Bill: Die jetzige. Umso älter man wird, desto mehr nimmt man diesen ganzen Wahnsinn auch wahr. Als Teenager war es mehr ein Rausch. Für mich fühlt sich die jetzige Periode besser an. Als junger Mensch geht man das alles mit einer Leichtigkeit an. Heute fällt uns vieles schwerer. Einen Tag durcharbeiten tut man nicht mehr so leicht wie mit 15. Nach einer Tournee ist man urlaubsreif. Als junger Mensch hat man auch weniger Ängste. Von der Kreativität her ist die Band aber heute besser als je zuvor.
Wir haben erst mal ein Jahr gar nichts gemacht. Mit 20 wollten wir dann auch erstmal ein ganz normales Leben leben. Wir haben die Jahre vorher als Person außerhalb der Band gar nicht existiert.
Wir haben schon immer ein Autoritätsproblem. Wir haben immer sehr darum gekämpft, alles mitzubestimmen. Wir waren bei den Firmen immer unbeliebt, wir waren immer die komplizierte Band. Aber auf Grund unseres Erfolgs konnten wir uns das leisten. Die Band gab es ja auch vorher schon, das war unser Baby. Wir wollten das alles unter Kontrolle behalten. Trotzdem mussten wir uns in dem Konstrukt mit Major-Label etc. arrangieren. Das war bei dem aktuellen Album sehr schön, dass wir es komplett allein gemacht haben. Selbst geschrieben, selbst produziert.
Bill: Zumindest hatten wir das Gefühl, dass man nirgends hingehört. Man ist so weit weg von den Menschen. Mir gefiel das nicht. Ich liebe es, mich mit Menschen zu umgeben.
Bill: Wir wollten schon immer gerne Verantwortung übernehmen. Wir sind damals mit 15 ausgezogen, hatten unsere eigene Wohnung, haben dann die ganzen Firmen um die Band herum gegründet und saßen ständig mit Anwälten und Steuerberatern am Tisch. Aber je älter wir werden, desto mehr wollen wir den Rucksack auch wieder loswerden.
Tom: Es wäre besser gewesen, hätten wir damals nicht so viel Verantwortung getragen. Wir haben uns immer viel aufgeladen – schon während der Schulzeit.
Bill: Aber je älter man wird, will man dem Erfolg auch gerecht werden. Ich gehe heute nicht mehr so unbeschwert auf die Bühne wie mit 14. Ich muss mir die Leichtigkeit immer zurück holen. Das haben wir beim neuen Album auch gemacht, zurück zu den Anfängen, als es nur um die Musik ging. Deshalb haben wir es komplett selbst geschrieben und produziert – ohne Plattenfirma und Management. Zum Glück sind wir an einem Punkt in unserer Karriere, wo es nur noch um den Spaß geht. Wir wollen fernab der Musikindustrie Dinge machen, auf die wir Lust haben.
Tom: Das wird einem dann besonders bewusst, wenn die Menschen einem die Stories erzählen. Heute merkt man das eher als früher. Das ging an einem vorbei.
Bill: Man ist auch überfordert damit. Wenn ein Fan vor dir steht und heult, da kommt ganz schön Energie zusammen. Mich hat es auch ausgesaugt, diese ganzen Geschichten zu hören.
Bill: Geld macht schon etwas mit einem. Ich fand an Geld immer schön, dass es einem Freiheit geben kann. Wir wollten nie abhängig von jemandem sein – auch, als wir ganz jung waren schon. Wir haben unser Taschengeld damals schon als Budget gesehen und wollten es selbst verwalten.
Tom: Heute machen wir mit unserem Geld genau das, was wir immer wollten.
Bill: Geld muss Spaß machen. Ich will was erleben. Wahrscheinlich müssten wir vernünftiger damit umgehen. Aber wir investieren zum Beispiel viel in unsere eigene Karriere. Teure Videos, teure Produktionen, Auftritte. Das meiste Geld geben wir für Tokio Hotel aus.
Tom: Die besten Ideen entstehen meist aus einer Notsituation heraus. Wenn dir zum Beispiel nicht gefällt, was Produzenten aus deiner Musik machen, machst du es lieber selbst. Wenn du unzufrieden bist mit einer Situation, entstehen daraus gute Lösungen.
Bill: Ein Leben ohne Regelbruch kommt für mich gar nicht in Frage.
Bill: Mein Stiefvater hat mir damals den Film Labyrinth mit David Bowie gezeigt. Der Mann hat mich wahnsinnig inspiriert. Ich hatte ja sogar die selben Haare. Ich habe auch Nena gern gehört. Ich hatte aber nie ein Vorbild, von dem ich Poster an der Wand gehabt hätte. Aber es gab natürlich Künstler, die mich inspiriert haben.
Bill: Die sind leider alle tot. Bowie, Prince, die fand ich außergewöhnlich. Depeche Mode würde ich gerne mal treffen – die fand ich schon immer toll.
Tom: Die Fans hätten sich am meisten gefreut, wenn wir es machen würden wie Avril Lavigne, die seit gefühlten 40 Jahren das selbe macht. Das ist auch der einfachere Weg. Finanziell wäre es auch interessanter. Aber wir haben noch nie nach dem Geld entschieden. Wir haben uns als Menschen einfach verändert.
Bill: Ich könnte dir so viele Mails zeigen, wo Leute schreiben, dass wir Karriere-Selbstmord begehen. Aber wir wollen das nicht so wie Avril Lavigne oder Pink, die heute noch das selbe machen wie am Anfang.
Tom: Bei uns gibt es keine Trennlinie zwischen Beruf und Leben. Wir sind unsere Musik. Wir gehen nicht „zur Arbeit“. Es ist alles ein und das selbe. Deshalb spiegeln wir uns auch in unserer Musik.
Bill: Weil wir total gerne feiern. Das Nachtleben hat mich schon immer angezogen. Auch die Abgründe der Menschen. Ich wollte auch immer schon mal einen Junkie in einem Film spielen. Ich sehe mir das auch gerne live an, wenn Menschen aus der Rolle fallen. Alltag finde ich schlimm, ich will was erleben. Wenn wir abends weg gehen, bringen wir oft 20 Leute zusammen, die sonst nie etwas miteinander zu tun hätten. Deshalb einen Nachtclub. Am liebsten in L.A. Da gibt es nicht das Nachtleben, das wir hier kennen.