Lampenfieber – die einen lähmt es, die anderen bringt es zu Höchstleistungen. Doch was braucht es, um Anspannung in Antrieb zu verwandeln? Zwei, die es wissen müssen, sind Eva Habermann und Ida von Wegen, stehen sie doch allein von Berufs wegen selbst oft im Rampenlicht. Für ihr kürzlich erschienenes Buch haben sie mit Prominenten über das Phänomen Lampenfieber gesprochen – uns gegenüber erklären sie, warum für den nachhaltigen Erfolg manchmal ein wenig Nervenkitzel nötig ist.
Frau Habermann, Frau von Wegen, was ist Lampenfieber überhaupt und wie entsteht es im Körper?
Eva Habermann: Lampenfieber ist die Angst zu versagen, wenn eine Leistung auf den Punkt genau abgerufen werden soll. Der Mensch ist ein soziales Wesen und möchte gemocht werden. Wenn wir also vor vielen unserer Mitmenschen stehen, besteht die unbewusste Angst, abgelehnt zu werden. In der Steinzeit hätte das bedeutet, vom wärmenden Feuer ausgeschlossen zu werden und allein in der Wildnis zu verhungern. Heute fühlt sich das psychologisch ähnlich an – es ist die Angst vor sozialer Abwertung. Und wenn man fragt, wo Lampenfieber eigentlich entsteht, landet man im limbischen System des Gehirns, genauer gesagt in der Amygdala, unserem Angstzentrum. Sie ist dafür zuständig, Gefahren zu erkennen (oder besser gesagt: das, was sie für eine Gefahr hält).
Ida von Wegen: Das Problem ist: Die Amygdala überprüft nicht, ob diese Bedrohung real ist. Sie reagiert einfach reflexartig frei nach dem Motto »Better safe than sorry«; also nach dem Prinzip »Lieber Vorsicht als Nachsicht«. Daraufhin schüttet der Körper ein Gemisch an Stresshormonen aus, die sofort den gesamten Organismus erfassen und in Alarmbereitschaft oder im positiven Fall zur Leistungsbereitschaft zu bringen. Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin. Wir mobilisieren alle unsere verfügbaren Kräfte. Der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an, die Verdauung wird gedrosselt, die Atmung wird flacher. All das sind eigentlich sinnvolle Reaktionen, um in Sekundenbruchteilen zu kämpfen oder zu fliehen. Der Körper will helfen, aber er wählt das völlig falsche Programm.
Wenn man an Lampenfieber denkt, denkt man automatisch an eine Bühne. Aber Lampenfieber kann auch in sehr viel kleineren Situationen entstehen, oder?
Eva Habermann: Lampenfieber hat man immer in Situationen, in denen einem etwas wichtig ist. Man mobilisiert alle Kräfte, um eine Aufgabe wirklich gut zu meistern – sei es bei einem Wettkampf, einer Performance, einem Meeting oder auch bei einem ersten Date. Das alles sind kleine Alltagsbühnen.
Ida von Wegen: Und gleichzeitig lauert die Angst, zu scheitern, nicht zu genügen oder einfach nicht gut anzukommen. Deshalb findet Lampenfieber bei weitem nicht nur auf der Bühne statt, auch wenn man es am häufigsten damit verbindet. Das liegt natürlich am Namen selbst – »Lampenfieber« – weil man im Licht der Scheinwerfer steht oder im übertragenen Sinne »gesehen wird«.
Man denkt immer, große Redner und Schauspieler kennen kein Lampenfieber mehr. Im Buch hört sich das aber ganz anders an?
Ida von Wegen: Im Buch erzählen uns bekannte Persönlichkeiten wie Harald Schmidt, Eckart von Hirschhausen, Frauke Ludowig oder Oliver Kalkofe, dass sie jedes Mal Lampenfieber haben, bevor sie auf die Bühne oder auf Sendung gehen. Heute aber wissen sie, damit umzugehen.
Eva Habermann: Wenn ich mich oft genug einer Situation gestellt habe und es immer gut gegangen ist, stuft mein Körper die Situation irgendwann als weniger gefährlich ein, egal ob ich ein Auftrittsprofi oder ein Laie bin. Allerdings kann Lampenfieber jederzeit zurückkehren, besonders bei neuen oder ungewohnten Herausforderungen. Wenn ich mich in etwas noch unsicher fühle, nicht optimal vorbereitet bin oder zweifle, ob ich die Erwartungen erfüllen kann, kann die Aufregung genauso stark sein wie beim ersten Mal.
