Was macht eine gute Führungskraft aus? Fachwissen? Kommunikationsfähigkeit? Die Kenntnis verschiedener Führungsmodelle? Sicherlich. Doch in komplexen Führungssituationen reicht das allein oft nicht aus.
»Leadership Sense« steht für einen Begriff, der sich sinngemäß als »Führungsverstand«. übersetzen lässt: die Fähigkeit, eine Führungssituation ganzheitlich zu erfassen, Menschen wahrzunehmen und daraus angemessenes Handeln abzuleiten.
Es gibt nicht die eine, richtige Vorgehensweise
Es geht also nicht darum, möglichst viele Führungsinstrumente zu kennen. Oder sich einen Führungsstil anzueignen. Entscheidend ist vielmehr zu erkennen, welches Verhalten in welcher Situation und gegenüber welchem Menschen sinnvoll und wirksam ist – ohne groß nachdenken zu müssen.
Ein Mitarbeiter braucht klare Orientierung, der andere Freiraum. Eine Mitarbeiterin möchte Struktur, eine mehr Vertrauen. Dafür braucht es, ja, situatives Führen, aber davor braucht es noch: Wahrnehmungsfähigkeit!
Führung beginnt bei der Eigen-Reflexion
Leadership Sense entwickelt man zunächst durch die Wahrnehmung seiner selbst – also durch Selbstreflexion. Eine Führungskraft muss ihre eigenen Muster, Werte, Bedürfnisse und Reaktionen kennen, um bewusst führen zu können. Wer beispielsweise unter Druck automatisch kontrollierend reagiert, wird diese Tendenz auch in schwierigen Führungssituationen zeigen. Erst die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung schafft die Möglichkeit, innezuhalten und eine andere Entscheidung zu treffen.
Der zweite Kern von Leadership Sense ist die Wahrnehmung der Menschen und der Situation im Außen.
Diese Wahrnehmung ermöglicht es einer Führungskraft, nicht nach einem starren Muster zu handeln, sondern die jeweilige Situation zu verstehen.
»Leadership Sense« erlangt man durch die Verbindung aus Innen- und Außenwahrnehmung
Aus Wahrnehmung des eigenen Inneren und im Außen entsteht die Fähigkeit zum situativen Agieren. Die Führungskraft entscheidet bewusst, wann sie Orientierung geben, wann sie fordern, wann sie zuhören und wann sie Verantwortung abgeben sollte.
Das bedeutet nicht, auf Führungstechniken zu verzichten. Im Gegenteil: Modelle und Methoden bilden eine wichtige Grundlage. »Leadership Sense« beschreibt die darüberhinausgehende Fähigkeit, zu verstehen, wann welches Instrument tatsächlich passend ist – um seine Ziele zu erreichen. Es ist eine entwickelbare Führungskompetenz, die aus Selbstreflexion, Wahrnehmung und situativem Handeln entsteht.
Doch wie lässt sich »Leadership Sense« entwickeln? Wie kann eine Führungskraft lernen, sich selbst genauer wahrzunehmen, die Signale anderer besser zu verstehen und auch in anspruchsvollen Situationen bewusst zu handeln?
»Leadership Sense« mit Pferden erlernen
Eine besondere Möglichkeit bietet pferdegestütztes Coaching. Denn Pferde reagieren unmittelbar auf das Verhalten und die innere Haltung eines Menschen. Sie interessieren sich nicht für Hierarchien, Titel oder die Position auf der Visitenkarte. Sie reagieren auf das, was tatsächlich passiert: auf Körpersprache, Präsenz, Klarheit, innere Anspannung, Unsicherheit oder Vertrauen.
Genau darin liegt die besondere Qualität dieser Form des Coachings: Das Pferd wird zum Spiegel.
Pferde »spiegeln« die Führung
In der Arbeit mit dem Pferd erleben Führungskräfte unmittelbar, welche Wirkung ihr eigenes Verhalten hat. Wer beispielsweise versucht, mit Druck, Lautstärke oder Dominanz eine Reaktion zu erzwingen, wird häufig eine entsprechende Reaktion des Pferdes erleben. Wer hingegen klar, ruhig und präsent auftritt, kann eine andere Form der Kooperation erfahren.
