Zverev

Endlich Champion: Alexander Zverev schreibt Tennisgeschichte

Alexander Zverev hat geschafft, worauf der deutsche Tennissport seit 30 Jahren gewartet hat. Der Hamburger gewann am Sonntag die French Open in Paris und holte damit seinen ersten Grand-Slam-Titel. Im Finale besiegte er den Italiener Flavio Cobolli nach einem dramatischen Fünfsatz-Match.

Damit ist Zverev der erste deutsche Mann seit Boris Becker, der ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Becker hatte 1996 die Australian Open gewonnen. Für Zverev ist der Titel zugleich die Befreiung von einem Etikett, das ihn jahrelang begleitete: einer der besten Spieler ohne Grand-Slam-Titel zu sein.

Der Sieg beendet eine lange offene Rechnung

Zverev war nie ein Überraschungssieger. Er war früh ein Versprechen, später ein Topspieler und seit Jahren einer der Namen, die immer wieder mit Grand-Slam-Titeln in Verbindung gebracht wurden. Olympiasieger, mehrfacher Masters-Champion, ATP-Finals-Sieger, ehemalige Nummer zwei der Welt – die Karriere war groß, aber bzgl der vier wichtigsten Turnieren blieb lange eine Lücke.

Genau diese Leerstelle wurde immer schwerer. Je länger ein Spieler an der Spitze mitspielt, desto lauter wird die Frage, warum es beim größten Titel noch nicht reicht. Zverev hatte mehrere Chancen, stand in Grand-Slam-Finals, verlor große Matches und musste sich immer wieder anhören, er könne den letzten Schritt nicht gehen.

Paris beendet diese Erzählung. Nicht, weil alle Zweifel verschwinden. Sondern weil der wichtigste Satz nun nicht mehr stimmt: Zverev ist nicht mehr der Unvollendete.

Paris war auch der Ort des Schmerzes

Dass dieser Durchbruch ausgerechnet in Roland Garros gelang, macht die Geschichte noch stärker. 2022 verletzte sich Zverev im Halbfinale gegen Rafael Nadal schwer am Knöchel. Er schrie vor Schmerzen, musste im Rollstuhl vom Platz gebracht werden und verpasste danach monatelang den Anschluss an die Weltspitze. Für viele Sportler wäre so eine Verletzung nicht nur körperlich, sondern auch mental ein Bruch. Gerade wenn man kurz davor steht, gegen einen der größten Spieler der Geschichte auf dessen Bühne zu bestehen. Zverev musste sich zurückkämpfen: körperlich, spielerisch, psychologisch.

Der Titel in Paris ist deshalb mehr als ein Pokal. Er ist auch eine Antwort auf diesen Moment. Dort, wo seine Karriere für einen Augenblick zu zerbrechen schien, wurde sie nun endgültig vollendet.

Ein Finale, das noch einmal alles prüfte

Das Endspiel gegen Flavio Cobolli war kein glatter Durchmarsch. Zverev begann dominant, gewann den ersten Satz 6:1 und wirkte zeitweise wie der klare Herr des Geschehens. Doch Cobolli kam zurück, gewann den zweiten Satz, zwang Zverev später in den Tiebreak des vierten Satzes und holte sich diesen Durchgang.

Genau in solchen Momenten entscheidet sich oft, ob alte Muster zurückkehren. Zverev hatte in seiner Karriere schon Matches erlebt, in denen Führung, Druck und Erwartung zur Last wurden. Nach dem verlorenen vierten Satz lag die Frage wieder in der Luft: Kippt dieses Finale?

Diesmal kippte es nicht. Zverev gewann den fünften Satz 6:1. Das war sportlich stark, aber vor allem mental wichtig. Er brach nicht ein. Er nahm sich den Titel.

Erfolg muss nicht glatt sein

Zverev ist kein weichgezeichneter Held. Er kann anecken. Er wirkt manchmal kühl, manchmal trotzig, manchmal schwer zugänglich. Er ist ehrgeizig, stolz, nicht immer diplomatisch. Genau das macht ihn für manche schwierig und für andere gerade interessant. Erfolgsgeschichten werden oft so erzählt, als müsse der Sieger am Ende geläutert, rund und allgemein sympathisch sein. Das ist Unsinn. Menschen bleiben widersprüchlich. Auch große Sportler sind keine Motivationsposter mit Puls. Zverevs Geschichte ist deshalb stärker, wenn man sie nicht glättet. Er hat nicht gewonnen, weil er allen gefallen wollte. Er hat gewonnen, weil er über Jahre an etwas festhielt, das ihm immer wieder entglitt.

Der Druck war größer als bei vielen anderen

Deutsches Tennis lebt seit Jahrzehnten von großen Erinnerungen. Boris Becker, Steffi Graf, Wimbledon, Grand-Slam-Titel, Weltranglistenspitze – das alles war immer im Hintergrund. Jeder deutsche Spieler von internationalem Format tritt gegen diese Vergangenheit an. Zverev trug diesen Vergleich besonders stark. Er war lange derjenige, dem man zutraute, diese Lücke zu schließen. Gleichzeitig wurde jedes Scheitern dadurch größer. Nicht nur Zverev verlor ein Finale. Deutschland wartete weiter.

Mit dem Sieg in Paris endet dieses Warten. Das macht den Titel historisch – aber auch persönlich entlastend. Der Grand-Slam-Titel ordnet vieles neu: die ATP-Finals-Siege, das Olympia-Gold, die Masters-Titel, die jahrelange Präsenz an der Spitze.

Ohne Major-Titel wirkten diese Erfolge für manche wie Ausweichargumente. Mit Major-Titel werden sie Teil eines beeindruckenden Gesamtbildes. Zverev hat nun das erreicht, was über Jahre als fehlender Beweis galt. Das bedeutet nicht, dass seine Geschichte auserzählt ist. Im Gegenteil. Der erste Grand-Slam-Titel kann eine Tür öffnen. Nicht nur sportlich, sondern mental.

SK

Bildbeitrag: IMAGO / BSR Agency