Es war zugegebenermaßen etwas stiller geworden um Christian Lindner. Nach dem Kommunikationsdesaster rund um die Regierungskrise in Thüringen beherrschte die Corona-Krise das Tagesgeschehen und die Öffentlichkeit. Regierung und Opposition übten sich in Einigkeit. Damit ist jetzt Schluss. Und die härtesten Attacken führte am Donnerstag der FDP-Chef selbst. Mit seinem Redebeitrag im Bundestag beendete er die „große Einmütigkeit in der Frage des Krisenmanagements“ und lieferte einen weiteren Beweis, dass er seine große Redekunst an neue Verhältnisse adaptieren kann.
Inzwischen habe sich der Umgang im Plenum gewandelt: „Polemik wird auch vom Publikum nicht mehr im Übermaß geschätzt“, teilte Lindner im Rahmen eines Redner-Checks zum Jahreswechsel dem Tagesspiegel mit. Was daran läge, dass die großen Systemfragen sich nicht mehr zu stellen scheinen. Diese Erkenntnis hinderte ihn nicht, AfD-Co-Fraktionschef Alexander Gauland quasi im Vorbeigehen abzubügeln. Dabei war diese kleine Einleitung aus rhetorischer Sicht ein großer Schachzug. Direkt an den AFD-Mann gewandt betont er zum Beginn seiner Rede, dass der Gesundheitsschutz unzweifelhaft eine Aufgabe für die staatliche Verantwortungsgemeinschaft sei. Mit diesem Satz stellt er klar, wer Teil dieser Verantwortungsgemeinschaft ist, und wer nicht. Außerhalb dieser Verantwortungsgemeinschaft verortet er die AFD. Die FDP, die viele Einschränkungen der Grundrechte eben zum Gesundheitsschutz mitgetragen oder initiiert hat, ist dagegen Teil dieser Gemeinschaft. Indem er diese Trennlinie zieht, macht er unmissverständlich klar, dass alles Folgende, eben auch seine scharfen Angriffe auf die Kanzlerin an diesem Tag nur zum Wohl dieser Verantwortungsgemeinschaft passieren.
Stilistisch nutzt er inzwischen kürzere Sätze als früher, seine Stimmlage geht am Satzende deutlich nach unten. Durch das Absenken der Stimme verleiht er seinen Aussagen noch mehr Nachdruck und Glaubwürdigkeit. Er nutzt einen Effekt, den auch jeder Leser und jede Leserin für sich üben kann. Halten Sie Ihre Sätze kurz und sprechen Sie in Gedanken den Punkt am Ende des Satzes mit. Automatisch machen Sie dadurch auch eine kleine Pause und wirken sehr viel souveräner.
Autor: Michael Ehlers
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