Symbolbild-Schröder

Weshalb Emotionen im Business dazugehören

Ein Expertenbeitrag von Anabel Schröder

„Gefühlt? Das wurden wir noch nie gefragt.“

Die Direktoren eines Konzerns waren im pferdegestützten Seminar und ich fragte sie nach einer Übung: „Wie haben Sie sich gefühlt?“

Die empörte Reaktion kam ohne Zögern: „Gefühlt? Wie, gefühlt? Das wurden wir noch nie gefragt.“

Dieser Satz sagt viel über die Unternehmenskultur vieler Organisationen aus. Im Business wird analysiert, bewertet, entschieden und optimiert – doch über Gefühle wird selten gesprochen. Zahlen, Strategien und Fakten gelten als professionell. Emotionen hingegen wirken oft privat, unangenehm oder sogar unpassend.

Dabei begleiten Gefühle jede Entscheidung, jede Zusammenarbeit und jede Führungssituation. Sie sind nicht die Ausnahme im Berufsleben – sie sind ein fester Bestandteil davon.

Der Mythos der rein rationalen Entscheidung

Viele Menschen behaupten gerne, sie würden rationale Entscheidungen treffen. Besonders im Business gilt Sachlichkeit als Qualitätsmerkmal. Entscheidungen sollen logisch, datenbasiert und objektiv erscheinen.

Doch die Forschung zeigt ein anderes Bild: Emotionale Faktoren spielen bei Entscheidungen eine wesentlich größere Rolle, als viele glauben. Menschen treffen Entscheidungen häufig zunächst emotional – und begründen sie anschließend rational. Die Argumente dienen dann dazu, die Wahl vor sich selbst oder anderen nachvollziehbar erscheinen zu lassen.

Emotionen beeinflussen, wem wir vertrauen, welche Risiken wir eingehen, wie wir Situationen bewerten und welche Prioritäten wir setzen. Selbst vermeintlich nüchterne Managemententscheidungen sind selten frei von emotionalen Einflüssen.

Das bedeutet nicht, dass Emotionen unprofessionell sind. Es bedeutet vielmehr, dass sie ein natürlicher Teil menschlicher Entscheidungsprozesse sind – und nicht verneint werden sollten.

Emotionen wirken – ob man sie wahrnimmt oder nicht

Ärger, Freude, Unsicherheit, Angst, Begeisterung oder Frust – all diese Emotionen existieren auch am Arbeitsplatz. Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen und Führungskräfte tragen sie täglich mit sich.

Emotionen lassen sich nicht einfach „wegdenken“. Sie verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert. Stattdessen beeinflussen sie Verhalten, Kommunikation und Zusammenarbeit oft unbewusst.

Ein unausgesprochener Konflikt kann Teams lähmen. Unsicherheit kann Entscheidungen verzögern. Angst kann Innovation verhindern. Freude hingegen motiviert, verbindet und stärkt Engagement.

Wer Emotionen aus dem Business ausklammert, verliert den Zugang zu einem zentralen Einflussfaktor menschlichen Handelns.

Positive Emotionen fördern Leistung und Veränderung

Umfangreiche Studien zeigen, dass positive Emotionen am Arbeitsplatz weitreichende Effekte haben. Sie fördern Kreativität, stärken Aufmerksamkeit und Intuition und verbessern Problemlösungsfähigkeit sowie Gedächtnisleistung.

Gerade bei komplexen Entscheidungen wirken positive emotionale Zustände unterstützend. Menschen denken flexibler, erkennen Zusammenhänge schneller und arbeiten produktiver zusammen. Emotionen beeinflussen die Leistung von Mitarbeitenden ähnlich stark wie Fähigkeiten oder Fachwissen. Unternehmen profitieren deshalb nicht nur von Kompetenz – sondern auch von einem emotional gesunden Arbeitsumfeld.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass positive Emotionen erfolgreiche Veränderungsprozesse begünstigen. Change-Prozesse scheitern häufig nicht an Strategien, sondern an Widerständen, Unsicherheiten oder fehlender emotionaler Beteiligung.

Wer Menschen mitnimmt, muss sie emotional erreichen.

Echte Verbundenheit entsteht nicht ohne Gefühl

Teams funktionieren nicht allein über Prozesse oder Rollenbeschreibungen. Menschen verbinden sich über Vertrauen, Verständnis und emotionale Resonanz. Und Verbundenheit entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen. Wo nicht nur Leistung zählt, sondern auch Wahrnehmung und Beziehung.

Eine Führungskraft, die ausschließlich sachlich kommuniziert, kann effizient wirken – aber nicht zwangsläufig nahbar. Emotionale Präsenz bedeutet nicht, unkontrolliert zu handeln. Sie bedeutet, menschlich ansprechbar zu bleiben. Gerade in Zeiten hoher Belastung wird deutlich, wie wichtig emotionale Verbindung im Arbeitsalltag ist.

Daher: Unternehmen brauchen nicht weniger Menschlichkeit, sondern mehr davon.

Pferdegestütztes Coaching macht Emotionen sichtbar

Im Coaching mit Pferd treten Emotionen oft unmittelbar zutage. Pferde reagieren nicht auf Titel, Status oder Argumente. Sie reagieren auf Körpersprache, Gefühle und innere Haltung.

Frust, Freude, Unsicherheit, Stolz, Anspannung oder Glück werden im Kontakt mit dem Pferd schnell sichtbar. Menschen erleben unmittelbar, wie ihre emotionale Verfassung ihr Verhalten beeinflusst. Denn ein Pferd spiegelt nicht das, was jemand sagt – sondern das, was jemand ausstrahlt.

Gerade deshalb entstehen im pferdegestützten Coaching häufig tiefgreifende Erkenntnisse. Teilnehmer erkennen, wie sie führen, wie sie wirken und welche Gefühle sie möglicherweise lange ausgeblendet haben.

Emotionen werden nicht theoretisch besprochen, sondern unmittelbar erlebt.

Emotionen mehr Raum zu geben kann den Erfolg steigern

Das dauerhafte Unterdrücken von Emotionen bleibt nicht folgenlos. Gefühle verschwinden nicht – sie stauen sich im Körper. Die Konsequenzen können chronischer Stress, psychosomatische Beschwerden, Verspannungen, Schlafprobleme oder ein geschwächtes Immunsystem sein. Auch psychische Belastungen wie Angstzustände, depressive Verstimmungen oder emotionale Taubheit können daraus entstehen.

Emotionen brauchen Ausdruck und Wahrnehmung. Nicht, um das Business zu emotionalisieren – sondern um Menschen gesund, leistungsfähig und verbunden zu halten – und damit als Unternehmen erfolgreicher zu sein.

Vielleicht braucht es deshalb im Business nicht weniger Gefühle, sondern mehr Mut, sie anzuerkennen. Denn echte Professionalität entsteht nicht durch emotionale Distanz, sondern durch bewussten Umgang mit dem, was ohnehin da ist.

 

Anabel Schröder ist seit 20 Jahren Expertin für die Ausbildung pferdegestützter Coaches. Als Autorin mehrerer Bücher, international zertifizierter Coach (ICF) und zertifizierte Mediatorin, geprüfte psychologische Beraterin und Diplom-Kauffrau (Universität Passau), verbindet sie fundiertes psychologisches und Business-Know-how mit praxisnaher, erlebbarer Persönlichkeitsentwicklung – mit und ohne Pferd. Mit ihrem Bildungszentrum EQzellent® bildet sie Menschen darin aus, Coaching professionell mit Pferden einzusetzen.

 

Bildbeiträge: Andreas  Hachaj; Depositphotos / Hay Dmitriy