Zwischen beruflichen Anforderungen, familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichen Erwartungen stehen viele Männer vor der Frage, wie sie ihren Platz neu definieren können. Gernot Blümel, Autor des Buches »MAN POWER – Die Wiederentdeckung der Männlichkeit«, widmet sich genau diesem Spannungsfeld und untersucht, welche Werte, Haltungen und Formen der Selbstführung heute an Bedeutung gewinnen. Im Interview spricht Blümel über die Entwicklung von Männlichkeit in der heutigen Gesellschaft und darüber, inwiefern Disziplin als Schlüssel zu langfristigem Erfolg dienen kann.
Meine Motivation liegt einerseits in meiner Ausbildung als EFT Practitioner – einer Methode zur Lösung von Stress, Ängsten und Blockaden. Dabei geht es darum, negative Emotionen aufzudecken und zu neutralisieren. In Sitzungen mit Klienten habe ich schnell bemerkt, dass Männer einen anderen Ansatz als Frauen benötigen, dieser allerdings meistens nicht gegeben ist. So wie im größten Teil der Ratgeber, in denen es um Persönlichkeitsentwicklung in emotionaler Hinsicht geht, ein durchwegs femininer Ansatz dominiert, ist das meines Erachtens auch in therapeutischen und beratenden Bereichen der Fall.
Fragen Sie mal einen Mann nach seinen Emotionen – da wird in der Regel nicht viel kommen. Er wird ausweichen oder sich sogar darüber lustig machen. Warum? Weil er seine Gefühle möglicherweise gar nicht benennen kann. Oder weil es ihm peinlich ist, sich zu öffnen. Heute kommt noch dazu, dass männliche Emotionen gesellschaftlich häufig negativ bewertet werden und bei Männern dieses »Das darf man ja gar nicht mehr laut sagen …« mitschwingt.
Meiner Erfahrung nach können sich Männer ihren Emotionen stellen, wenn sie sich wahrgenommen, ernst genommen und verstanden fühlen – und zwar einfach so, wie sie sind, in genau den Worten, die für sie stimmig sind und nicht dann, wenn sie Erwartungen erfüllen sollen, weder die ihrer Partnerinnen (wenn Frauen meinen, ihre Männer bräuchten eine Therapie oder Ähnliches) noch gesellschaftlicher Natur (»So hat ein Mann heute zu sein«).
Gerade bei Männern, die beruflich recht hohe Positionen einnehmen und nach außen hin die toughen Businessmen darstellen, ist es erstaunlich, welche Erleichterung ein adäquater Ansatz darstellt, in dem sie frei von der Seele ihre Ängste, Sorgen und Bedürfnisse artikulieren können – ganz ohne Maskerade. Dann erst ist Entwicklung möglich. Und erst dann verstehen Männer oft, dass ihre Emotionen nicht nur wirklich da, nicht nur relevant sind, sondern tatsächlich der Motor für alles in ihrem Leben. Viele Verstrickungen entstehen genau in diesem Verstecken und Maskieren ihrer wahren Ansichten und Bedürfnisse.
Mit meinem Buch möchte ich Männern Impulse zur Hand geben, die dieses Sich-selbst-Entdecken und Sich-selbst-Ausdrücken motivieren und inspirieren. Und auch Mut machen – Mut dazu, aus sich herauszugehen, sich eine eigene Meinung zu bilden und dazu stehen zu können. Das Buch soll ein Kompass für Männer sein, wie ich es im Buch nenne.
Der andere Grund waren meine Töchter. Es liegt an mir, ihnen das Männerbild zu vermitteln, das sie ihr Leben lang begleiten wird. Und mit dieser Verantwortung wollte ich auch mir selbst einen Reminder zurechtlegen, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Ich definiere Männlichkeit nicht – das soll der Leser selbst tun. Genau das macht den Reiz des Buches aus. Wir Männer sehen uns heute oft in der Situation, dass wir dieses und jenes müssten, so oder so sein sollten, wir stehen also unter einem enormen Erwartungsdruck. Es prasseln unzählige Meinungen auf uns ein – und oft schwingt eine etwas unheilvolle Atmosphäre, eine Abwertung, mit, wenn es um das Thema Mann geht. Wenn man thematisch in die Tiefe geht, kommen Männer derzeit ja nicht allzu gut weg. Man könnte fast meinen, der typische Mann liege irgendwo zwischen »Brutalo« und »Psycho«.
