Ob Bundeskanzler, Oppositionspolitiker oder DAX-Vorstand: Wer vor großem Publikum spricht, muss in wenigen Minuten etwas schaffen, woran viele scheitern – komplizierte Gedanken so formulieren, dass Menschen zuhören. Genau dafür gibt es Redenschreiber und Redecoaches.
Friedrich Merz hält eine Regierungserklärung im Bundestag. Lars Klingbeil stellt den Bundeshaushalt vor. Ein DAX-Vorstand präsentiert auf der Hauptversammlung die Jahreszahlen. Und am Abend eröffnet irgendwo ein Bürgermeister das neue Feuerwehrhaus.
Vier völlig unterschiedliche Redner. Aber alle haben dasselbe Problem:
Sobald sie ans Rednerpult treten, müssen sie liefern. Und viele haben Unterstützung dabei.
Schreiben lernen wir – Reden kaum
Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit genau diesem Problem. Ich schreibe und entwickle Reden für Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik und bilde Rhetoriktrainer aus.
Das Merkwürdige dabei: Schreiben lernen wir in der Schule jahrelang. Öffentliches Reden dagegen kaum. Dabei gehört es für Politiker, Vorstände und Führungskräfte zum Berufsalltag.
Wer ein Unternehmen mit 20.000 Mitarbeitern führen kann, muss deshalb noch lange keine gute 20-Minuten-Rede halten können.
Genau hier beginnt meine Arbeit als professioneller Redecoach.
Die Gefahr bei Reden von Chefs
Wenn der Chef spricht, müssen die anderen zuhören – das sieht er oft als seine Gelegenheit... und missbraucht sie.
Das zusätzliche Problem: Kaum jemand sagt dem Chef hinterher, dass seine Rede eine Katastrophe war.
Mitarbeiter gratulieren. Kollegen nicken anerkennend. Irgendjemand sagt garantiert: »Sehr interessant.« Und der Redner geht nach Hause und glaubt, er könne reden.
Ein anderer schreibt – aber Sie müssen darin erkennbar bleiben
Der erste Schritt eines Politikers oder eines CEO's ist zu erkennen, dass er eine Verbesserung seiner allgemeinen Wahrnehmung erreicht, wenn er mit einem Redecoach zusammenarbeitet. Der Redenschreiber/Redecoach darf aber seinem Auftraggeber nicht einfach seine eigene Sprache überstülpen.
Eine Rede für Friedrich Merz muss anders klingen als eine Rede für Lars Klingbeil. Eine Rede für einen nüchternen Finanzvorstand anders als die eines extrovertierten Vertriebschefs.
Ein guter Ghostwriter schreibt deshalb nicht die Rede, die er selbst gerne halten würde. Er schreibt die Rede, die sein Klient halten könnte – nur besser.
Der Redecoach muss die Persönlichkeit des Redners erfassen: seine Sprache, seine Satzlänge, seinen Humor, seine Denkweise und sogar seine rhetorischen Eigenheiten.
Das Manuskript darf nicht nach Manuskript klingen
Was macht eine schlechte Rede aus?
Zu dicht am Manuskript kleben. Sätze produzieren, die auf Papier wunderbar aussehen, aber gesprochen nach Behördendeutsch klingen. Den Zuhörern Zahlenkolonnen vor die Füße werfen. Alles erklären wollen. Und nach 35 Minuten noch immer nicht beim Punkt angekommen sein.
Eine gute Rede funktioniert genau umgekehrt. Sie greift die Lebenswirklichkeit der Zuhörer auf. Sie verdichtet. Sie lässt weg. Sie macht komplizierte Sachverhalte verständlich und erzeugt Bilder im Kopf. Und vor allem: Sie klingt interessant.
Spitzenmanager lassen ihre Reden analysieren
Wenn ich mir die Auftritte von Spitzenmanagern anschaue, beobachte ich einen interessanten Trend: Manche Vorstandschefs verzichten inzwischen bewusst auf die perfekte multimediale Show und setzen wieder stärker auf Persönlichkeit, Argumente und Schlichtheit. Eines der größten Schweizer Weiterbildungsinstitute für Führungskräfte, die ZfU, wirbt inzwischen mit dem Slogan: »The Future is Analog.«
Ich sehe eine Rückbesinnung auf klassische rhetorische Überzeugungsmittel.
