Einstellung

Die gefährliche Illusion, alles im Griff zu haben

Eine Kolumne von Madlen Haß

4 Min.

17.08.2026

Erfolgreiche Menschen werden dafür bezahlt, Entscheidungen zu treffen. Sie sollen wissen, was zu tun ist, Verantwortung übernehmen und auch dann Orientierung geben, wenn andere noch keine Antwort haben. Wer führt, darf schließlich nicht ständig ratlos wirken. Genau darin steckt eine eigentümliche Falle: Je länger jemand erfolgreich ist, desto größer wird die Erwartung, auf alles eine Antwort zu haben.

Dabei beginnt gute Führung manchmal mit einem Satz, den man in Vorstandsetagen erstaunlich selten hört: »Ich weiß es nicht.«

Das klingt zunächst nach Schwäche. Schließlich verbinden wir Kompetenz mit Wissen und Führung mit Sicherheit. Ein Unternehmer, der auf eine wichtige Frage keine Antwort hat, könnte unsicher wirken. Ein Geschäftsführer, der seine Meinung korrigiert, könnte den Eindruck erwecken, seine Entscheidung nicht im Griff zu haben. Also antworten wir lieber schnell, treffen eine Entscheidung und vermitteln Sicherheit – selbst dann, wenn wir innerlich längst wissen, dass die Lage komplizierter ist.

Kinder gehen mit Nichtwissen anders um. Ein Kind kann fünfmal hintereinander »Warum?« fragen, ohne sich dafür zu entschuldigen, dass es die Antwort noch nicht kennt. Es muss nicht recht behalten. Es will verstehen. Überzeugt die erste Erklärung nicht, kommt die nächste Frage. Darin steckt eine Fähigkeit, die Erwachsenen mit zunehmender Verantwortung manchmal abhandenkommt: die Freiheit, etwas noch nicht zu wissen.

Gerade erfolgreiche Menschen haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Sie haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Sie haben erlebt, dass ihre Einschätzungen richtig waren und dass andere auf ihr Urteil vertrauen. Mit der Zeit entsteht daraus ein Selbstbild: Ich kann das. Ich weiß, wie es geht. Ich habe schon schwierigere Situationen gelöst.

Dieses Selbstvertrauen ist wertvoll. Problematisch wird es dort, wo aus Selbstvertrauen der Anspruch entsteht, immer recht haben zu müssen.

Dann wird Kontrolle zur Gewohnheit. Wir wollen die Situation verstehen, bevor wir handeln. Wir wollen Risiken einschätzen, bevor wir etwas ausprobieren. Wir wollen eine Antwort geben, bevor wir überhaupt alle Fragen gestellt haben. Bisweilen übersehen wir dabei das, was sich nicht kontrollieren lässt: Menschen, Märkte, Zufälle, neue Entwicklungen und die Tatsache, dass niemand die Zukunft kennt.

Die gefährliche Illusion besteht daher nicht darin, Kontrolle zu wollen. Sie besteht darin, zu glauben, man könne durch genügend Erfahrung, Wissen und Planung alles unter Kontrolle bringen.

Ein Unternehmer, der sagt »Ich weiß es nicht«, gibt seine Verantwortung nicht ab. Im Gegenteil. Er schafft Raum für die nächste Frage: Wer weiß es? Was müssen wir herausfinden? Was sehen wir noch nicht? Welche Annahme sollten wir überprüfen?

Womöglich ist genau das der Unterschied zwischen Unsicherheit und Urteilskraft. Unsicherheit will möglichst schnell eine Antwort. Urteilskraft hält es aus, eine Weile keine zu haben.

Kinderlogik bedeutet deshalb nicht, Entscheidungen wie ein Kind zu treffen. Es bedeutet, sich eine Fähigkeit zu bewahren, die viele Erwachsene mit wachsender Erfahrung verlieren: die Fähigkeit, neugierig zu bleiben, wenn die Antwort noch nicht feststeht.

Wer immer alles im Griff haben muss, kann irgendwann nur noch das sehen, was in seinen Griff passt.

Eine Frage, die Kinderlogik stellt: Was würden Sie heute anders entscheiden, wenn Sie sich erlauben würden, zu sagen: »Ich weiß es noch nicht«?

Die Autorin:

Madlen Haß ist Unternehmerin, Pädagogin und Autorin. Sie gründete die Bildungseinrichtung »Schlausitz« und führt sie heute als Geschäftsführerin.

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