Sie haben schon hundertfach gehört, dass Sie delegieren sollen. Aber was man dabei falsch machen kann, wissen die meisten nicht.
In meinen Führungscoachings geht es sehr oft um die Frage des Delegierens. Es gibt fünf Arten des Delegierens, die fünf Ebenen des Vertrauens beinhalten. Ich will sie Ihnen hier sichtbar machen. Erst in der letzten Ebene haben Sie das »Römer-Delegieren« erreicht.
Ebene 1: Sie geben jeden einzelnen Schritt vor
Die erste Art des Delegierens sieht so aus. Sie delegieren, indem Sie Ihren Mitarbeitern genau vorschreiben, was sie machen sollen. Eins zu eins, akribisch und bis ins Detail. »Hier, machen Sie das bitte so und so. Das ist die Farbe, die ich haben will. Das ist die Schriftgröße, die ich haben will. Und diesen Text verwenden Sie.«
Ebene 2: Der Mitarbeiter arbeitet vor – Sie geben frei
Die zweite Art: Sie geben die groben Vorgaben vor und sagen: »Machen Sie es bitte eigenständig und schicken Sie mir anschließend den Entwurf. Ich werde ihn dann freigeben.«
Das macht durchaus seinen Sinn. Denn am Anfang soll der Mitarbeiter Ihre Logik, Ihre Systematik und Ihre Art kennenlernen, wie Sie Dinge gelöst haben wollen.
Ebene 3: Der Mitarbeiter entwickelt Lösungen – Sie entscheiden
Jetzt kommt die nächste Art, ein Schritt weiter in der Unabhängigkeit. Sie geben nur noch ein Ziel vor. »Herr Weber, unser Ziel ist es, dass wir über Social Media 50 Prozent mehr Anfragen bekommen. Erarbeiten Sie Vorschläge.«
Der Mitarbeiter erarbeitet selbstständig verschiedene Ideen, aber legt sie Ihnen vor. Sie entscheiden dann, welche Idee umgesetzt wird.
Ebene 4: Der Mitarbeiter entscheidet selbst
Dann folgt die nächste Art des Delegierens. Sie geben dem Mitarbeiter so viel Freiheit, dass er selbst entscheiden kann. Sie sagen: »Herr Weber, unser Ziel ist es, dass wir über Social Media 50 Prozent mehr Anfragen bekommen. Sie entscheiden! Ich möchte lediglich in Kenntnis gesetzt werden.«
Der Mitarbeiter informiert Sie parallel darüber, was und wie er entschieden hat. Braucht aber nicht Ihre Genehmigung.
Ebene 5: Das Römer-Delegieren
Und dann gibt es den höchsten Schritt des Vertrauens. Das ist das, womit es Rom ein halbes Jahrtausend geschafft hat, das größte Weltreich der Erde aufrechtzuerhalten.
Rom konnte seinen Feldherren in Germanien, Palästina und Gallien keine Freigabe geben. Die Anweisung lautete: „Machen Sie vor Ort, was Sie für richtig halten. Sie müssen nicht mehr rückfragen. Ich vertraue Ihnen.“
Und das ist auch die letzte Art des vollständigen Delegierens, die Sie als Führungskraft erreichen können. Sie kontrollieren nicht – der Mitarbeiter entscheidet und informiert Sie nur noch über das Ergebnis.
Auch Sie können Römer-Delegieren
Diese größte Römer-Entscheidungsfreiheit hat jeder CEO, der als neuer Chef einer Firma eingestellt wird. Selbst wenn er nicht aus der eigenen Firma kommt, hat er volle Entscheidungsbefugnis und muss nur noch gegenüber dem Verwaltungsrat Bericht erstatten. Ansonsten hat er freie Hand.
Aber diesen Grad des Delegierens können Sie auch Ihren Untergebenen zubilligen. In meinen Führungscoachings erlebe ich immer wieder: Bis Ebene vier kommen viele Führungskräfte. Beim Römer-Delegieren wird es plötzlich schwierig. Natürlich müssen Sie erst nach und nach Vertrauen in diesen Mitarbeiter gewinnen. Aber es wird nie ohne Ungewissheit gehen.
Irgendwann ist der Moment, einen mutigen Schritt über den leeren Abgrund zu setzen, im Vertrauen darauf, dass das Leben unter Ihnen einen Brückenstein erschaffen wird.
Der Autor:
Matthias Pöhm forscht seit 25 Jahren zur Rhetorik und ist einer der bekanntesten Kommunikationstrainer im deutschen Sprachraum, Bestseller-Autor und Speaker. Er coacht Spitzenleute aus Politik und Wirtschaft für deren öffentlichen Auftritte und veranstaltet das teuerste Rhetorik-Seminar Europas, bei dem die Teilnehmer vor über 100 Menschen präsentieren müssen.