Ein Gastbeitrag von Martina Muttke
Bereits beim Lesen dieser Zeilen verändert sich Ihr Gehirn. Buchstäblich. Neuronale Verbindungen werden gestärkt, andere geschwächt, Botenstoffe ausgeschüttet. Das ist die Biologie unseres Körpers. Und genau diese Biologie entscheidet täglich darüber, ob Ihr Team motiviert zur Arbeit erscheint oder innerlich längst gekündigt hat.
Die meisten Führungsprobleme werden als Kommunikationsprobleme behandelt. Dabei sind es in wirklichkeit Gehirnprobleme. Nicht im pathologischen Sinne – sondern weil wir schlicht nicht verstehen, was in den Köpfen unserer Mitarbeitenden vorgeht. Und in unseren eigenen.
Sie haben nicht ein Gehirn sondern drei
Unser Herz besitzt ein eigenes Nervensystem mit rund 40.000 Neuronen. Es verarbeitet Informationen, speichert Erfahrungen und sendet pausenlos Signale Richtung Kopf. Unser „Herzgehirn“ reagiert auf Emotionen schneller, als unser Verstand bemerkt, dass etwas passiert.
Und dann ist da der Darm – Heimat von Milliarden von Mikroorganismen, deren Einfluss auf unser Verhalten wir gerade erst begreifen. Darmbakterien docken direkt an Nervenenden an und senden Signale über den Vagusnerv ins Gehirn. Sie beeinflussen, wie wir Stress verarbeiten, wie wir fühlen, wie wir reagieren. Serotonin, der Botenstoff für emotionale Stabilität und soziale Zugehörigkeit, wird zu rund 90 Prozent im Darm produziert, nicht im Kopf.
Drei Gehirne, die permanent miteinander kommunizieren. Wer Führung auf rationale Entscheidungsfindung reduziert, lässt zwei davon links liegen!
Was das für Teams bedeutet
Vier Botenstoffe orchestrieren täglich Motivation, Vertrauen und Leistung. Dopamin entsteht bei bedeutsamen Zielen und Fortschritt, ist Treibstoff für Mut und Ausdauer. Serotonin sorgt für Wohlbefinden und Zugehörigkeit. Oxytocin als Bindungshormon verwandelt Einzelkämpfer in ein Team. Und Kortisol, dauerhaft erhöht, schrumpft jene Hirnareale, die für Kreativität, Empathie und Entscheidungsfindung zuständig sind.
Als Führungskraft steuern Sie diese Chemie. Mit jedem Feedback, das Sie geben oder nicht geben. Mit jeder Entscheidung, die Sie transparent kommunizieren oder im Nebel lassen. Emotionale Ansteckung ist hier ein spannendes, neurologisches Phänomen: unser emotionales Gehirn übernimmt Stimmungen aus der Umgebung, bevor wir bewusst registrieren, dass sich etwas verändert hat.
Gärtner, Magier oder Kapitän – welcher Typ sind Sie?
Wenn Führung biologisch ist, folgt daraus: Es gibt keinen universellen Führungsstil – weil es kein universelles Gehirn gibt. Nicht jede Führungskraft tickt gleich, und unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Ansätze.
Drei natürliche Grundneigungen prägen, wie wir führen:
Der Gärtner schafft ein Umfeld, in dem Menschen wachsen können – er stärkt Vertrauen und Zusammenarbeit.
Der Magier gibt Ziele und Bedeutung – er aktiviert Energie durch Sinn und Perspektive.
Der Kapitän sorgt für Klarheit und Entscheidungen – er gibt Orientierung, besonders unter Unsicherheit.
Wir alle haben natürliche Präferenzen. Entscheidend ist, sie zu kennen und bewusst zu ergänzen: ein Team zu bauen, das den eigenen Stil mit den anderen Neigungen komplementiert. Erst dann entsteht das neurobiologische Gleichgewicht: mehr Vertrauen, mehr Stabilität, mehr Erfolg.
„Führung ist messbar geworden – nicht mit psychologischen Instrumenten, sondern durch die Neurowissenschaften.“
Praktisch, nicht theoretisch
Starten Sie Ihr nächstes Meeting mit zwei Fragen: Was gibt dir heute Energie? Was kostet dich Energie? Zwei Minuten, die zeigen, wessen Dopamin Bestätigung braucht und wessen Kortisol schon zu lange überhöht ist – und wo man als Führungskraft konkret ansetzen kann.
Führung im Sinne der Neurowissenschaft ist kein neues Soft-Skill-Programm. Es ist angewandte Biologie. Und das Beste daran: Unser Gehirn ist plastisch, es verändert sich mit jeder Erfahrung, mit jedem Gespräch. Eine Führungskraft, die anfängt zu fragen „Warum reagiert dieser Mensch so?“ statt „Was stimmt mit dem nicht?“ entwickelt nicht nur ihr Team, sondern ihr Gehirn. Alle drei.

Martina Muttke ist Ärztin und internationale Healthcare-Führungskraft mit langjähriger Erfahrung im Aufbau und in der Leitung komplexer Organisationen. Als Board Member und Executive Mentor begleitet sie Vorstände und Senior Leadership Teams in anspruchsvollen Veränderungs- und Wachstumsphasen. Sie verbindet praktische Führungserfahrung mit neuro-wissenschaftlich fundierten Ansätzen, um moderne und wirksame Leadership zu stärken. Ihr Buch „Bessere Hirne – Bessere Führung“ ist bei De Gryter erhältlich.
Bildbeitrag: Privat, Depositphotos / luminastock










