2014 stand der Entschluss fest Synchronsprecher zu werden. Ich war acht Jahre lang Grafikdesigner und suchte eine neue Herausforderung. Meine Mutter und ich setzten uns also an den Küchentisch bei einer Flasche Wein und schrieben auf »was Bernd gut kann«. Da stand dann »Synchron« – drei Mal unterstrichen. Eine Zeitungsannonce brachte mich etwas später zum Radio und die tägliche Arbeit dort mit dem Mikrofon in die richtige Richtung. Monatelang erzählte ich jedem, der mir begegnete von meinem Wunsch, Synchronsprecher werden zu wollen, und ob sie jemanden kannten, der darüber mehr wusste als ich. Am Ende traf ich dann den einen Menschen, der den ersten Stein des Weges ebnen sollte. Erfahrungsgemäß braucht es immer nur den einen Kontakt, um den Stein ins Rollen zu bringen.
Ich versuche dem Schauspieler, der mir die Rolle und sein Spiel vorgibt, so gerecht wie möglich zu werden. Ich bin ein Papagei-Chamäleon. Ich muss cool bleiben, auch wenn die Anweisungen der Kollegen oft nur so auf mich einprasseln, während ich die neueste Textänderung des Regisseurs auswendig lerne. Wenn dann alle happy sind mit dem Take und man zum nächsten weiter springt – oft 30 bis 50 Mal pro Stunde –, ist man am Ende des Tages sehr erschöpft. Aber all diese Schritte, dieser komplexe intime Prozess, macht das Ganze so magisch. Und wenn man Dan Aykroyd in Ghostbusters mit seiner Stimme deutsch reden hört und jede Lippenbewegung ist perfekt getroffen – dann ist Zeit für Stolz!
Sylvester Stallone fällt mir sehr schwer, denn der Anspruch ist sehr hoch, authentisch zu klingen. Im Grunde ist jeder Schauspieler der Spitzenklasse, jede merklich akribisch vorbereitete Rolle in Filmen und Serien, Schwerstarbeit für mich. Sobald die Figur weit weg von unserer gelebten Welt ist, wird es eine Herausforderung, es so klingen zu lassen, als ob es normal wäre. Mittlerweile haben wir uns natürlich an deutschsprechende Cowboys, Hood Gangster oder Wikinger gewöhnt – dank top Synchro. Und gerade bei diesen Genres sehe ich für eine KI in näherer Zukunft keine Chance, einen fühlenden lebenden Ton ersetzen zu können. KI soll meine Steuererklärung machen und keine Kunst!
Ich höre mir alte Aufnahmen von Herrn Danneberg an, habe seinen Klang im Ohr und weiß, wie ich modulieren muss, um den Sound zu erschaffen. Schwer ist es, nicht so zu klingen, als ob man ihn parodiert. Da hilft es, nah am Original zu bleiben, also die Atmosphäre des Films aufzunehmen.
Im Synchron sieht man die zu besprechende Szene im Original. Parallel liest man den Text, der dann statt des gerade gehörten verwendet werden soll. Es geht also um Timing, Intensität, Spiel und Emotion. Und wenn das Buch, also der Sprechtext, gut ist, dann wird die Illusion perfekt, dass Arnold Schwarzenegger perfekt Hochdeutsch spricht.
Voice-Over für Dokus oder Reality-TV-Shows sind wieder anders und Hörbücher brauchen einen sehr langen Atem, Konzentration und Geduld. Computer-Spiele werden meist ohne Bild, also auch ohne gespielte Vorlage, realisiert. Die Herausforderung besteht darin, die Länge des Original-Satzes, der Vorlage, zu treffen. Das Spiel und die Stimmung hört man und entnimmt die Situation einer textlichen Beschreibung, die mir der Regisseur mitteilt. Eine ganz andere Art der Arbeit, aber nicht weniger fordernd. Ebenso wie Werbung seine ganz eigenen Ansprüche an den Sprecher stellt. Hier muss vor allem die Emotion in der Stimme zum Produkt passen. Dabei hören meist zwei bis sechs Leute zu, die alle eine Meinung zu jedem Wort haben können. Da heißt es, ruhig zu bleiben. Nach einer Stunde sind bisher noch alle glücklich gewesen.
Ich bin immer wieder begeistert, wenn man mich besetzt und die Rolle ganz weit weg von mir und meinem Naturell ist. Bei »Killing Eve« durfte ich in der zweiten Staffel einen arroganten, schlanken, Mittvierziger Tec-Milliardär sprechen. Ein psychopathischer Bösewicht – das war herrlich! Aber in Zukunft bin ich einfach sehr gespannt, auf was man mich noch alles besetzen wird, ich bin definitiv für alles zu haben. Es muss nicht immer der coole Held sein. Ich traue mir auch zu, Jesus zu synchronisieren, das würde meinem Bruder sicher gefallen, er ist Priester im Raum Regensburg.
LT
Bild: Stahn