Hendrik Holt, Karl Ess, JP Kraemer (von links nach rechts)
Mein eigenes Verhältnis zur Justiz ist enttäuschend langweilig. Nicht einmal mit dem Finanzamt kann ich dienen. Das höchste der Gefühle in mehr als drei Jahrzehnten Unternehmertum: Zweimal musste ich für jeweils vier Wochen meinen Führerschein abgeben. Voller Fleiß hatte ich während der Autofahrt am Handy »gearbeitet«.
Beruflich geht es bei mir deutlich spektakulärer zu. Auf meiner Referenzliste stehen Unternehmen wie Microsoft, Pfizer, Allianz oder Philip Morris. Als Marketingberater werde ich gerufen, wenn es um mehr Umsatz, neue Kunden, Optimierung und Maximierung geht. »Die Geheimnisse der Umsatzverdoppler« gehört zu meinen erfolgreichsten Büchern.
Mein Beruf dreht sich also seit Jahrzehnten um ein ziemlich kurzes Wort: MEHR.
Und vielleicht interessiert mich gerade deshalb die Frage, wann aus mehr plötzlich zu viel wird.
Dr. Jürgen Schneider hatte diesen Punkt irgendwann ziemlich eindrucksvoll überschritten. Baulöwe. Milliardenpleite. Flucht nach Miami. Festnahme. Gefängnis. Nach seiner Haft saß er bei mir und kam direkt zur Sache: »Rankel, wenn einer mein Image wieder polieren kann, dann Sie.« Das muss man erst einmal bringen. Einen der größten Wirtschaftsskandale Deutschlands hinter sich, jahrelang im Gefängnis und danach zum Marketingberater. Diesmal war das Produkt, das wieder glänzen sollte, er selbst.
Einige Jahre später war ich Cheftrainer bei S&K und bildete deren Vertrieb aus. Wer damals eine ihrer Partys erlebte, bekam Erfolg als großes Kino serviert: Die beiden Gründer flogen mit dem Hubschrauber auf ihrer eigenen Party ein. Im Garten standen weiße Elefanten. Dazwischen Luxusautos, Champagner, schöne Frauen. Wer dort stand, sah keine Männer, bei denen eines Morgens 1.200 Ermittler vor der Tür stehen würden. Er sah Gewinner. Als ich das System durchschaute, beendete ich die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung. Später saßen die beiden im Gefängnis.
Jürgen Höller kenne ich ebenfalls seit vielen Jahren. Einer der erfolgreichsten Motivationstrainer Europas. Auf seinem legendären Motivationstag stand ich mehrfach selbst als Top-Speaker auf der Bühne. Tausende Menschen im Saal, Licht, Musik, Emotionen. Bei Maischberger bot Höller sich sogar als Motivationsminister an. Auch er saß im Gefängnis.
Und heute? Hendrik Holt auf der Flucht. Karl Ess in Haft – und selbstverständlich gilt erstmal die Unschuldsvermutung . JP Kraemer am Ende – so hat er es die Tage selbst auf seinen Accounts verkündet und wird seine Firmen schließen.
Drei Monate nach seiner Hochzeit gab es schon die ersten Videoaufzeichnungen, die ungefiltert Gewalt an seiner Frau aufzeigten. Wieder später eine öffentliche Entschuldigung bei seiner Schwester, weil er ihr vorgaukelte, die Mutter habe Suizid gemacht.
WIRKUNG UND WIRKLICHKEIT
Was haben diese Männer gemeinsam?
Grundsätzlich nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Genau dieser Drang ist der Motor vieler Erfolgsstorys. Ich könnte 500 erfolgreiche Unternehmer danebenstellen, die genauso ticken, genauso gewinnen wollen, große Autos fahren, große Uhren tragen und große Egos haben. Sie haben es ebenfalls nach oben geschafft. Nur brauchten sie dafür den Umweg über Lug, Betrug und Gefängnis nicht.
Denn mehr ist nicht das Problem. Kein Olympiasieger trainiert auf Gold, weil Bronze auch ganz nett wäre. Kein Unternehmer verdoppelt seinen Umsatz, weil ihm der bisherige vollkommen reicht.
Die spannende Frage beginnt später: Wann wird aus MEHR ein MEHR UM JEDEN PREIS? Wann aus Ehrgeiz Größenwahn, aus Selbstbewusstsein Unverwundbarkeit und aus »Ich will gewinnen« ein »Ich muss gewinnen«? Bis irgendwann der gefährlichste Gedanke von allen auftaucht: »Ich habe eigene Regeln!«
Von außen ist dieser Punkt verdammt schwer zu erkennen. Denn Erfolg sieht gut aus. Sehr gut sogar.
Und diese Männer verstanden es, mit diesem Bild zu spielen. S&K fliegen mit dem Hubschrauber auf ihrer eigenen Party ein, während im Garten weiße Elefanten warten. Karl Ess zeigt Muskeln und Rolls-Royce. Jürgen Höller setzt sich ins Fernsehen und will Motivationsminister werden. Und selbst die Liebe bekommt eine Bühne: JP Kraemer macht seiner späteren Frau den Heiratsantrag vor laufenden Kameras in der Teddy Teclebrhan Show.