Dabei geht es nicht darum, das Verhalten des Pferdes eindimensional zu interpretieren. Ein Pferd »beurteilt« keinen Menschen. Vielmehr entsteht eine unmittelbare Rückmeldung, die im Coaching gemeinsam betrachtet und reflektiert werden kann:
Damit wird Selbstreflexion nicht nur zu einem gedanklichen Prozess. Sie wird erlebbar.
Muster erkennen, bevor sie zur Führungsfalle werden
Gerade in herausfordernden Situationen greifen Menschen häufig auf vertraute Verhaltensmuster zurück. Manche werden kontrollierender, andere ziehen sich zurück. Manche erhöhen den Druck, andere vermeiden Konflikte. Wieder andere versuchen, besonders viel zu erklären, obwohl eigentlich Klarheit gefragt wäre. Solche Muster sind nicht grundsätzlich falsch. Sie können in bestimmten Situationen sogar hilfreich sein. Problematisch werden sie dort, wo sie automatisch ablaufen und eine Führungskraft keine bewusste Wahl mehr trifft.
Die Arbeit mit dem Pferd kann solche Muster sichtbar machen. Eine Führungskraft erlebt beispielsweise, dass ihr Wunsch nach Kontrolle die gewünschte Kooperation nicht erzeugt. Oder sie erkennt, dass sie zu lange wartet, obwohl eine klare Entscheidung notwendig wäre. Vielleicht wird auch deutlich, dass die eigene Unsicherheit durch besonders bestimmtes Auftreten überspielt wird.
Der entscheidende Schritt ist die anschließende Reflexion:
Wahrnehmung schärfen – mit Pferd als Partner
Pferde bieten dafür einen außergewöhnlichen Lernraum. Sie kommunizieren vor allem über Körpersprache und reagieren sensibel auf Veränderungen in ihrer Umgebung. Für den Menschen bedeutet das, genauer hinzuschauen:
Auch Mitarbeitende kommunizieren nicht ausschließlich über Worte. Haltung, Mimik, Stimme, Verhalten und Rückzug können Hinweise darauf geben, wie eine Situation erlebt wird. Ein Mitarbeitender sagt vielleicht »Alles in Ordnung«, wirkt aber gleichzeitig angespannt oder zieht sich zunehmend zurück. Ein Teammitglied übernimmt plötzlich weniger Verantwortung. Ein anderer sucht verstärkt die Rückversicherung der Führungskraft.
Mit Pferden kann man die Wahrnehmung schulen sowie ein Feingefühl für körpersprachliche Veränderungen entwickeln.
Vom Erlebnis in den Führungsalltag
Der eigentliche Wert des pferdegestützten Coachings entsteht aber nicht allein in der Begegnung mit dem Pferd. Entscheidend ist die Verbindung zwischen Erlebnis und Reflexion – und anschließend die Übertragung in die berufliche Praxis.
So wird aus einer Erfahrung eine persönliche Führungskompetenz. »Leadership Sense« entwickelt man Schritt für Schritt: durch Wahrnehmung, durch Reflexion, durch das Erkennen eigener Muster und durch die bewusste Auseinandersetzung mit der Wirkung des eigenen Handelns. Pferdegestütztes Coaching vermittelt deshalb keine neue Führungsmethode. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um die Fähigkeit, sich selbst und andere genauer wahrzunehmen.
Anabel Schröder ist seit 20 Jahren Expertin für die Ausbildung von Coaches, die mit Pferden arbeiten. Als Autorin mehrerer Bücher, international zertifizierter Coach (ICF) und zertifizierte Mediatorin, geprüfte psychologische Beraterin und Diplom-Kauffrau (Universität Passau) und ihrem pferdegestützten Bildungszentrum EQzellent® verbindet sie fundiertes psychologisches Know-how mit praxisnaher, erlebbarer Persönlichkeitsentwicklung. „Leadership Sense“® ist eine eingetragene Marke.