ChatGPT kann den Redenschreiber nicht abschaffen
Heute bekommt der Redecoach eine neue Konkurrenz hinzu: künstliche Intelligenz. Man gibt ChatGPT fünf Stichpunkte und erhält zehn Sekunden später eine komplette »Rede«.
Damit ist eine Frage nicht beantwortet: WAS für eine Rede?
Ich habe Reden von Coaching-Kunden zu lesen bekommen und nach zwei Sätzen weiß ich: Oh je, das ist ChatGPT. Man spürt es, man fühlt es, man riecht es. Es ist einfach der durchschnittliche unverbindliche Wortbrei. Ob das Publikum nach fünf Minuten noch zuhört, ist dann die Frage.
KI verändert den Beruf des Redecoaches, macht ihn aber garantiert nicht überflüssig.
Meine Erfahrung: Es braucht einen erfahrenen Redecoach, der überhaupt die richtigen Fragen an der richtigen Stelle an die KI stellt. Jemand, der erkennt, dass diese Metapher abgetragen ist, der erkennt, dass hier ein Beispiel hinmuss, der erkennt, dass an dieser Stelle Humor möglich ist. Nur ein erfahrener Coach kann subtile Mittelmäßigkeit erkennen und kann seinem Klienten DIE Fragen stellen, wo der plötzlich mit den besten Geschichten herauskommt, die bisher in seinem Redeentwurf noch nicht drin waren. Und erst mit diesem Wissen, stellt er feinpolierten Fragen an ChatGPT, auf die der Klient so nie gekommen wäre.
KI ist wie ein Krankenhaus-Operationsroboter. Nur weil der Laie einmal ein YouTube Video über diesen Roboter angeschaut hat, kann er diese Maschine nicht mit ein paar Eingaben füttern und dann an einem Patienten operieren lassen. Es braucht trotzdem einen erfahrenen Arzt.
Genauso ist es mit einer Rede. Viele denken, die KI Maschine kann Ihnen ohne eigenes Rhetorik-Wissen eine Highlight-Rede machen. Das ist aber gesamthaft unmöglich.
Gute Redenschreiber müssen gnadenlos streichen können
Der Coach erkennt, wo braucht es Geschichten, wo braucht es eine Zuspitzung, wo braucht es Humor. Der Coach erkennt aber vor allem, was herausmuss.
Der Vorstand möchte noch die neue Strategie erwähnen. Der Kommunikationschef will unbedingt die Nachhaltigkeitsinitiative unterbringen. Die Fachabteilung liefert zwölf Kennzahlen. Das Marketing möchte die neue Kampagne erwähnt haben.
Am Ende enthält die Rede alles. Nur keine Wirkung mehr.
Ein professioneller Redecoach muss deshalb den Mut besitzen, Informationen wegzulassen. Das gehört zu meinen edelsten Aufgaben. Ich entferne zum Wohle des Publikums all das, was der Kunde unbedingt drin haben wollte.
Redenschreiben ist ein Handwerk
Redenschreiben ist ein Sprachhandwerk. Komplizierte Dinge in wenigen Minuten verständlich auf den Punkt zu bringen, erfordert Übung, Erfahrung und Intuition.
Dazu kommen Kreativität, Allgemeinwissen und Erzähltalent – drei Fähigkeiten, die wichtig für meinen Beruf sind. Der Redecoach bleibt dabei meist unsichtbar.
Der Politiker bekommt den Applaus. Der Vorstand bekommt das Lob. Der CEO wird für seinen starken Auftritt beglückwünscht. Und irgendwo sitzt jemand, der einen beträchtlichen Teil der Sätze geschrieben hat.
Der Autor:
Matthias Pöhm forscht seit 25 Jahren zur Rhetorik und ist einer der bekanntesten Kommunikationstrainer im deutschen Sprachraum, Bestseller-Autor und Speaker. Er coacht Spitzenleute aus Politik und Wirtschaft für deren öffentlichen Auftritte und veranstaltet das teuerste Rhetorik-Seminar Europas, bei dem die Teilnehmer vor über 100 Menschen präsentieren müssen.