Warum Bitcoin ganz anders verstanden werden muss
Ein Expertenbeitrag von Christian Karl
Ob Aktienmarkt, Rohstoffe oder Währungen: Kaum ein Konzept beschreibt die Stimmung an den Finanzmärkten so treffend wie „Risk-on“ und „Risk-off“. In Phasen der Euphorie fließt Kapital in wachstumsstarke, spekulative Anlagen. In unsicheren Zeiten rückt dagegen der Kapitalerhalt in den Vordergrund.
Die Einteilung wirkt auf den ersten Blick simpel.
Aktien gelten als Risk-on.
Gold oder Staatsanleihen als Risk-off.
Und Bitcoin?
Für viele Marktteilnehmer scheint die Antwort klar zu sein:
hochvolatil, spekulativ, stark schwankend. Also eindeutig Risk-on.
Doch hier könnte eines der größten Missverständnisse rund um Bitcoin beginnen.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie sich ein Asset kurzfristig verhält, sondern auch, welche strukturellen Eigenschaften es langfristig besitzt.
An diesem Punkt wird die Einordnung weniger eindeutig.
Warum denken Märkte in Risk-on und Risk-off?
Die Begriffe stammen ursprünglich aus der US-Börsenberichterstattung und beschreiben die allgemeine Risikobereitschaft der Anleger.
In einem „Risk-on“-Umfeld herrscht Optimismus. Kapital fließt in Aktien, Technologiewerte, Hochzinsanleihen oder Rohstoffe. Anleger sind bereit, höhere Risiken einzugehen, um höhere Renditen zu erzielen.
In einem „Risk-off“-Umfeld passiert das Gegenteil. Unsicherheit, geopolitische Krisen oder wirtschaftliche Spannungen führen dazu, dass Kapital aus riskanteren Anlagen abgezogen wird. Gefragt sind dann klassische „sichere Häfen“ wie Gold, Staatsanleihen oder der Schweizer Franken.
Risk-on und Risk-off beschreiben also vor allem eines:
das Verhalten der Marktteilnehmer.
Bei Bitcoin wird diese Unterscheidung jedoch zentral.
Denn Verhalten und Struktur sind nicht zwangsläufig dasselbe.
Warum Bitcoin wie ein Risk-on-Asset wirkt
Kurzfristig spricht vieles dafür, Bitcoin als Risk-on-Asset einzuordnen.
In Stressphasen fällt Bitcoin häufig gemeinsam mit Technologieaktien. Besonders in den Jahren 2021 und 2022 bewegte sich Bitcoin auffallend stark mit dem Nasdaq. Als die US-Notenbank begann, die Geldpolitik zu straffen und die Zinsen anhob, gerieten sowohl Tech-Werte als auch Bitcoin massiv unter Druck.
Auch geopolitische Spannungen führen häufig zu reflexartigen Verkäufen. Anleger reduzieren Risiko, Liquidität wird wichtiger und spekulative Positionen werden abgebaut.
Für viele scheint deshalb klar:
Bitcoin reagiert wie ein klassisches Risk-on-Asset.
Und kurzfristig ist diese Beobachtung auch nicht falsch.
Bitcoin wird heute von Hedgefonds gehandelt, über ETFs gekauft und verkauft und von institutionellen Investoren zunehmend wie ein alternatives Investment behandelt. Gerät Liquidität unter Druck, trifft das häufig auch Bitcoin.
Doch daraus automatisch abzuleiten, Bitcoin sei strukturell ein Risk-on-Asset, greift möglicherweise zu kurz.
Denn hier wird ein entscheidender Denkfehler sichtbar:
Viele Marktteilnehmer verwechseln kurzfristiges Preisverhalten mit langfristigen Eigenschaften.
Was ist Risiko überhaupt?
Ist Risiko wirklich nur die Schwankung eines Preises?
Oder ist Risiko vielleicht auch:
Kaufkraftverlust durch Geldmengenausweitung?
Politische Eingriffe?
Gegenparteirisiko?
Die Abhängigkeit von Zentralbanken?
Kapitalverkehrskontrollen?
An dieser Stelle verändert sich die Perspektive auf Bitcoin.
Denn strukturell besitzt Bitcoin Eigenschaften, die eher für langfristige Stabilität als für kurzfristige Spekulation sprechen.
Bitcoin ist absolut begrenzt.
Das Regelwerk ist transparent und nicht beliebig veränderbar.
Es existiert keine zentrale Gegenpartei.
Das Netzwerk funktioniert unabhängig von Staaten oder Zentralbanken.
Eigentum kann direkt und global übertragen werden.
All das sind Eigenschaften, die auf langfristige Stabilität des Systems abzielen und nicht auf kurzfristige Spekulation.
Paradoxerweise wird Bitcoin kurzfristig wie ein Risk-on-Asset gehandelt, während seine Architektur gleichzeitig ausgeprägte Eigenschaften eines Risk-off-Assets besitzt.
Diese Unterscheidung wird am Markt bis heute oft weder erkannt noch verstanden. Viele betrachten Bitcoin primär als Handelsobjekt und nicht als das, was es eigentlich ist.
Der Markt bewertet vor allem die Gegenwart
Bitcoin ist erst wenige Jahre alt. Im Vergleich zu Gold, Staatsanleihen oder Fiat-Währungen befindet sich das Netzwerk noch immer in einer frühen Phase seiner monetären Entwicklung.
Hinzu kommt:
Der Markt betrachtet Bitcoin heute primär durch die Linse kurzfristiger Kursbewegungen.
Hohe Volatilität wird dabei automatisch mit hohem Risiko gleichgesetzt. Dabei haben selbst Gold oder Staatsanleihen in den vergangenen Jahren zwischenzeitlich erhebliche Kursverluste verzeichnet.
Die Frage ist deshalb nicht, ob Bitcoin schwankt.
Die Frage ist: Wogegen schützt Bitcoin langfristig?
Liegt das Missverständnis tiefer?
Die Finanzmärkte denken in Quartalen, Liquidität und Zentralbankpolitik. Bitcoin dagegen wurde als monetäres Netzwerk mit langfristigem Anspruch konzipiert.
Das erzeugt einen Spannungszustand.
Kurzfristig reagiert Bitcoin auf Liquidität, Zinsen und Marktstimmung wie andere Risikoanlagen auch. Gleichzeitig basiert das System jedoch auf Eigenschaften, die gerade als Reaktion auf die Schwächen des bestehenden Geldsystems entstanden sind.
Vielleicht erklärt das die widersprüchliche Wahrnehmung.
Bitcoin wird wie ein Risk-on-Asset gehandelt.
Langfristig könnte er jedoch deutlich stärker in Richtung Risk-off tendieren, als viele heute vermuten.
Die wichtigste Frage lautet daher womöglich nicht:
„Ist Bitcoin Risk-on oder Risk-off?“
Sondern:
Was passiert, wenn wir Risiko selbst falsch definiert haben?

Bildbeiträge: Georg Oberweger; KI-generiert