Es wird sehr viel über Männer gesagt und geschrieben (interessanterweise meistens jedoch nicht von Männern), aber selten werden Männer direkt gefragt oder in die Gespräche involviert. Und die Perspektive, die mich antreibt, ist die, dass Männer den Mut aufbringen und allem voran auch in Aktion treten, ihr Bild, das sie vermitteln wollen, selbst zu gestalten. Ich sehe da nämlich eine sehr große Trägheit bei den Männern. Das wäre eine sehr schöne Perspektive: Männer, die aktiv werden, wenn es um ihre Rolle in der heutigen Zeit geht, und diese aktiv und produktiv gestalten, als nur »ja zu sagen« und das zu tun, was gerade angesagt ist.
Dazu ist allerdings nötig, dass man sich selbst kennt, dass man weiß, was einem wichtig ist und nicht zuletzt, dass man sich selbst definiert hat. Nicht jemand anders, sondern man selbst bestimmt seine Rolle als Mann. »Die Männlichkeit« als solche gibt es meiner Meinung nach nicht. Männlich ist ein Mann dann, wenn er bei sich ist, mit sich im Reinen ist und zu dem steht, was er sagt und tut.
In wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht sehe ich uns Männer derzeit in einer Grauzone – möglicherweise in einer gewissen Pattsituation. Alte Rollenbilder sind nicht mehr zeitgemäß und mit vielen neuen Strömungen und Anforderungen können wir uns nicht identifizieren.
Eine sehr große Herausforderung für Männer ist es, zwischen den beruflichen und den privaten Anforderungen switchen zu können. Ich kenne einige sehr erfolgreiche Männer, die beruflich bedingt knallhart sein müssen. Zuhause allerdings fällt es dann oft schwer, diese Rolle abzulegen. Wer dort weiterhin den Boss spielt, stößt auf Widerstand. Man muss lernen, Facette zuzulassen. Dass man situationsbezogen agieren kann und muss, wenn man sein volles Potential ausschöpfen möchte. Ich kann beides sein: Erfolgreicher Geschäftsmann und liebevoller Papa und Ehemann sein. Ich kann lustig und gesellig sein, darf aber auch mal traurig und unsicher sein. Ich darf Dinge in meinem Leben erreichen und ich darf aber auch scheitern. Ich darf ein Macher sein, darf aber auch Hilfe annehmen. Nur muss ich dafür lernen, wann was angebracht ist – das erfordert intensive Selbstreflexion. Sonst heißt es schnell: »Typisch Mann«. Das führt wieder dazu: Keine Rollen erfüllen – weder alte noch neue – sondern echt sein, authentisch.
Authentizität ist heute wichtiger denn je. Durch die Social Media Welt und die ständige Selbstinszenierung haben wir gerade jetzt die Chance zu zeigen, echt zu sein. Nicht unbedingt »echte Männer«, was irgendwie antiquiert klingt, sondern echte Menschen. Dass sich Männer auf ihre Füße stellen, ihre Menschlichkeit leben und diese auch selbstbewusst beanspruchen dürfen!
Und da sehe ich die Parallelen zum Familienleben. Meine Kinder arbeiten dann mit mir zusammen, wenn ich es ihnen vorlebe – nicht, wenn ich ihnen Predigten halte. Sie brauchen Sicherheit, Vertrauen und eine klare, authentische Haltung – ich muss ihnen schlüssig erklären können, warum etwas sinnvoll oder notwendig ist. Wenn da der Funke überspringt und die Message klar kommuniziert wird, dann läuft es. Dafür aber muss ich mich selbst sicher fühlen, meine Stärken und Schwächen kennen, mir selbst vertrauen können und meinen Wert als Mensch kennen, der über jeglicher beruflichen Position liegt. Diese Form von Karriereleiter befindet sich in einem selbst.
