleme zu kennen und sie trotzdem nicht anzusprechen.

Unbequem heißt nicht unmenschlich

An dieser Stelle wird Führung oft missverstanden. Unbequem wird gleichgesetzt mit autoritär. Klarheit mit Kälte. Konsequenz mit Rücksichtslosigkeit.
Das Gegenteil ist der Fall. Unbequeme Führung ist oft die ehrlichste Form von Wertschätzung.
Sie nimmt Menschen ernst. Sie traut ihnen zu, mit Wahrheit umzugehen. Sie schafft Klarheit dort, wo sonst Gerüchte und Unsicherheit entstehen.
Wer nicht sagt, woran jemand ist, handelt nicht empathisch – sondern konfliktscheu.

Warum wir diese Art von Führung verlernt haben

Ein Grund liegt im Zeitgeist. Ein anderer in der Geschwindigkeit, mit der sich Unternehmen verändern.
Digitalisierung, KI, neue Arbeitsmodelle – all das erhöht den Druck. Und unter Druck neigen Menschen dazu, Konflikte zu vermeiden. Man will stabilisieren, beruhigen, niemanden verlieren. Doch genau in Phasen des Wandels braucht es Führung, die Haltung zeigt.
Nicht laut. Nicht dominant. Aber klar.
Mitarbeiter erwarten heute nicht Perfektion. Sie erwarten Orientierung.

Klarheit schafft Sicherheit – nicht Harmonie

Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass alles angenehm ist. Sicherheit entsteht dadurch, dass Menschen wissen, woran sie sind.
Was wird erwartet? Was ist verhandelbar – und was nicht? Wofür stehen wir? Wofür nicht?
Diese Fragen zu beantworten ist unbequem. Aber sie sind die Grundlage für Vertrauen. Denn Vertrauen entsteht nicht durch Nettigkeit.Sondern durch Verlässlichkeit.

Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb

Wer führt, übernimmt eine Rolle. Und Rollen bringen Verantwortung mit sich. Nicht jede Entscheidung wird Applaus bekommen. Nicht jede Klarstellung wird gemocht. Nicht jedes Gespräch wird angenehm sein.
Aber Führung, die versucht, es allen recht zu machen, macht es am Ende niemandem recht – am wenigsten dem Unternehmen. Oder anders gesagt: Unternehmen scheitern selten an fehlenden Konzepten. Sie scheitern an Führungskräften, die sich nicht trauen, Verantwortung wirklich zu tragen.

Ein Plädoyer für erwachsene Führung

Wir brauchen keine Rückkehr zu autoritären Strukturen. Aber wir brauchen eine Rückkehr zu Klarheit, Haltung und Konsequenz.
Führung darf wieder unbequem sein. Nicht, weil Menschen weniger wichtig sind – sondern weil sie es wert sind, ernst genommen zu werden.
Wer Verantwortung trägt, darf sie nicht verwalten. Er muss sie leben.
Und manchmal heißt das, Entscheidungen zu treffen, die nicht populär sind – aber richtig.
Bernhard Stefan Müller mit BoxhandschuhenDer Autor: 
Bernhard-Stefan Müller ist Experte für Transformation, Unternehmensaufbau und Restrukturierung.
Mit seinem Team berät er Kunden im DACH-Raum sowie in der MENA-Region.
Beitragsbilder: Burnz Neuner, Depositphotos / mavoimages