»Das haben wir schon immer so gemacht.« Fünf Wörter, die in Unternehmen erstaunlich viel Macht haben. Sie können eine neue Idee stoppen, eine Veränderung beenden und eine Diskussion erledigen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Meist fällt der Satz nicht einmal böse. Er klingt vernünftig. Schließlich spricht aus ihm Erfahrung. Bewährtes gibt Sicherheit. Warum sollte man etwas ändern, das funktioniert?
Hier wird es interessant, denn »Das haben wir schon immer so gemacht« beantwortet keine Frage. Es beendet eine.
Kinder würden das kaum akzeptieren. Sie würden sofort nachhaken: Warum? Wer hat das entschieden? Was passiert, wenn wir es anders machen? Und wenn die Antwort nicht überzeugt, ist die Sache für sie noch lange nicht erledigt.
Unternehmen funktionieren anders. Dort hängen an Entscheidungen oft Investitionen, Verantwortlichkeiten, Arbeitsplätze und jahrelange Erfahrungen. Wer einen bestehenden Prozess infrage stellt, stellt damit manchmal auch die Entscheidungen derjenigen infrage, die ihn eingeführt haben. Das macht Veränderungen komplizierter, als sie auf dem Papier aussehen.
Hinzu kommt etwas sehr Menschliches: Was wir lange tun, fühlt sich irgendwann richtig an. Nicht unbedingt, weil es noch die beste Lösung ist, sondern weil wir uns daran gewöhnt haben. Aus »Das funktioniert« wird »Das funktioniert bei uns«. Aus »Das funktioniert bei uns« wird irgendwann »Das kann man bei uns nicht anders machen«. Genau hier wird Gewohnheit teuer.
Ein Kunde verändert sein Verhalten, aber der Vertriebsprozess bleibt derselbe. Mitarbeiter arbeiten anders, aber Besprechungen finden weiterhin statt wie vor zehn Jahren. Eine Technologie verändert einen Markt, doch die interne Antwort lautet: »Das haben wir bisher auch nicht gebraucht.« Niemand trifft bewusst die Entscheidung, stehen zu bleiben. Man bleibt stehen, weil niemand die Gewohnheit noch als Entscheidung erkennt.
Kinder machen uns etwas vor, das Unternehmen dringend brauchen können. Sie behandeln das Bekannte nicht automatisch als das Richtige.
Das bedeutet nicht, jede Tradition abzuschaffen und jeden Prozess ständig zu verändern. Gute Führung muss unterscheiden können, was bewahrt werden sollte und was nur noch aus Gewohnheit existiert. Dafür braucht es keine permanente Unruhe. Es braucht gute Fragen.
Warum machen wir das so? Was würde passieren, wenn wir es anders machen? Welche Annahme steckt eigentlich dahinter?
Die unbequemste Frage von allen dabei ist: Würden wir heute wieder so entscheiden, wenn wir diese Entscheidung noch einmal treffen müssten?
Das ist der Moment, in dem meine Kinderlogik für Unternehmen interessant wird. Kinder hinterfragen nicht aus Prinzip. Sie hinterfragen, weil ihnen der Grund noch nicht selbstverständlich ist. Diese Haltung kann auch für erfahrene Unternehmen wertvoll sein.
Eine Organisation wird nicht dadurch zukunftsfähig, dass sie alles verändert. Sie wird zukunftsfähig, wenn sie weiß, warum sie etwas beibehält.
Der Satz »Das haben wir schon immer so gemacht« ist nicht gefährlich, weil Tradition schlecht wäre. Er ist gefährlich, wenn niemand mehr weiß, ob dahinter noch eine gute Entscheidung steht.
Eine Frage, die Kinderlogik stellt: Was würden Sie in Ihrem Unternehmen heute anders machen, wenn Sie nicht wüssten, wie Sie es bisher gemacht haben?
Die Autorin:
Madlen Haß ist Unternehmerin, Pädagogin und Autorin. Sie gründete die Bildungseinrichtung »Schlausitz« und führt sie heute als Geschäftsführerin.