Genauso ist es bei respektierten Führungskräften: Stärke entsteht aus innerer Stabilität, nicht aus Positionen oder Titeln. Meine Leitfrage für fokussierte Energie, die mich auf Kurs hält, lautet: »Macht es das besser?« Wenn geschäftliche Entscheidungen zu treffen sind, wenn es um zwischenmenschliche Themen oder Privates geht – die Frage, ob »es das jetzt besser macht«, was ich vorhabe, klärt sofort und bringt Ordnung in teils verworrene Szenarien. Denn dieses »Besser« schließt ja alles mit ein: Mich selbst, die Menschen um mich, die Gesamtsituation. Und das wiederum schließt gleichzeitig sehr vieles aus. Das finde ich sehr effizient.
Diese beinahe kindliche Neugierde ist es, was meiner Meinung nach der wahre Motor für Disziplin ist. Lernen, daran wachsen und immer einen Schritt weitergehen, als man bis vor kurzem noch für möglich gehalten hat. Damit wächst das Selbstvertrauen und man wird souveräner, was den Umgang mit Rückschlägen angeht.
Wenn Routine langweilt und man sich nicht so richtig dazu aufraffen kann, ist es manchmal gar nicht so wichtig, sich nach dem Motto »Pobacken zusammenkneifen und durch« zu überwinden, sondern den Funken neu zu finden. Was ist es, was wieder das Feuer in mir entfacht? Wo kann ich in die Tiefe gehen? Was gibt es zu entdecken? Was kann ich besser machen? Was gibt es für mich noch zu lernen?
Wenn man diese Handlungsfähigkeit in sich selbst entdeckt, entwickelt man große innere Stärke, weil man sich von äußeren Faktoren immer unabhängiger macht. Der Mann selbst wird zum Grund und zur Basis seiner Disziplin.
Viele Impulse aus MAN POWER zielen genau darauf ab: Den Fokus und die Urteilsfähigkeit zu schulen, was wichtig ist und was nicht.
Generell aber würde ich empfehlen, Fokus allgemein in den Alltag zu integrieren und nicht nur in beruflicher Hinsicht zu leben. Das kann zum Beispiel in Form von Hobbys sein, die volle Aufmerksamkeit erfordern und unmittelbar spiegeln, ob man bei der Sache ist oder nicht. Bei mir ist das beispielsweise das Bogenschießen. Ich habe da sehr schnell gelernt, dass es einen großen Unterschied zwischen Konzentration und Fokus gibt. Fokus blendet nämlich für einen gewissen Zeitraum die gesamte Umwelt aus – und das muss man heute wieder neu lernen, bei all den Möglichkeiten zur Ablenkung, die einem zur Verfügung stehen.
Eines nach dem anderen – das bringt Struktur in den Arbeitsalltag. Klingt zunächst mal einfach, ist es aber nicht unbedingt, wenn man lange Zeit versucht hat, alle möglichen Anforderungen zeitgleich zu managen. Auch das lässt sich gut in den Alltag integrieren: Wenn ich arbeite, arbeite ich. Wenn ich E-Mails beantworte, beantworte ich E-Mails. Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, dann richtig. Wenn ich ein Gespräch führe, bin ich voll präsent. All das schließt mit ein, dass ich währenddessen nicht auf mein Handy schaue, schon an den nächsten Auftrag denke, oder was ich heute noch alles zu erledigen habe.
Präsenz ist Fokus. Die Menschen um einen herum spüren genau, ob man jetzt gerade hier bei ihnen ist oder mit dem Kopf ganz woanders. Und so lassen sich auch schwierige Themen viel besser strukturieren und meistern. Ganz abgesehen davon, dass die Zeit, die man zur Verfügung hat, qualitativ wesentlich hochwertiger wird.
15 Jahren begleitet er Menschen in Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsprozessen.
Beitragsbilder: Gudrun Blümel