Einstellung

Die teuerste Überzeugung erfolgreicher Menschen ist: »Ich weiß, wie das geht.«

Eine Kolumne von Madlen Haß

4 Min.

18.09.2026

Eine Meinung zu ändern, gilt selten als Zeichen von Stärke. Wer gestern etwas anderes gesagt hat als heute, muss sich erklären. Wer eine Entscheidung korrigiert, wird schnell gefragt, warum er das nicht früher erkannt hat. Wer nach einem neuen Argument seine Position verändert, riskiert den Eindruck, nicht zu wissen, was er eigentlich will.

Dabei ist es eine der klügsten Fähigkeiten, die ein Mensch besitzen kann: seine Meinung zu ändern, wenn sich die Fakten verändern.

Erfolgreiche Menschen tun sich damit manchmal schwer. Sie haben gelernt, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und für ihre Überzeugungen einzustehen. Sie wissen, was sie wollen, kennen ihre Position und können sie überzeugend vertreten. Das schafft Vertrauen. Es kann jedoch auch dazu führen, dass aus einer Überzeugung ein Teil der eigenen Identität wird.

Dann wird aus »Ich denke, dass …« irgendwann »Ich bin jemand, der …«.

Plötzlich steht bei einer neuen Erkenntnis mehr auf dem Spiel als nur eine Meinung. Es geht um das eigene Selbstbild.

Kinder kennen diese Fallhöhe kaum. Sie können morgens überzeugt davon sein, dass ein Turm aus Bauklötzen unbedingt drei Etagen braucht, und zehn Minuten später feststellen, dass er mit zwei Etagen besser hält. Sie diskutieren nicht lange darüber, warum sie vorher recht hatten. Sie bauen um. Sie probieren weiter.

Das wirkt selbstverständlich, solange man Kinder beobachtet. Im Berufsleben wird dieselbe Fähigkeit komplizierter.

Ein Geschäftsführer hat eine Strategie entschieden. Ein Unternehmer hat eine Investition verteidigt. Eine Führungskraft hat sich eine Meinung über einen Mitarbeiter gebildet. Je mehr Zeit, Geld und persönliches Ansehen mit einer Entscheidung verbunden sind, desto schwerer fällt es, sie neu zu bewerten.

Dabei verändert sich die Welt ständig. Neue Informationen kommen hinzu, Annahmen erweisen sich als falsch, Menschen entwickeln sich weiter und Märkte nehmen eine andere Richtung als erwartet. Wer seine Meinung unter diesen Bedingungen nie verändert, beweist damit nicht unbedingt Konsequenz. Er beweist lediglich, dass er seine Meinung stärker schützt als seine Entscheidung.

Gute Urteilskraft zeigt sich nicht darin, immer die richtige Antwort zu haben. Sie zeigt sich darin, zu erkennen, wann eine alte Antwort nicht mehr trägt.

Das ist ein Unterschied, der in Führung eine große Rolle spielt. Ein Chef, der seine Meinung korrigiert, verliert nicht automatisch Autorität. Im Gegenteil: Wenn er offen sagen kann »Mit den Informationen, die ich heute habe, sehe ich das anders«, schafft er etwas Wertvolles. Er zeigt, dass Erkenntnis wichtiger ist als Eitelkeit.

Auch Unternehmen brauchen diese Haltung. Eine Strategie darf verändert werden. Ein Projekt darf gestoppt werden. Eine Entscheidung darf korrigiert werden. Ein Mitarbeiter darf eine zweite Chance bekommen, wenn sich die Situation verändert hat. Wer darin grundsätzlich ein Scheitern sieht, macht aus Konsequenz eine Falle.

Kinder erinnern uns an etwas Einfaches. Eine neue Erkenntnis ist kein Angriff auf die alte. Sie ist eine Gelegenheit, weiterzudenken.

Wir sollten aufhören, Menschen dafür zu bewundern, dass sie immer bei ihrer Meinung bleiben. Manchmal ist der klügere Mensch derjenige, der sagen kann: »Das habe ich anders gesehen. Jetzt weiß ich mehr.«

Wer seine Meinung niemals ändert, muss irgendwann die Welt so lange erklären, bis sie wieder zur eigenen Meinung passt.

Eine Frage, die meine Kinderlogik stellt: Welche Ihrer Überzeugungen würden Sie heute verändern, wenn Sie nicht beweisen müssten, dass Sie gestern recht hatten?

Die Autorin:

Madlen Haß ist Unternehmerin, Pädagogin und Autorin. Sie gründete die Bildungseinrichtung »Schlausitz« und führt sie heute als Geschäftsführerin.

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