Ein Gastbeitrag von Birgitta Schmeißer
Albert Einstein sprach spät, galt als verträumt und stellte Autoritäten mit seinen unzähligen Fragen regelmäßig auf die Probe. Er dachte nicht in vorgegebenen Bahnen und er hatte eine große Abneigung gegen stures Auswendiglernen – und genau das wurde zu seiner größten Stärke. Seine Relativitätstheorie veränderte unser Verständnis von Raum und Zeit. Ohne seine Erkenntnisse würden Technologien wie GPS heute nicht funktionieren.
Thomas Edison wurde von seinem Lehrer als »verwirrt« und »nicht lernfähig« bezeichnet. Seine Mutter nahm ihn von der Schule und unterrichtete ihn selbst. Aus dem Jungen, den das System bereits abgeschrieben hatte, wurde einer der größten Erfinder aller Zeiten. Über 1.000 Patente, die Perfektionierung der Glühlampe und zahlreiche technische Innovationen machten ihn zu einem Wegbereiter der modernen Welt.
Steve Jobs galt als unbequem, rebellisch und schwer führbar. Er hinterfragte Regeln, dachte radikal anders und passte in kein Raster. Genau diese Eigenschaft machte ihn später zum Mitbegründer von Apple. Er revolutionierte die Art, wie wir kommunizieren, arbeiten und leben.
Heute feiern wir diese Menschen für ihren Mut, ihre Kreativität und ihre visionären Ideen. Damals waren sie vor allem eines: Zu schwierig. Zu unbequem. Zu anders.
Vielleicht besteht die größte Tragödie unserer Zeit nicht darin, dass manche Kinder nicht ins System passen. Vielleicht besteht sie darin, dass wir versuchen, aus zukünftigen Unternehmern, Innovatoren und Weltveränderern angepasste Durchschnittskinder zu machen.
Denn außergewöhnliche Menschen waren selten diejenigen, die brav funktionierten. Sie stellten unbequeme Fragen, widersprachen, gingen Umwege und hörten auf ihren eigenen inneren Kompass – auch dann, wenn die Welt ihnen sagte, sie seien falsch.
Unser Bildungs- und Erziehungssystem wurde für eine andere Zeit geschaffen – für eine Welt, in der Gehorsam wichtiger war als Kreativität, Gleichschritt wichtiger als Individualität und Anpassung wichtiger als kritisches Denken. Doch wir leben längst in einer Zeit von künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und permanentem Wandel. Die Fähigkeiten, die unsere Kinder morgen brauchen, lassen sich nicht auswendig lernen: Mut, proaktive Handlungsfähigkeit, emotionale Intelligenz, Neugier, Resilienz, Kreativität und die Fähigkeit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen sowie Lösungen für Probleme zu finden, die es heute noch gar nicht gibt.
Die Lektüre von »Bullshit Rules« von Julien Backhaus hat mich darin tiefgründig bestärkt und inspiriert, genau diese scheinbaren Wahrheiten zu hinterfragen. Wie viele Regeln befolgen wir, nur weil »man das eben so macht«? Wie viele Kinder verlieren den Glauben an sich selbst, weil sie nicht in ein System passen, das nie für ihre Einzigartigkeit und Potenzialentfaltung geschaffen wurde? Aus diesen Fragestellungen entstand die Idee zu meinem Buch »Systemsprenger? Ja, bitte! – Die TOP 10 Regeln, die dein Kind brechen darf, um erfolgreich im Leben zu sein.« Es ist eine Einladung, Inspiration und Ermutigung, die Perspektive zu wechseln: weg von Defiziten und Anpassung, hin zu Potenzialen, Stärken und dem Mut, anders zu sein.
Vielleicht sind die Kinder, die uns heute herausfordern, genau diejenigen, die morgen die großen Fragen unserer Zeit beantworten.
Und vielleicht sollten wir aufhören, Kinder dafür zu bestrafen, dass sie aus der Reihe tanzen. Denn die größte Gefahr für unsere Zukunft sind nicht die sogenannten Systemsprenger. Die größte Gefahr ist eine Gesellschaft, die ihren Kindern beibringt, den Mund zu halten, sich anzupassen und niemals gegen den Strom zu schwimmen.
Außergewöhnlicher Erfolg war noch nie die Belohnung für perfektes Anpassen. Er war schon immer die Konsequenz aus Mut, Disziplin, Eigenwilligkeit und der Entscheidung, dem eigenen inneren Kompass zu folgen – selbst dann, wenn die ganze Welt in die andere Richtung läuft.

Birgitta Schmeißer ist als Unternehmerin und Autorin bekannt.
Als Gründerin einer Ergotherapie-Onlinepraxis unterstützt sie Eltern und Menschen in pädagogischen Berufen dabei, Kinder für das Lernen zu begeistern.
Beitragsbilder: Sandra Kühnapfel










