Ingo Lenßen berät, gemeinsam mit zwei weiteren Anwälten – Lisa Cramer und Lennart Hartmann – Mandanten, die juristische Hilfe brauchen. Anlaufstelle ist ein Rechtsberatungsbus, der auf unterschiedlichen Plätzen in Berlin steht. Die Themen, mit denen die Mandanten auf unsere Anwälte zukommen, sind breit gefächert, kommen schwerpunktmäßig aus den Bereichen Familienrecht, Arbeitsrecht, Mietrecht, Erbrecht und Strafrecht. Die Fälle sind gescriptet, entstehen aber auf der Grundlage echter Mandate. »Lenßen hilft« soll einerseits rechtliches Wissen und Service vermitteln und andererseits mit relevanten Geschichten unterhalten und die Zuschauer emotional berühren. Das, was wir machen, nennt sich »Helptainment«.
Hauptunterscheidungsmerkmal zu früheren Formaten ist, dass Ingo Lenßen zwei weitere echte Anwälte an der Seite hat. Über die dreifache juristische Expertise rücken wir bei »Lenßen hilft« die Vermittlung von rechtlichen Zusammenhängen, Hilfe und Service stärker in den Vordergrund. Mit den Fragestellungen der Mandanten, die wir erzählen, könnten unsere Anwälte auch in ihren echten Kanzleien betraut werden. Wir stellen sicher, dass die Geschichten für die Lebenswirklichkeit unserer Zuschauer alltagsrelevant sind und nicht ins Unrealistische überhöht werden. Der Realitätsanspruch und der Wunsch nach Authentizität und Nachvollziehbarkeit ist höher als früher. Das Credo lautet: »Keep it real!«.
Kurz zur Terminologie: Scripted Reality ist keine Reality, auch wenn die Bezeichnung so klingt. Scripted Reality ist fiktionales Programm: Laiendarsteller spielen Geschichten, die auf wahren Gegebenheiten beruhen, die aber gescriptet sind.
Die Formatierungen der Lenßen- Formate haben sich in über 20 Jahren sehr verändert. Heute liegen die Plots deutlich näher an der Lebenswirklichkeit der Zuschauer. »Lenßen & Partner« zeigte Anfang der 2000er unter anderem große Verbrechen wie Entführung, Erpressung und Totschlag. Diese hoch gelagerten Straftaten würde ich heute in einem Daytime- Format nicht mehr erzählen, da wir dem Hilfe- Anspruch unserer Formatierung dabei nicht gerecht werden könnten und da ich es in der aktuellen gesellschaftlichen Situation für wichtig halte, den Zuschauern Mut zu machen und Hoffnung zu vermitteln.
Genreübergreifend und insbesondere im Genre Reality hat sich in den letzten 20 Jahren auch einiges verändert; in allererster Linie durch Social Media. Vor 20 Jahren steckten YouTube und Facebook noch in den Kinderschuhen, Instagram und TikTok gab es noch nicht. Die sozialen Netzwerke haben den Fernsehmarkt stark verändert. Die Tatsache, dass Menschen plötzlich aus ihren Wohnzimmern streamen konnten, hat die Grenze zwischen Machern und Usern zunächst verschwimmen lassen und Macher bekamen über die Interaktion ganz unmittelbare Reaktionen der Zuschauer auf ihr Programm. Man könnte sagen: Social Media ist auch eine Form des Reality-TV, nur selbst gemacht.
Wenn wir die Geschichten bei »Lenßen hilft« real erzählen könnten, würden wir es tun. Nachvollziehbarerweise lassen sich Menschen, die beispielsweise Opfer von häuslicher Gewalt oder Stalking werden, aber nicht von einer dokumentarischen Kamera in einem Daytime-Format begleiten. Häufig schweigen sie – ob aus Scham oder emotionaler Abhängigkeit – und wenn sie überhaupt rechtliche Schritte prüfen, dann sicher ohne Kamera.
Ich glaube daran, dass man die Geschichten dieser Menschen trotzdem erzählen sollte, besonders, um Zuschauern Hilfestellungen zu geben, die ähnliches erleben. Nicht das Genre, sondern der Inhalt ist entscheidend, wenn man für ein Thema Aufmerksamkeit schaffen möchte.
