Poehm-ChatGPT

Warum ChatGPT dir keine tolle Rede liefern kann

Ein Gastbeitrag von Matthias Pöhm

Wenn du deine Rede mit ChatGPT erstellen lässt, erkennt man das auf Anhieb.

Knapp daneben und trotzdem vorbei

Ich hörte kürzlich die Laudatio einer Führungskraft. Es sprang einem an jeder Ecke ins Auge: Das war von ChatGPT. »Herr Hansen konnte mit seiner Kompetenz und Einfühlungsvermögen nachhaltige Wirkung hinterlassen.« So redet kein normaler Mensch. In der Rede benutzte er eine Metapher mit einem Pferd. Sie war knapp daneben und damit trotzdem vorbei.

Mittelmaß rein, Mittelmaß raus

ChatGPT schöpft aus Texten im Internet. Diese Texte sind erstens geschrieben. Der Mensch redet aber anders, als er schreibt. Zweitens sind die von ChatGPT eingelesenen Ausgangstexte schon mehrheitlich Mittelmaß. Aus Mittelmaß kann nur wieder Mittelmaß entstehen.

Zudem arbeitet ChatGPT mit Regeln, die der Rhetorik-Folklore entsprechen. Jeder kupfert sie ungeprüft nur ab. Diese Regeln sind oft Irrtümer. Man soll angeblich mit Zitaten um sich werfen. Das stimmt nicht. Deine eigenen Lebenserfahrungen wirken zehnmal stärker als Zitate von Einstein, Laotse oder Buddha.

Ich habe 50 solcher Irrtümer gesammelt. Einer davon lautet: »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.« Das klingt gut, ist aber falsch. Wenn du sagst »Wir müssen durchstarten«, und du zeigst dabei eine startende Rakete dann ist das peinlich. ChatGPT erkennt das nicht.

Die Metaphern sind schwach

Metaphern sind ein weiteres Problem. Achtzig Prozent der Metaphern von ChatGPT sind schwach. Die restlichen zwanzig Prozent musst du nachschärfen. Ohne Erfahrung merkst du nicht einmal, dass sie nicht funktionieren – so wie die oben erwähnte Metapher mit dem Pferd.

ChatGPT stellt auch PowerPoint nie infrage. Dabei ist PowerPoint oft eine gefühlte Nahtoderfahrung.

Generisch und unkonkret

ChatGPT arbeitet generisch. »Führung besteht aus Überzeugung und Klarheit.« Was mache ich mit diesem Satz? Oder »Wer sich Satzanfänge einprägt entwickelt Routine für überzeugende Kommunikation.« Das ist unanwendbares Bla Bla.

Dazu kommen endlose Und-Verknüpfungen. »Das ist nutzbringend UND karrierefördernd in Beruf UND Alltag bei Gesprächspartnern UND Vorgesetzten.« Wer alle Varianten in einem Satz unterbringen will, produziert unverbindlichen Wortbrei.

Es fehlen echte Beispiele

Oft fehlen Beispiele, oder es sind Beispiele, wo jeder erkennt: Das ist nie wirklich passiert. Und genau hier wird es kritisch: Wenn du ChatGPT nur sagst »Mach mir eine Rede über die Aufgabe von innerbetrieblichem Controlling« dann kommt dünner Inhalt heraus. Niemand weiß dann, was du erlebt hast, was in deiner Firma wirklich passiert ist und welche Überzeugungen du hast.

Die besten Geschichten fehlen

Das Dramatischste ist: Deine guten Geschichten fehlen. In meinen Rhetorikcoachings finde ich sie fast nie im Redeentwurf des Kunden. Ich finde sie im Gespräch, manchmal beim Mittagessen. Plötzlich erzählt er eine Szene, bei der ich sage: Genau DAS gehört in die Rede. ChatGPT kann das nicht. Es hat keinen Zugang zu deinen echten Erlebnissen.

Wirklich originelle Ideen kommen nicht von ChatGPT

Bei mir war der Inhaber einer KMU beim Rede-Coaching und er wollte ein unethisches Verhalten in seiner Firma beenden. Es gab Mitarbeiter, die haben bei der Arbeitszeit betrogen. Ich ließ ihn ein Symbol dafür auf ein Flipchart zeichnen. Dann riss er das Flipchartblatt herunter, zerknüllte es vor den Augen seiner 300 Mitarbeiter und sagte, »dieses Verhalten ist ab heute vorbei!« Auf so eine Idee würde ChatGPT niemals kommen.

Zwei Drittel der Wirkung liegt nicht im Text

Zwei Drittel deiner Wirkung besteht aus nonverbalen Elementen. Deine Gesten, deine Stimme, deine Pausen machen erst aus Musiknoten ein Konzert. Kein ChatGPT Text zeigt dir, wie du einen wichtigen Satz so betonst, dass es im Publikum knistert. Selbst wenn ChatGPT dir eine gute Rede liefern würde, entscheidet am Ende immer, wie du sie performst. Und genau diese Ebene fehlt komplett.

Fazit

Punktuell kann ChatGPT helfen. Es kann kürzen, Beispiele liefern, eine Pointe verbessern aber insgesamt keine bewegende Rede erstellen.

 

Der Autor

Matthias Pöhm ist einer der bekanntesten Rhetoriktrainer im deutschen Sprachraum, Bestseller-Autor und Speaker. Er wird von Spitzenkräften aus Politik und Wirtschaft als Rhetorik-Coach gebucht, wenn Reden ihr Ziel erreichen sollen. Er veranstaltet das einzige Rhetorik-Seminar Europas, bei dem die Redner vor 100 Menschen präsentieren.

 

 

Bildbeitrag: Matthias Pöhm, IMAGO / Christian Ohde