Kann Lampenfieber in bestimmten Situationen auch brenzlig werden?
Eva Habermann: Ja, das kann passieren. Lampenfieber ist an sich nichts Gefährliches, aber es kann uns in Situationen bringen, in denen wir uns selbst blockieren oder panisch werden. Wenn die Aufregung so stark wird, dass wir keinen klaren Gedanken mehr fassen können, die Stimme versagt oder der Körper erstarrt, etwa wenn man eine Rede halten, eine Prüfung ablegen oder eine Vorstellung spielen muss, spricht man eher von Auftrittsangst. Das ist der Moment, in dem der Körper die Kontrolle übernimmt und in einen Fluchtmodus schaltet, obwohl keine reale Gefahr besteht. Plötzlich fühlt man sich ausgeliefert. Diese Situationen können sich anfühlen, als bekäme man gleich einen Herzinfarkt.
Ida von Wegen: Physische Symptome lösen dann neue Ängste aus, sodass sich die Angst vor der Angst und die Reaktion des Körpers gegenseitig verstärken – wie in einer Spirale. Wichtig ist zu verstehen, dass dieser Zustand nichts mit mangelndem Talent oder schlechter Vorbereitung zu tun hat, sondern mit einer übersteigerten Alarmreaktion auf eine vorübergehende Überforderung. Hier hilft es, den Körper zu beruhigen – durch Atmung, kleine Bewegungen, einen Schluck Wasser trinken oder einen klaren Gedanken wie: »Ich bin sicher. Ich darf hier sein.«
Was sind die drei besten Tipps gegen Lampenfieber?
Eva Habermann: Mein allerliebster Tipp ist: Sei wirklich gut vorbereitet. So banal das klingt: Vorbereitung ist die beste Beruhigung. Je besser du vorbereitet bist, desto sicherer fühlst du dich. Geh deine Präsentation oder deine Szene mehrmals durch – am besten vor deiner Familie, deinen Freunden. Dann ist es beim Auftritt nicht mehr das erste Mal. Ich empfehle auch, kleine Hilfen dabeizuhaben: Karteikarten mit Stichpunkten oder Notizen im Handy, auf die du notfalls kurz schauen kannst. Allein zu wissen, dass du etwas zum Nachsehen hast, gibt dir Sicherheit. Mein zweiter Tipp: Lenk dich ab! Wenn mich kurz vor einem Auftritt die Aufregung überrollt, setze ich mich hin und spiele Handyspiele. Ja, wirklich! Zum Beispiel Tetris. Es funktioniert, weil ich mich dann voll darauf konzentriere, kleine Steine zu sortieren und keine Kapazität mehr habe, über meine Angst nachzudenken. So trickse ich mein Gehirn aus und signalisiere: Alles ist in Ordnung. Und mein dritter Tipp: Mach dich groß! Ich singe, bewege mich, werde laut, strecke mich in alle Richtungen, spreche mir Mut zu. Das bringt mich in meinen Körper, macht mich wach und lässt mich Raum einnehmen.
Kann man Lampenfieber irgendwann ganz eliminieren?
Ida von Wegen: Nein – und das ist auch gar nicht das Ziel. Lampenfieber gehört zu uns. Es ist keine Schwäche, sondern eine Form von Energie. Wenn man versteht, was im Körper passiert, verliert es seinen bedrohlichen Charakter. Dann wird aus der Angst eine Aktivierung, aus der Nervosität eine Konzentration. Das Lampenfieber bewusst zu akzeptieren, hilft uns dabei, die Situation zu kontrollieren. Lampenfieber ganz zu eliminieren wäre sogar schade, denn es zeigt, dass uns etwas wichtig ist. Ohne Lampenfieber wären wir gleichgültig. Es sorgt dafür, dass wir wach, präsent und konzentriert sind. Und genau das ist es, was uns letztlich stark macht auf der Bühne, im Beruf und im Leben.
Unsere Gesprächspartnerinnen: Eva Habermann (r.) ist als Schauspielerin, Ida von Wegen (l.) als Autorin und Unternehmerin bekannt. Ihr gemeinsames Buch »Lampenfieber lieben lernen« ist am 29. September erschienen.
Beitragsbild: IMAGO / pictureteam (Matthias Gränzdörfer)
Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Archivbeitrag.