Die Entwicklung von »Lenßen hilft« begann zwischen Ingo Lenßen und mir. Ingo ist Kopf des Formats und bringt die Expertise als Anwalt mit, ich steuere die Expertise als Fernsehmacherin bei. Gemeinsam haben wir uns zunächst überlegt: Wen möchten wir erreichen? Was möchten wir erzählen? Am Anfang jeder Entwicklung geht es darum, seine Zielgruppe zu kennen und einen sehr klaren USP zu erarbeiten.
Danach haben wir weitere Anwälte gecastet und uns letztlich für Lisa Cramer und Lennart Hartmann an Ingos Seite entschieden. Neben einem klaren USP braucht man in jedem Format starken und authentischen Cast, an den sich der Zuschauer binden möchte. Ich stecke viel Zeit und Hingabe in Casting und den Prozess, besondere Menschen zu identifizieren.
Als Produzentin liefert man dem Sender einen starken Pitch, glaubwürdige faces, ein detailliertes Konzept und ein Preisschild. Und idealerweise läuft es dann wie bei »Lenßen hilft«: die UFA als Produktionsfirma, Sat.1 als Sender und Ingo Lenßen als Host committen sich zu einer 1. Staffel von 120 Folgen.
Ich setze das Format auf, konzeptioniere es mit Unterstützung eines kleinen Autorenteams, kreiere den USP, plotte im Team den großen Erzählbogen bei fortlaufend erzählten Formaten oder das Referenz- Treatment einer Folge bei abgeschlossen erzählten Formaten. Darüber hinaus suche ich den Festcast aus, pilotiere und verkaufe ich und stelle die Key-Personalien für die Produktion zusammen. Ein Produzent ist nichts ohne ein starkes Team. Mit der Producerin von »Lenßen hilft«, Katja Kirmse, arbeite ich beispielsweise seit fast 15 Jahren in unterschiedlichen Projekten zusammen – und ich liebe es. Sobald ein Format ausgestrahlt wird, gilt es als Produzentin – besonders bei hochvolumigen täglichen Programmen – das Format frisch zu halten, dabei aber niemals den USP zu verlieren.
Ein Mittel ist sicher Leidenschaft, zumindest bei mir. Es begann mit meinem Volontariat Mitte der 90er, das von einem sehr positiven Spirit, einem Gefühl des Aufbruchs begleitet war. Außerdem bin ich bin von Natur aus ein offener, neugieriger und positiver Mensch. Ich liebe es, Neues zu entdecken, zu lernen, zu wachsen und mich selbst zu challengen. Ich habe bis heute eine große Begeisterung für das, was ich tue. Ich empfinde es als Privileg, Geschichten produzieren und Menschen unterhalten zu dürfen.
Über die vielen Jahre in der TV- Branche hatte auch ich mit machtgetriebenen, cholerischen Vorgesetzten und Kollegen zu tun. Das war nicht angenehm, aber rückblickend hat es mich gezwungen, mich abzugrenzen und mir letztlich geholfen, mich auf meine eigenen Skills zu besinnen und meine eigenen Ziele in aller Klarheit immer wieder neu zu definieren.
Ziele und Vision Boards sind Gold für mich. Mein Arbeitszimmer hängt voller Figurenkonstellationen für die nächste Serie und voller weiterer beruflicher und privater Visionen.
Wichtig war es für mich, außerdem aus Flops zu lernen. Ich habe glücklicherweise nicht viele Flop-Formate in meiner Vita, aber ein paar gab es und die haben mir mehr Learnings verschafft als die Hits. Wenn ich der Rückschau ehrlich mit mir selbst bin, hätte ich an bestimmten Stellen früher wissen können, dass ein Format nicht funktionieren wird. Heute würde es mir nicht mehr passieren, mein Bauchgefühl wegzudrücken.
Ja, es gibt ein Herzensprojekt, von dem ich weiß, dass ich es irgendwann produzieren werde. Das erzähle ich aber noch nicht. Für den Moment bin ich auch im Hier und Jetzt glücklich mit dem, was ich tue. Und jetzt gilt es erstmal, »Lenßen hilft« auf die Straße zu bringen!
Nadia Wölfel ist Produzentin bei UFA SERIAL DRAMA.
Beitragsbilder: Alexander Neumann, Florian Reck
.