Das kann man eitel finden. Drüber. Oder ziemlich cool. Nur beweist es zunächst gar nichts. Ich wäre ohnehin der Falsche, Inszenierung zu verurteilen. Mein Beruf besteht seit Jahrzehnten darin, Wirkung zu erzeugen. Rolex legt seine Uhren schließlich auch nicht auf einen Plastiktisch unter Neonlicht. Ferrari fotografiert seine Autos nicht zwischen Einkaufswagen auf dem Supermarktparkplatz. Und ein Fünf-Sterne-Hotel wartet für seine Imagebroschüre selten auf den Regentag mit drei Handtüchern über den Balkonbrüstungen.
Glanz ist kein Beweis für Gloria. Der Rolls-Royce macht seinen Fahrer nicht zum Hochstapler, der alte Volvo seinen Besitzer nicht zum besseren Menschen. Genau deshalb ist die Sache so schwer zu durchschauen: Kommt der Glanz vom Gold oder nur von der Beleuchtung? Ist der Mann im Rolls-Royce reich oder hoch verschuldet? Ist sein Selbstbewusstsein Ausdruck außergewöhnlicher Kompetenz oder außergewöhnlicher Selbstüberschätzung?
Und dann kommt die spannendste Frage: Weiß er selbst noch den Unterschied
ERFOLG HAT NEBENWIRKUNGEN
Erfolg verändert schließlich nicht nur das Konto, sondern auch die Menschen drumherum. Plötzlich lachen mehr Leute über mittelmäßige Witze. Widerspruch wird seltener, die Einladungen besser, die Autos größer. Und aus einem klaren »Das geht nicht« wird irgendwann: »Für dich kriegen wir das schon hin.«
Wer das lange genug erlebt, kann Grenzen irgendwann für etwas halten, das vor allem für andere gedacht ist. Applaus wird zur Bestätigung, Bestätigung zur Gewissheit und Gewissheit irgendwann zur eigenen Wahrheit.
Vielleicht beginnt Größenwahn gar nicht mit einem großen Knall.
Vielleicht beginnt er mit zu wenig Widerspruch.
Apropos die anderen: Schuld waren am Ende erstaunlich häufig genau die. Jürgen Schneider verwies auf die Banken, die ihm Milliarden viel zu leicht zur Verfügung gestellt hätten. Hendrik Holt vermittelte die Überzeugung, man hätte ihn nur machen lassen müssen. Auch bei S&K lagen Selbstbild und das spätere Urteil der Justiz ziemlich weit auseinander.
Vielleicht ist das eine der gefährlichsten Nebenwirkungen von Erfolg: Irgendwann stehen genügend Menschen um einen herum, die einem die eigene Story bestätigen. Dann wird aus Selbstbewusstsein Selbstüberschätzung, aus Einfluss Unantastbarkeit und aus mehr ein um jeden Preis.
Geld ist dabei nicht das Problem. Macht auch nicht. Anerkennung schon gar nicht. Und Ehrgeiz wäre ein ziemlich merkwürdiger Vorwurf aus dem Mund eines Mannes, der ein Buch über Umsatzverdopplung geschrieben hat. Ich mag Erfolg. Ich mag Menschen, die mehr wollen. Große Ziele, große Ideen und meinetwegen auch große Autos.
DIE DOSIS MACHT DAS GIFT
Denn irgendwann reicht es manchen Menschen nicht mehr, erfolgreich zu sein. Die Welt muss sehen, wie erfolgreich sie sind. Und irgendwann muss sogar die Wirklichkeit zum Bild passen. Auf Biegen und Brechen. Auf Teufel komm raus.
Genau dort kippt die Story.
Ich beschäftige mich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Wirkung. Ich weiß, wie mächtig sie ist, wie man sie erzeugt, verstärkt und ins richtige Licht setzt. Aber ich habe auch gelernt: Wirkung und Wirklichkeit sind zwei verschiedene Dinge. Im besten Fall passen sie perfekt zusammen. Im schlimmsten Fall merkt lange niemand, wie weit sie sich bereits voneinander entfernt haben.
Und irgendwann geht jedes Licht einmal aus. Dann helfen weder Hubschrauber noch Elefanten, weder Rolls-Royce noch Applaus.
Dann bleibt eine Frage, die mich nach all den Jahren mit erfolgreichen, sehr erfolgreichen und manchmal spektakulär abgestürzten Menschen mehr interessiert als die Größe ihres Unternehmens, ihres Kontos oder ihres Egos:
Wie groß ist der Abstand zwischen dem Menschen im Scheinwerferlicht und dem Menschen, wenn das Licht ausgeht?
Der Autor:
Roger Rankel zählt seit über 25 Jahren zu den renommiertesten Marketing- und Vertriebsexperten im deutschsprachigen Raum. Er hat mehr als 4.000 Beratungen, Vorträge und Workshops durchgeführt und begleitet Unternehmer, Führungskräfte und Selbständige bei Positionierung, Sichtbarkeit und Vertrieb.